Mit individueller Förderung zum Abschluss

Hohensolms (age/pm). In der Evangelischen Jugendburg haben 30 junge Leute aus dem Landkreis Neuwied, die im nächsten Jahr ihren Hauptschulabschluss machen wollen, die Hälfte ihrer Sommerferien verbracht.

Sie lernten Mathe, Deutsch und Englisch, bereiteten sich aufs bevorstehende Bewerbungsverfahren vor und studierten ein Musical ein. Denn alle Teilnehmer der "Leuphana-Sommerakademie" laufen Gefahr, dass sie nur einen mäßigen oder gar keinen Schulabschluss schaffen werden.

Das sollte sich durch das Camp ändern, versprach deren "Erfinder", Professor Dr. Kurt Czerwenka von der Leuphana-Universität in Lüneburg. Bei bisherigen Projekten habe die Erfolgsquote bei über 90 Prozent gelegen. Das Besondere: Nach den drei Wochen Intensivbetreuung sei die Unterstützung nicht beendet. Vielmehr würden die Jugendlichen bis zum Schulabschluss oder gar bis in die Ausbildung hinein weiterbetreut. Finanziert werde die Sommerakademie je zur Hälfte von der WGZ-Bank-Stiftung und der Agentur für Arbeit Neuwied.

Am Ende der Akademie stellten die Beteiligten das vom Bundespräsidenten für dessen Wissenstransfer ausgezeichnete Konzept näher vor. Und man bekam einen direkten Eindruck, wie hart und mit wie viel Eifer die Jugendlichen unter professioneller Anleitung an ihrer Zukunft gearbeitet haben.

Es liege in der Natur der Sache, dass vielen Jugendlichen ausgerechnet dann der Sinn nach völlig anderem als Lernen stehe, wenn das Ende der Schulzeit näher rücke. Doch wer nur einen knappen oder überhaupt keinen Schulabschluss schaffe, habe es schwer, den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen. Das Sommercamp der besonderen Art solle "gefährdeten" Mädchen und Jungen aus dem Landkreis Neuwied dabei helfen, den Übergang von der Schule in den Beruf ohne Schwierigkeiten zu meistern.

In dem Projekt könne er die Erkenntnisse aus vielen Jahrzehnten der Forschung und Lehre mit der praktischen Arbeit verbinden - und so den konkreten Nutzen und den Erfolg seiner Theorie hautnah erleben, sagte Professor Czerwenka.

Ganzheitlicher Ansatz

Eingebettet sei das Projekt in einen streng strukturierten Tagesplan, damit die Jugendlichen erführen, dass man auch etwas durchhalten müsse.

Frei nach Pestalozzi spreche man Kopf, Herz und Hand an. Gerade "schlechte" Schüler bräuchten Erfolgserlebnisse, erläuterte er weiter. In der Sommerakademie gehe es deshalb auch nicht allein darum, Defizite in Mathe, Deutsch und Englisch aufzuholen. Hier denke man ganzheitlich, und deshalb würden die ganz persönlichen Stärken jedes einzelnen Teilnehmers ausgelotet und gefördert. Zum Beispiel in Theatergruppen oder Bands, in der Holzwerkstatt oder am Computer.

Es sei immer wieder beeindruckend zu beobachten, welche Wandlung selbst jene Jugendlichen im Laufe von drei Wochen durchmachten, die zu Beginn des Camps durch ihre kritische und bisweilen sogar ablehnende Haltung auffallen, sagte der Psychotherapeut und Pädagoge Czerwenka.

Neben den Schulfächern, den schönen Künsten und der Unterweisung in ganz praktischen Fertigkeiten stand aber auch die Vorbereitung auf den bevorstehenden Bewerbungsprozess auf der Tagesordnung. Schließlich sei es das große Ziel des Projekts, jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen.

Nicht zuletzt deshalb sei die Bundesagentur für Arbeit Neuwied von Beginn der Sommerakademie an mit im Boot und übernehme im Rahmen der vertieften Berufsorientierung 49 Prozent der Kosten für ein Camp, sagte die Leiterin der Neuwieder Arbeitsagentur, Ulrike Mohrs. Die restlichen 51 Prozent trage die WGZ-Bank-Stiftung, weil sie sich getreu ihrer genossenschaftlichen Prinzipien die Förderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bildung zur Aufgabe gemacht habe, erklärten Dr. Frank Schweizer-Nürnberg und Christian Hälker.

Nachhaltige Betreuung

Auf Bundesebene hätten bislang zehn Arbeitsagenturen an dem Projekt teilgenommen, sechs weitere kämen in diesem Jahr hinzu, hieß es weiter. Zwar gebe es viele gute und kreative Projekte, die Jugendliche förderten, waren sich Schweizer-Nürnberg und Mohrs einig. "Aber kaum jemand arbeitet so nachhaltig wie Leuphana." Denn mit dem dreiwöchigen Camp und seinem anspruchsvollen Programm sei die Akademie längst noch nicht abgeschlossen: Ein ganzes Jahr lang würden die Jugendlichen im Anschluss von Studenten begleitet - zumindest so lange, bis sie den Schulabschluss in der Tasche und den Einstieg ins Berufsleben geschafft hätten. Den Mädchen und Jungen garantiere diese Langzeitunterstützung, dass sie ihr neues Lebensgefühl auch in den Alltag einbringen können.

Das Sommercamp in der Jugendburg Hohensolms startete am 26. Juni und dauerte drei Wochen. Teilnehmen konnten Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis Neuwied, die derzeit das achte Schuljahr besuchen und 2012 den Hauptschul- oder einen vergleichbaren Abschluss (Berufsreife) machen wollen.

So auch Jennifer Menke und Alexander Nawroth. Jennifer sagte, sie habe mehr Selbstbewusstsein bekommen und gelernt, auch auf Menschen zuzugehen. Außerdem habe sie erfahren, dass Bewerbungsgespräche doch nicht so schwer seien, wenn man sich richtig vorbereite und wisse, worauf es ankomme. Sie möchte später einmal im sozialen Bereich tätig sein.

Alexander, ebenfalls 15 Jahre alt, nannte Erzieher als Berufswunsch. Die drei Wochen waren ihm sogar zu wenig - er hätte auch die ganzen Sommerferien durchgemacht, gab er unumwunden zu. Gelernt habe er insbesondere, wie man Bewerbungen schreibe und Vertrauen zu den Mitmenschen aufbauen könne.

Aber eigentlich hätten die beiden gar nicht so explizit ihre Erfahrungen schildern brauchen. Man sah nämlich schon an ihren leuchtenden Augen, wie gut ihnen der Aufenthalt auf der Jugendburg getan hat.

Individuelle Förderung sei das Geheimrezept, verriet Czerwenka abschließend. Und: Wichtig sei auch der "Fehlermachtag" zu Beginn. Es gehe darum, dass sich die Schüler ausprobierten, sich möglichst viel zutrauten. Fehler seien generell in der Gesellschaft - richtig ausgewertet - der Weg zum Ziel.

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