Da kommt Wehmut auf: Ein Foto vom Abschiedskonzert der Gruppe Fäägmeel im Jahr 2005. Die Musiker machten Mundart populär. Fäägmeel wie die Nachfolgegruppe Meelstaa sowie weitere Künstler aus der Region sind sozusagen die Bewahrer der oberhessischen Mundart. FOTO: BERTHOLD SCHÄFER/FÄÄGMEEL

Die Hüter der Mundart

  • Burkhard Bräuning
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Sechs Wochen lang haben wir mit unserer Serie "Hessisch" intensiv auf unser Bundesland geschaut, vor allem in die Mitte, in die alte Provinz Oberhessen mit den Landkreisen Gießen, Wetterau und Vogelsberg. Wir haben sogar einen Blick von oben auf Hessen riskiert. Und immer sind wir der Frage nachgegangen: Was ist besonders an unserem Land? Heute wissen wir es - und es überrascht uns nicht: Die Sprache ist’s, die Mundart, die zwischen Bad Vilbel, Wetzlar und Alsfeld gesprochen wird. "Platt du mier häi schwätze" - dass ist deshalb noch mal Thema im letzten Serienstück.

Es ist eine Anekdote, die gerne zitiert wird, wenn es um Mundart geht. Aber wirklich wahr ist sie nur in dieser Verbindung: "Als der liebe Gott die Dialekte verteilte, als er den Schwaben das Schwäbisch, den Bayern das Bayerisch und den Sachsen das Sächsisch schenkte, fiel ihm für die Oberhessen nichts mehr ein. Die waren entsetzt. Da sagte der liebe Gott: ›Ach, wesst ihr woas? Schwätzt doch efach irscht emol so wäi aich‹." Diese kleine Geschichte hat uns Martin Philippi aus Grünberg gemailt. Und natürlich ist das keine Gotteslästerung, sondern ein humorvoller Akzent zum Thema Hessisch. Mit 18 Beiträge haben wir im Rahmen unserer Serie seit Ende August auf unser Bundesland geschaut. Es gab viele Leser- reaktionen. Die mit Abstand meisten Zuschriften beschäftigten sich mit unserer Mundart. Der Beitrag von Bernd Strauch und die kurzen Texte unter dem Titel "Platt du mir häi schwätze" wurden in vielen E-Mails und Briefen gewürdigt. Und diese Reaktionen haben dazu geführt, dass wir künftig einmal wöchentlich eine Mundartkolumne auf den Regionseiten platzieren.

Zu den Fürsprechern gehörte zum Beispiel Rosel Heinecke aus Mücke. Sie schrieb: "Es wer schie, woan doas met dene Artikel en platt noch eh bessi weirer geng! Schiene Grüße aus Wettsoase, Rosel Heinecke." Danke, Frau Heinecke. Ihr Wunsch geht noch im Oktober in Erfüllung.

Brigitte Landvogt aus der Wetterau schrieb: "Auch die ›Spiridualität‹ habe ich mit Vergnügen gelesen. Es ist bekannt, dass sich der Dialekt von einem Ort zum andern ändert, dennoch vermute ich, dass auch die Vuulsberjer in diesem Zusammenhang eher von Weibsleut als von Fraaen sprechen würden. Nehme an, das ist Ihre persönliche Höflichkeit. Gern tröstete der Busfahrer auf dem Ausflug in den hohen Vogelsberg: ›Ich versprech’ Ihne, in … hört de Newwel auf - und de Niwwel fängt an‹. Und noch etwas zum Thema, das vielleicht noch als Besonderheit in die Serie passt: In TV-Reportagen werden oft Bauern zu ihren Problemen gefragt. Kürzlich antwortete da ein Bayer, dass ihn nördlich der Mainlinie kaum ein Mensch verstehen könne. Wenn einem Hessen aus dem hintersten Eck ein Mikrofon vorgehalten wird, spricht er trotz verschluckter Endungen doch immer so, dass er im gesamten Sendegebiet ARD/ZDF verstanden wird." So ist es!

Siegward Roth, einst Frontmann der Mundartgruppe Fäägmeeel, hat einmal in einem Interview gesagt: "Wir sind stolz aufs Platt." Wer heute noch den oberhessischen Dialekt beherrscht, der schämt sich nicht (mehr) dafür. In dem Buch "Fäägmeel - E Geschicht fier sich", schreibt Roth, Autor fast aller Fäägmeel-Lieder: "Wann sich Mensche dofier geschaamt hu, deass se platt schwätze deare, dann woar doas neat nur uvernünftich und psychisch bedenklich fier däijeniche sealwer. Es woar aach schwier erträglich, wann mer doas vo auße metogucke musst."

Roth hat recht: "Owerhessich" ist die Sprache, die über Jahrhunderte in den Dörfern und auch in den Kreisstädten gesprochen wurde und heute noch gesprochen wird. Warum also sollte man sich dafür schämen?

Das Wort "Platt" steht übrigens für flach im Sinne von einfach und gut verständlich. Das trifft’s aber nicht genau, denn das Oberhessische hat auch seine Tücken. Diese Mundart hat viele Nuancen, sie hat ihre Besonderheiten und Färbungen. Es gibt Worte, deren Bedeutung ein Unkundiger nicht mal ahnen, Sätze, die ein Zugereister nicht verstehen kann.

Zugegeben: Unser Dialekt ist flacher geworden, viele Wörter sind verloren gegangen. Das Hochdeutsche fließt immer mehr ein und macht das "Platt" ärmer. Aber es ist noch da. Das liegt auch daran, dass es viele Hüter dieser Mundart gab und noch heute gibt. Die bereits erwähnte Gruppe "Fäägmeel aus dem westlichen Kreis Gießen und dem östlichen Lahn-Dill-Kreis hat sich lange um das "Owerhessiche" verdient gemacht. Der "Runde Tisch Mundart" pflegt den Dialekt, die Gruppe Kork sang "platt", Karl-Heinz Theiß setzt sich unermüdlich für die Mundart ein, Rita Mattern auch. Und der ehemalige "Ruppeträrer" Herbert Loch setzt immer noch besondere Akzente (siehe Text rechts oben), obwohl er schon lange an der Ostsee wohnt. Als Nachfolger von "Fäägmeel" und Mundartbotschafter versteht sich auch die Gruppe "Meelstaa". Das darf sie auch, denn Berthold Schäfer, Initiator und Frontmann der Gruppe, war ein echter Fäägmeeler.

Auch wir als Redakteure von Zeitungen, die fast in der gesamten ehemaligen Provinz Oberhessen erscheinen, möchten uns daran beteiligen, dass unser Dialekt nicht ausstirbt. Die Chancen, dass auch in 50 Jahren noch "Owerhessisch" gesprochen wird, stehen zwar schlecht. Aber noch ist es nicht zu spät. Wir freuen uns nun auf die Mundartkolumne und laden Sie, liebe Leserinnen und Leser ein, uns mit Ihren Ideen zu begleiten.

Zum Schluss noch mal Siegward Roth. In welcher Sprache könnte man einen Sonnenaufgang schöner beschreiben als so: "Sonneschei, moijends im sechs, himmelweit, eawer Fealder gelegt, ohremfrei, aan Moment Gleck, Sonneschei, moijends im sechs." Roth ist ein wahrer Poet.

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