Sabine Urbainsky, Leiterin des Tierheims Fechenheim, mit Zwergspitz-Mischling Sissi (6): In hessischen Tierheimen wird ein höheres Interesse an Haustieren verzeichnet. FOTO: DPA
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Sabine Urbainsky, Leiterin des Tierheims Fechenheim, mit Zwergspitz-Mischling Sissi (6): In hessischen Tierheimen wird ein höheres Interesse an Haustieren verzeichnet. FOTO: DPA

Auf den Hund gekommen

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In Zeiten von Corona kann man sich schnell einsam fühlen. Da können ein Hund oder eine Katze Abhilfe schaffen. In einigen Tierheimen in Hessen steigt die Nachfrage. Doch Tierschützer raten von Impulskäufen ab. Und auch Ausleihen sind nicht gerne gesehen.

Homeoffice und Abstandsregeln, weniger Kontakte und viel Zeit zu Hause: In der Corona-Zeit ist bei manchen Menschen das Interesse an Haustieren gestiegen. Das haben auch einige Tierheime in Hessen zu spüren bekommen. "Die Vermittlungszahlen sind offenbar in die Höhe gegangen", sagt Dani Müller vom Landestierschutzverband Hessen in Altenstadt. Sie betont aber auch: "Als Tierschützer schauen wir kritisch drauf, damit das Tier nicht instrumentalisiert wird, als Ersatzpartner oder Lückenbüßer."

"Die Nachfrage war höher als normal, man hat gemerkt, die Leute haben Zeit", sagte Beate Balzer, Vorsitzende des Tierheims in Babenhausen. "Wir haben vermehrt Anfragen bekommen von Leuten, die helfen und beispielsweise mit den Hunden Gassi gehen wollten", ergänzt Ulrike Weber, Vorsitzende des Tierheims in Darmstadt.

Balzer empfand die letzten Wochen und Monate als besonders anstrengend, auch wenn sich die Situation allmählich entspanne. "Es war alles zeitaufwendiger und stressiger." Vermittlungen liefen nur mit vorheriger Terminabsprache. Auch Ehrenamtliche durften nicht kommen, weil das zu gefährlich war. "Wir haben alles drangesetzt, dass es keine Infektionen gibt. Ein Tierheim unter Quarantäne wäre eine Katastrophe. Irgendjemand muss ja die Tiere versorgen." Auch im Frankfurter Tierheim sind die Sicherheitsbedingungen nach wie vor hoch. Besuche seien nur in Einzelfällen nach vorheriger Absprache möglich, heißt es auf einem Schild am Eingang. Das gesamte Areal, das am Rande der Stadt in einem Industriegebiet liegt, darf nur mit Mundschutz betreten werden. "Wir sind ja keine Gaststätte, die einfach zumachen kann, wenn es zu Infektionen kommt", sagt Leiterin Sabine Urbainsky. Bis zu 300 Tiere sind hier untergebracht: von Hunden und Katzen über Hamster und Vögel bis hin zu exotischeren Tieren wie Schlangen. "Zu Beginn der Corona-Krise haben viele Leute angerufen und sogar gefragt, ob man sich Tiere ausleihen kann", berichtet Urbainsky. Die wenigsten hätten sich dabei überlegt, wie es nach Corona mit dem Tier weitergehe. Dass es nicht schön sei, wenn es dann zurückmüsse. "Die Leute haben sich vorgestellt, dass das für das Tier wie ein Urlaub ist." Auch der Deutsche Tierschutzbund rät zu einer langfristigen Vermittlung: "Eine Rückkehr ins Tierheim nach nur kurzer Zeit wäre für das Tier purer Stress oder sogar traumatisierend", hieß es dort kürzlich.

Aber warum ist die Nachfrage nach einem tierischen Begleiter während der Corona-Zeit gewachsen? "Die Leute haben mehr Zeit und machen sich auch grundsätzlich mehr Gedanken über ihr Leben und ihren Alltag", sagt Müller vom Landestierschutzverband, dem hessenweit um die 60 Heime angeschlossen sind. Eine wichtige Rolle spiele auch die Individualisierung der Gesellschaft. "In der Krise mussten viele mutterseelenalleine mit der Situation umgehen, da steigt der Wunsch nach einem Haustier."

Bei den Vermittlungen würden die Heime nicht leichtfertig handeln und darauf achten, was die Motivation für die Anschaffung sei. "Da wird schon nachgefragt, was die Leute mit den Tieren machen wollen, wenn der normale Alltag zurückgekehrt ist", sagt Müller. Es sei wichtig, solche Fragen zu stellen, um den Menschen die Verantwortung bewusst zu machen.

Sorgen bereiten den Tierschützern der Verkauf von Hunden, Katzen oder Kleintieren über Anzeigenportale im Internet. "Da fragt niemand nach, was später mit dem Tier passieren soll." Die Halter könnten dann irgendwann überfordert sein und das Tier im Heim landen.

In manchen Tierheimen haben sich die neuen Bedingungen unter Corona sogar positiv ausgewirkt. "Gerade ängstliche und unruhige Hunde haben von der Ruhe profitiert", sagte Weber aus Darmstadt. Ähnlich ist es in Frankfurt. Früher konnten dort mehrere Besucher gleichzeitig durch die Zwingeranlage marschieren und die Hunde begutachten.

Dann wurde der Bereich wegen Corona für die Gäste gesperrt - und bleibt es vielleicht sogar längerfristig. Wer sich jetzt für einen Vierbeiner interessiert, könne die Erstbeschreibungen im Internet lesen und dann einen Termin ausmachen, um den Hund im Hof kennenzulernen. "Wir merken, dass die Hunden plötzlich nicht mehr hochgradig gestresst sind", sagt Urbainsky. "Corona hat also auch ein bisschen was Gutes mitgebracht, weil wir Dinge ausprobiert haben, die wir uns vorher nicht getraut haben."

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