Infektionsschutz kontra Kindeswohl?

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Offenbach- Der Umgang des Kreises Offenbach mit einem Corona-Fall in einer Kindertagesstätte erregt bundesweites Aufsehen. Anlass sind Serienbriefe des Gesundheitsamtes an die Betroffenen der Kita Schulstraße in Dreieich. Darin wird eine häusliche Isolierung angeordnet, verbunden mit der Anordnung, die Wohnung nicht zu verlassen und Kontakte mit Besuchern und Mitbewohnern auf das Notwendigste zu beschränken. Für den Fall der Zuwiderhandlung wird mit Zwangsgeldern, Haft oder sogar der Zwangsunterbringung in einer Isolierstation gedroht.

Die Initiative "Familien in der Krise" und der Deutsche Kinderschutzbund laufen dagegen Sturm. Von "Kindeswohlgefährdung" ist die Rede und von "seelischer Grausamkeit". "Die Situation der Quarantäne ist für Familien, insbesondere für Kinder, ohnehin sehr belastend", sagt Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. Kinder in dieser Phase von Eltern und Geschwistern zu isolieren, "ist eine Form psychischer Gewalt". Dies sei unverhältnismäßig und nicht hinnehmbar. "Die Drohung mit dem scharfen Schwert der Herausnahme und Unterbringung auf einer Isolierstation, verunsichert Familien nachhaltig", so Hilgers.

Der Kreis wiederum spricht von einem Missverständnis, beruft sich auf das Infektionsschutzgesetz und das Robert-Koch-Institut (RKI), die Inhalte der formellen Quarantäne-Anordnung vorgeben. Das gelte auch für die von den Verbänden kritisierten Passagen, teilte Kreissprecherin Ursula Luh mit. Um die Anordnung der Lebenswirklichkeit von Familien anzupassen, werde im Gespräch mit den Betroffenen jeweils individuell geklärt, welche Vorgaben umgesetzt werden können. Das Jugendamt des Kreises trage dies mit.

Die Androhung möglicher Rechtsfolgen wie Zwangsgeld oder Isolierung sei notwendig, um diese gegebenenfalls auch umsetzen zu können. Entsprechende Passagen seien in derartigen Schreiben üblich. Das bestätigt auch Frank Walzer, Sprecher des Main-Kinzig-Kreises, dessen Ärztlicher Dienst sich ebenfalls standardisierter Absonderungsbescheide bedient.

Das weiß auch die Initiative "Familien in der Krise". "Aber dass Ämter und Politik - nach fünf Monaten Corona-Krise - nicht in der Lage sind, die Maßnahmen an die außergewöhnliche Lage von Kindern und Familien anzupassen, zeugt von absoluter Ignoranz!", sagt Sprecherin Diane Siegloch.

Corona-Lage in Offenbach stabil

Nach einem Corona-Ausbruch in Offenbach bleibt die Situation in der Stadt stabil. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen lag am Donnerstag bei 29 und damit auf Vortagsniveau, wie das hessische Sozialministerium mitteilte. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz war am Dienstag zunächst auf 39 gestiegen und dann gesunken. Im Odenwaldkreis ist die Situation mit 26 Infektionen auf 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen etwas angespannt. Dahinter folgt der Rheingau-Taunus-Kreis mit 22. Offenbach selbst meldete gestern drei neue Infektionsfälle. Damit seien aktuell 65 Menschen in der Stadt mit SARS-CoV-2 infiziert.

Hessenweit stieg die Zahl der seit Beginn der Pandemie Infizierten moderat an - um 56 auf 12 310. cm/dpa

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