Thomas King
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"Das Internet hat es geschafft"

  • vonGerd Chmeliczek
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Die halbe Arbeitswelt ist im Homeoffice. Ohne funktionierendes Internet wäre das undenkbar. Videokonferenzen, ein verstärktes E-Mail-Aufkommen - dazu noch das, was sowieso schon durch die Leitungen läuft: gestreamte Filme und jede Menge Online-Spiele. Beim größten Internet-Knoten der Welt in Frankfurt löst das aber keine Hektik aus. Es läuft. Und es ist noch genügend Luft nach oben.

Seit nunmehr 25 Jahren ist der Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) in der Bankenstadt ansässig. Gemessen am Datendurchsatz ist er der größte Internet-Knoten der Welt. Die Corona-Krise hat auch die DE-CIX Group AG als Betreiber vor besondere Herausforderungen gestellt. Aber eine Gefahr, dass das Netz unter der größeren Belastung zusammenbricht, bestand nicht, wie Technikchef Dr. Thomas King im Gespräch erklärt.

Herr King, was verbirgt sich hinter dem Namen DE-CIX?

DE steht für Deutschland und CIX für Commercial Internet Exchange. Wir haben schon sehr früh erkannt, dass man Internet-Infrastruktur kommerziell betreiben muss, um professionell arbeiten zu können. Unser stetiges Wachstum und die Tatsache, dass wir in diesem Jahr unser 25-jährjges Jubiläum feiern können, zeigen, dass wir den richtigen Weg gewählt haben.

Was genau ist ein Internet-Knoten?

Das Internet ist ja das Netz der Netze. Das bedeutet, Google, Facebook oder Twitter, um nur einige zu nennen, betreiben alle eigene IP-Netze. Sie zum Beispiel betreiben zu Hause auch ihr eigenes kleines Netz. Diese Netze müssen nun zusammengeschaltet werden. Wenn Sie also von Ihrem Handy aus eine Anfrage an Google starten, müssen ihr Internet-Anbieter und Google zusammengeführt werden, damit ihre Anfrage entsprechend bearbeitet und beantwortet werden kann. Und das tun wir.

Wie viele solcher Netze gibt es weltweit?

Das sind etwa 65 000 rund um den Globus. Das macht es sehr komplex. Daher haben sich Internet-Knotenpunkte herausgebildet, dem sich die einzelnen Netze angeschlossen haben, damit der Austausch funktioniert. Etwa 1000 dieser Netze kommen in Frankfurt zusammen.

Wie wird man zum größten Knotenpunkt der Welt?

Sie müssen einen möglichst störungsfreien und robusten Service anbieten. Dazu kommt, dass wir neutral sind. Das bedeutet, dass wir nicht nur in einer Branche unterwegs sind oder uns nur auf einen Anbieter konzentrieren. Das ist zum Beispiel in den USA anders. Dort sind diese Knoten oftmals im Besitz eines Unternehmens, dass dann natürlich den Konkurrenten nicht zum Zug kommen lässt. Da kocht jeder gerne sein eigenes Süppchen.

Konkret: Wenn ich Ihnen aus Gießen eine E-Mail nach Frankfurt schicke…

… dann läuft die wohl über unseren Knoten (lacht). Das kommt zwar darauf an, welche Internet-Provider wir beide nutzen, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr groß.

Homeoffice hat in Corona-Zeiten einen enormen Zuspruch erfahren. Warum ist das Internet in Deutschland nicht in die Knie gegangen?

Wir haben gesehen: Das Internet hat es geschafft. Wir haben eine deutliche Zunahme von rund 120 Prozent bei den Videokonferenzen auf unserer Plattform verzeichnet. Eine Verdopplung gab es bei Online-Spielen. Auch die Social-Media-Nutzung hat stark zugenommen. Aber das ist im Prinzip kein Problem. Denn das Internet ist so konstruiert, dass es den Peak, also den Zeitraum der größten gleichzeitigen Nutzung, wegstecken kann. Normalerweise wird dieser Peak übrigens am Sonntagabend erreicht, wenn alle zu Hause sind und beispielsweise Filme streamen.

Können Sie die Zunahme in etwa beziffern?

