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Dort wo die Brücke im Hintergrund endet, begann mit der Erdbaustelle der Verantwortungsbereich des Vermessungsingenieurs Anton "Toni" Ocepek, der vor 45 Jahren den Bau der Autobahnbrücke bei Dorlar unmittelbar miterlebte. (Fotos: sel)

Wie ein Ingenieur in Dorlar landete...

Lahnau (sel). Gut fünf Monate sind seit dem symbolischen Spatenstich Anfang November zum Beginn der Neubauarbeiten an der Autobahnbrücke in Dorlar vergangen. Noch steht das alte Bauwerk über das Lahntal, das vor viereinhalb Jahrzehnten im Zuge des Baus der Autobahn 45, die Sauerlandlinie, in etwa anderthalbjähriger Bauzeit errichtet wurde.

Aber die Vorbereitungen für den Teilabriss der westlichen, die Fahrbahnen in Richtung Hanau tragenden Brückenhälfte laufen auf Hochtouren. Der gesamte Verkehr läuft schon seit Monaten ausschließlich und mit den entsprechenden Einschränkungen über die östliche Brückenhälfte. Ein Hinweis auf die Vollsperrung der unter der Brücke – parallel zur Bahnlinie und der Lahn – verlaufenden L 3020 von Dorlar nach Garbenheim vom 28. April an deutet darauf hin, dass es ernst wird mit dem Abriss.

Ein Dorlarer Bürger, Anton Ocepek, den alle nur "Toni" nennen, schaut ganz besonders auf die Autobahnbrücke. Denn er kennt diese Baustelle allzu gut. Allerdings nicht die aktuelle, sondern jene vor viereinhalb Jahrzehnten, als Brücke und Straße entstanden. Vom Dörfchen Dorlar an der Lahn zwischen Wetzlar und Gießen hatte der gebürtige Slowene bis dahin noch nichts gehört. Der Vermessungsingenieur wohnte bei Darmstadt und arbeitete für die in Kaiserslautern ansässige Firma Gehlen-Bau. Dieses Unternehmen hatte sich das Erdbaulos an der Sauerlandlinie gesichert. Der damals 35 Jahre alte Vermessungsingenieur Ocepek gehörte zum Gehlen-Bau-Team, das sich, beginnend in Dorlar, an die Erdbaustellenarbeit machte. Parallel dazu wurde die Brücke gebaut.

Nichts ist für die Ewigkeit

Anderthalb Jahre war für Ingenieur Ocepek der Autobahnbau bei Dorlar berufliche Heimat. Während viele Hundert Kollegen nach Fertigstellung von Brücke und Straße das Lahntal wieder verließen, blieb Ocepek, Dorlar wurde ihm zur Heimat.

Die Bauarbeiter nutzten damals die Infrastruktur des Dorfes, kauften dort ein, bevölkerten die noch zahlreichen Kneipen – und lernten dabei Einheimische kennen. So auch der Ingenieur: Schon 1970 heiratete er eine Einheimische und wurde schnell Dorlarer. Er trat in den Sportverein und den Gesangverein ein, wurde Teil des dörflichen Vereinslebens. Von beiden Vereinen hat er mittlerweile Jubiläumsurkunden für jahrzehntelange Mitgliedschaft erhalten. Schon 1973 zog er ins neu erbaute Haus. Beruflich blieb Ocepek zunächst bei Gehlen-Bau, arbeitete unter anderem einige Jahre in der Schweiz. Dann wechselte der Ingenieur zur Baufirma Müller in Gönnern im Hinterland, aus der er nach 21 Jahren in die Rente wechselte.

Heute ist Anton Ocepek 80 Jahre alt. Die Autobahnbaustelle hat ihn nach Dorlar geführt, nun sieht er, dass das Bauwerk abgerissen und im Laufe der nächsten Jahre durch ein moderneres und leistungsfähigeres ersetzt wird. Und er ist wohl der einzige der damals am Bau Beteiligten, dem Brücke und Straße danach in wenigen Hundert Metern Entfernung direkte Nachbarn gewesen sind.

So richtig emotional reagiert Anton Ocepek nicht auf das, was jetzt auf "seiner" alten Baustelle passiert: "Das muss wohl so sein, nichts bleibt, wie es ist." Und auch die nun entstehende Brücke werde nicht für die Ewigkeit gebaut. Das wirklich Bedenkenswerte 45 Jahre nach dem Brückenbau sei für ihn die "Geschwindigkeit, mit der fast ein halbes Jahrhundert ins Land geht".

50 Millionen Euro, so die noch aktuelle Schätzung, wird der 500 Meter lange Brückenneubau kosten. Nötig ist er, weil mittlerweile tagtäglich 52 000 Fahrzeuge, davon 11 000 Lastkraftwagen, über die Brücke fahren, was sie laut Expertenmeinung an ihre Belastbarkeitsgrenzen gebracht hat. In den Anfangsjahren passierten täglich 13 000 Fahrzeuge das Bauwerk. Die Prognose des Hessischen Wirtschaftsministeriums geht für 2025 von 80 000 Fahrzeugen bei steigendem Anteil des Schwerlastverkehrs aus.

Dem soll die neue Brücke Rechnung tragen. Zudem wird sie für sechsspurigen Verkehr ausgelegt. Vorgesehen ist, die erste Brückenhälfte möglichst noch in 2015 fertigzustellen, die dann den Verkehr der Sauerlandlinie solange aufnehmen wird, bis die östliche Hälfte voraussichtlich im Jahr 2017 ebenfalls vollendet ist.

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