Hippies, Hochhäuser, Hausberg-Radar - neues Butzbach-Buch

Butzbach (bd). "Was Krupp in Essen, ist Butzbach in Hessen", dichtete der Volksmund. Denn: Die Stadt Butzbach war einmal so etwas wie die Wirtschaftsmetropole der nördlichen Wetterau. Es gab große Industriebetriebe mit mehreren Tausend Mitarbeitern, ein florierendes Handwerk, viel Gastronomie, und Dank der in Butzbach und Kirch-Göns stationierten US-Army auch einen pulsierenden Dienstleistungssektor. Unter dem Titel "Hippies, Hochhäuser, Hausberg-Radar!" hat Museumsmitarbeiterin Antje Sauerbier ein Buch über Butzbach an der Schwelle zur Moderne verfasst.

Die "Roaring Sixties im Spiegel der Provinz" stellt sie samt Sektempfang am So., 31. Oktober, 14 Uhr im Museum der Stadt Butzbach vor. Nach zweieinhalb Jahren Recherche kann Antje Sauerbier ihre zweite Publikation über die Geschichte der Stadt Butzbach vorlegen. Auf 262 Seiten, illustriert mit 289 Abbildungen, davon 80 in Farbe, werden die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts umfänglich beleuchtet. Beschrieben werden Leben und Wohnen in neuzeitlicher "Ästhetik" und der geplatzte Traum von der "Waldstadt". Erinnert wird an das tägliche Verkehrschaos in der Butzbacher Innenstadt, das durch die neue Eisenbahn-Unterführung (das man nach dem Bürgermeister "Hofmannstal" nannte) allein auch nicht bewältigt werden konnte. Ein Kapitel widmet sich der wirtschaftlichen Expansion, als Schuhe, riesige Lkw und landwirtschaftliches Gerät von Butzbach in die ganze Welt gingen. Beschrieben wird die Gleichberechtigung von Mann und Frau unter der Frage "Aber wer mag schon Blaustrümpfe?"

Auch in Butzbach gab es eine Jugend- und Protestbewegung im Windschatten benachbarter Universitätsstädte. Die Butzbacher liebten Freizeit und moderne Lebensart angesichts materiell gefestigter Verhältnisse. Über 60 Gaststätten und Nachtlokale boten für jeden Geschmack etwas. Der Ruf der frivolen "Delicado"-Bar reichte bis an die Reeperbahn. Auf dem Marktplatz herrschte gar oft "Wildwest" wegen der nahen US-Garnison. Mit dem Warnamt IV in Bodenrod und der US-Radaranlage auf dem Hausberg begann der "Kalte Krieg" vor der Butzbacher Haustür. Sauerbiers Buch führt zurück in eine Zeit des Widerstreits zwischen Tradition und Fortschritt. Überkommene Moralvorstellungen stehen im Kontrast zu fortschrittlichen Strömungen, die sich allenfalls verzögern, aber nicht aufhalten lassen.

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