Insgesamt sprechen wir von rund 15 Prozent Zunahme beim Traffic, also beim Internet-Verkehr. Aber alle, die ihre Netze professionell betreiben, planen sowieso eine jährliche Zunahme des Datenvolumens von rund 30 Prozent ein. Auch wir halten eine solche Reserve vor. Dadurch vermeiden wir Engpässe. Wir bauen weiter aus, sobald 63 Prozent der vorhandenen Kapazitäten erreicht werden.

Das bedeutet, die Corona-Krise hat Ihnen keine schlaflosen Nächte bereitet?

Wir waren schon sehr früh und regelmäßig mit Kollegen aus Italien in Kontakt und haben uns vorbereitet. Von den Kollegen wussten wir, dass eine Steigerung des Datenvolumens von zehn bis 15 Prozent auf uns zukommen wird. Bei der Internet-Infrastruktur mussten also aufgrund unserer Reserven nicht so viel machen. Aber auch wir mussten uns im Homeoffice organisieren, konnten aber auf unsere Notfallpläne zurückgreifen.

30 Prozent Reserve, was bedeutet das konkret?

In Frankfurt haben wir am 10. März beim Datenaustausch in der Spitze 9,1 Terabit pro Sekunde erreicht - übrigens ein neuer Weltrekord. Das entspricht 2,5 Millionen gleichzeitiger HD-Videostreams. Das bedeutet, dass wir bei 30 Prozent Reserve in etwa über drei Terabit sprechen, die wir vorhalten. Oder anders ausgedrückt: Noch einmal rund 750 000 gleichzeitige Videostreams.

Hat sich das Nutzerverhalten auch im Tagesverlauf geändert?

Ja, das hat es. Während es an Wochenenden deutlich weniger Datenverkehr durch Videokonferenzen gibt, wird beim durchschnittlichen Aufkommen ein anderer Trend beobachtet: Seit den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ab Ende Februar verteilt sich der Datenverkehr über die gesamte Woche, es gibt kaum noch Unterschiede zwischen Werktagen und Wochenenden. Das bedeutet, wir haben weniger Traffic von Videokonferenzen, sehen dafür aber mehr in den Bereichen Gaming und Streaming. Die unterschiedlichen Segmente gleichen sich während der Werktage und Wochenenden aus, das erklärt den konstant hohen durchschnittlichen Datenverkehr. Während Corona sehen wir zudem, dass es zwischen 9 und 13 Uhr, also der Home- office-Kernzeit, einen Anstieg im Traffic um rund 15 Prozent gibt. Abends lag der Peak vor Corona und Homeoffice zwischen 21 und 22 Uhr: Feierabend auf der Couch, es wird ein Film oder eine Serie ge-streamt. Auch das hat sich etwas geändert.

Inwiefern?

Interessanterweise hat sich der Peak abends nach hinten verschoben. Normalerweise flacht die Kurve ab 23 Uhr ab. Die Menschen gehen ins Bett, weil sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahren müssen. Das verschiebt sich jetzt eher Richtung zwei Uhr. Zwischen 23 und 2 Uhr haben wir insgesamt einen Anstieg von rund 20 Prozent im Traffic zu verzeichnen.

Wie interpretieren Sie das?

Die Menschen bleiben länger auf, weil sie morgens nicht so zeitig aus dem Haus müssen, um zur Arbeit zu fahren. Denn eine Verschiebung des Arbeitsbeginns nach hinten haben wir nicht festgestellt

Sie sind seit 25 Jahren auf dem Markt. Was wird in nächster Zeit die größte Herausforderung sein?

Deutschland muss als Standort attraktiv bleiben. Wir sind grundsätzlich gut aufgestellt, aber es gibt auch Baustellen. Durch die EEG-Umlage ist der Strom in Deutschland relativ teuer, was die Ansiedlung von Rechenzentren erschwert. Ist der Strom in anderen Ländern günstiger, wandern die Unternehmen halt ab. Wir müssen aufpassen, dass wir in Sachen digitale Infrastruktur nicht den Anschluss verlieren. Wir haben gute Qualität in Deutschland, wollen aber alles immer gleich perfekt machen. Ein wenig mehr querdenken, ein wenig mehr Risiko und mehr Unterstützung für junge, aufstrebende Macher würde dem Standort Deutschland sicher guttun.

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