Die Schicksale hinter der Statistik haben Ärztin Claudia Kreuzer dazu bewogen, die Präventionsplattform "Mondays for Children" auf Instagram zu gründen. Die Zahl von sexuellen Straftaten gegen Kinder steigt, Kinderpornografie verbreitet sich rasant. FOTO: CLAUDIA SIMCHEN
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Die Schicksale hinter der Statistik haben Ärztin Claudia Kreuzer dazu bewogen, die Präventionsplattform "Mondays for Children" auf Instagram zu gründen. Die Zahl von sexuellen Straftaten gegen Kinder steigt, Kinderpornografie verbreitet sich rasant. FOTO: CLAUDIA SIMCHEN

"Immer noch ein Tabuthema"

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Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt schützen: Dieses Ziel verfolgt ein Projekt, das unter anderem von der Frankfurter Ärztin Claudia Kreuzer (34) ins Leben gerufen worden ist. Im Interview spricht sie darüber, wie Eltern ihre Kinder stark machen können. Und wie wichtig es ist, Tabus aufzubrechen.

Frau Kreuzer, Sie haben zusammen mit Josefine Barbaric vor einigen Monaten die Instagram-Plattform "Mondays for Children" gegründet. Was hat es damit auf sich?

Dabei handelt es sich um eine interaktive Plattform zur Aufklärung, auf der wir montags ab 20.30 Uhr über Aspekte zum Thema sexuelle Gewalt an Kindern mit Experten im Live-Talk sprechen, etwa über Prävention und Intervention. Dabei haben wir zum Beispiel schon mit Julia von Weiler vom Verein "Innocence in Danger" gesprochen.

Was hat Sie persönlich denn zu dieser Gründung bewogen?

Ich stecke momentan in der Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin. Mitte Mai bin ich von der Arbeit nach Hause gekommen, habe den Fernseher eingeschaltet und bin zufällig bei einer Pressekonferenz gelandet, bei der gerade über kindliche Gewaltopfer informiert wurde. Für mich war es erschreckend, wie die Zahlen gestiegen sind, gerade im Bereich Kinderpornografie. Da gab es 2019 im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme um mehr als 64 Prozent. Außerdem hat an diesem Tag eine Instagram-Bekannte in einem Post kritisiert, das Instagram nichts gegen offensichtlich kinderpornografische Accounts unternimmt. Wenn man die meldet, erhält man häufig die Auskunft, dass die Zuständigen derzeit wegen Corona überlastet seien und dass man den Hinweisen deshalb nicht nachgehen könne.

Und dann?

Ich wollte mehr wissen zu diesem Thema und habe Kontakt mit dem Verein "Deutsche Kinderhilfe - Die ständige Kindervertretung" aufgenommen, um mich weiter zu informieren. Ebenso zum Verein "Riskid", der die Kommunikation zwischen Kinder- und Jugendärzten verbessern will, gerade beim Verdacht von Kindesmisshandlung. Als Ärztin darf ich ohne Zustimmung der Eltern keine Befunde bei anderen Ärzten über ein Kind einholen, selbst wenn ich den Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung habe.

Nicht einmal dann, wenn Sie zum Beispiel am Körper eines Kindes Blutergüsse bemerken, die möglicherweise von Schlägen herrühren?

So ist es. Ich darf zum Beispiel nicht den behandelnden Kinderarzt befragen, ob ihm schon Ähnliches aufgefallen ist, wenn die Eltern mich nicht von der Schweigepflicht entbinden. Ich habe dann Josefine Barbaric kennengelernt, die Trainerin für Gewaltprävention ist und Bücher gegen sexualisierte Gewalt an Kindern geschrieben hat. Wir waren uns einig, dass wir etwas tun müssen. Schließlich besagen Schätzungen, dass es, statistisch gesehen, in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder oder Jugendliche gibt, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind.

Was wollen Sie mit der Plattform erreichen?

Aufklärung. Die Leute sind uninformiert, sie wissen nicht, wie sie ihr Kind stärken können, wie sie über sexuelle Gewalt überhaupt sprechen sollen. Das ist ein sehr tabubehaftetes Thema, es geht um Sex, Gewalt, Kinder - drei Begriffe, die überhaupt nicht zueinander passen. Sogar unter Erwachsenen ist es oft schwierig, die richtigen Worte zu finden.

Wie wollen Sie dieses Schweigen durchbrechen helfen?

Unser Ziel ist es, Menschen zu informieren und zu sensibilisieren, dass sie auch in ihrem Umfeld genauer hinsehen und vielleicht einschreiten, wenn sie zum Beispiel sehen, dass jemand sein Kind anschreit oder sogar schlägt. Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie kürzlich bei einem Besuch bei Bekannten einen Mann gesehen hat, der dort Fotos von Kindern gemacht hat, was ihr komisch vorkam. Keiner der anderen Anwesenden hat sich aber getraut, ihn anzusprechen...

Das hätten vermutlich die wenigsten Menschen gemacht.

Stimmt. Das ist aber kein achtsamer, wertschätzender Umgang miteinander. Nur wenn das kein Tabuthema mehr ist, wenn man das Gefühl hat, dass man darüber sprechen kann, ändert sich etwas. Das heißt, wir müssen lernen, Dinge zu benennen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor sexualisierter Gewalt zu schützen?

Wir dürfen Kinder nicht mit Scham erziehen, sondern müssen dafür sorgen, dass sie Selbstbewusstsein gewinnen. Wichtig ist es zum Beispiel, ein Kind nicht zu etwas zu zwingen, was es nicht will. Das fängt schon bei kleinen Sachen an. Wenn man etwa Fotos machen will und das Kind auffordert: "Lächle doch mal nett", aber es mag gerade nicht. Das muss man respektieren.

Und man kann in Kitas und Schulen nachfragen, ob sie Konzepte haben, ob Erzieher und Lehrer entsprechend geschult sind. Man muss nicht in allem das Böse sehen, aber wir müssen über dieses Thema reden, um unsere Kinder zu schützen und zu stärken.

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