Inzwischen sind bei den Amtsgerichten in Hessen einige Zwangsversteigerungen aufgelaufen. Doch nun stehen die ersten Termine fest. Wegen der Corona-Krise muss mancherorts auf größere Räume ausgewichen werden. FOTO: DPA
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Inzwischen sind bei den Amtsgerichten in Hessen einige Zwangsversteigerungen aufgelaufen. Doch nun stehen die ersten Termine fest. Wegen der Corona-Krise muss mancherorts auf größere Räume ausgewichen werden. FOTO: DPA

Immobilien unter dem Hammer

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Wegen Corona wurden vielerorts auch die Zwangsversteigerungen von Immobilien gestoppt. Jetzt laufen sie wieder an, auch das größte Amtsgericht in Hessen legt bald wieder los. Tendenziell gibt es aber weniger solcher Versteigerungen - zumindest noch.

Seit Mitte März herrschte in den großen Aushangschränken des Frankfurter Amtsgerichts gähnende Leere. Dort, wo sich normalerweise Kaufinteressenten für attraktive Immobilien die Nasen platt drücken, hieß es jetzt lediglich: "Alles abgesagt wegen Corona. Wir können die Abstandsregelungen nicht einhalten." Mittlerweile haben sich rund 40 Verfahren aufgestaut - das Gerichtspräsidium musste tätig werden.

Von Anfang Oktober an wird in Frankfurt wieder versteigert, wenn Eigentümer ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können oder Erbengemeinschaften zerstritten sind. Allerdings finden die Termine nicht am angestammten Ort statt, sondern im neuen Bürohaus Kap Europa nahe der Messe.

"In dem von uns angemieteten Saal finden mühelos 100 Personen auch zu Coronabedingungen Platz", sagt Sachgebietsleiterin Andrea Ney, die beim größten Amtsgericht in Hessen für Versteigerungen zuständig ist. "Wenn attraktive Objekte in guten Frankfurter Lagen versteigert werden, kann es einen solchen Andrang leicht geben." Zunächst jeweils eine Woche Anfang Oktober und Ende November sollen die 40 "hängen gebliebenen" Verfahren nun abgearbeitet werden. Vier Rechtspfleger müssen dabei bis zu fünf Versteigerungen pro Tag leiten.

Insgesamt ist die Zahl der Zwangsversteigerungen aber rückläufig - trotz und wegen Corona. Bei den hessischen Amtsgerichten sind im ersten Halbjahr 939 Verfahren zu Zwangsversteigerungen eingegangen, wie das Justizministerium in Wiesbaden mitteilte. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 1002 Verfahren.

Nöte werden erst später sichtbar

Bundesweit kamen zwischen Januar und Juni 7364 Immobilien mit Verkehrswerten von etwa 1,6 Milliarden Euro unter den Hammer, ergaben jüngst Recherchen des Fachverlags Argetra. Im Vorjahreszeitraum waren es 9432 Häuser, Wohnungen oder Grundstücke mit fast 1,8 Milliarden Euro Verkehrswert. Die Experten hatten die Zwangsversteigerungen an allen knapp 500 Amtsgerichten in Deutschland ausgewertet.

Die Zahl der Zwangsversteigerungen nimmt seit Jahren ab. Als Gründe galten die lange Zeit gute Beschäftigung in Deutschland und die Niedrigzinsen, die die Zinslast von Krediten für Schuldner niedrig halten. Entsprechend könnte nun die Corona-Krise mit Kurzarbeit, steigender Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten dazu führen, dass die Zwangsversteigerungen wieder zunehmen.

"Wir werden Ende des Jahres oder Anfang 2021 einen Schub sehen", sagt Argetra-Geschäftsführer Axel Mohr. Die Corona-Krise werde sich zeitverzögert auswirken. So würden etwa die Nöte von Selbstständigen später sichtbar, da die Insolvenzpflicht ausgesetzt wurde. Zudem boten Banken Kreditnehmern in der Pandemie an, Zahlungen zu stunden, anstatt Darlehen zu kündigen und Zwangsversteigerungen einzuleiten. "Viele Immobilienfinanzierungen sind aber auf Kante genäht und auf Dauer mit größeren Einkommensverlusten nicht zu stemmen", sagt Mohr. Banken müssten die Risikovorsorge für faule Immobilienkredite erhöhen.

Der Eigentümerverband Haus und Grund in Hessen sieht als Hauptgrund für die sinkende Zahl von Zwangsversteigerungen die bis Ende Juni eingeräumte Möglichkeit zur Stundung von Immobilienkrediten. "Sie hat finanzielle Engpässe von Darlehensnehmern abgefedert", sagte der Vorsitzende Christian Streim. Der Konjunktureinbruch könne sich daher erst später bemerkbar machen und doch noch zu einem Anstieg führen. Die Banken sollten daher bei Zahlungsschwierigkeiten wegen Corona weiterhin Überbrückungshilfen gewähren, forderte Mohr.

Nachfrage wird weiter steigen

Die Nachfrage nach Immobilien dürfte nach Einschätzung von Haus und Grund aber eher weiter steigen, da sich Anleger in konjunkturell unsicheren Zeiten eher in Sachwerte flüchteten. Dies könne erfahrungsgemäß die Zahl der Zwangsversteigerungen weiter drücken. "Jedes zweite Verfahren wird nicht abgeschlossen, weil Immobilien und Grundstücke zwischenzeitlich auf dem freien Markt veräußert werden, teils sogar zu Preisen über dem Verkehrswert", erläuterte Streim.

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