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Hilfspflegekraft und Awo wegen Rap-Video vor Gericht

Gießen (si). "Der Beste der Besten, der Beste aus dem Westen": Wegen eines auf "Youtube" eingestellten Videos standen sich ein 40-Jähriger und die Arbeiterwohlfahrt vor Gericht gegenüber.

Schlabberpulli, Pudelmütze, viele Tattoos: S. – so sein abgekürzter Künstlername – kommt wie ein Rapper aus dem Bilderbuch daher. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Bushido ist nicht zu leugnen. Allerdings hat sich der Berliner zum Superstar der Szene hochgerüpelt und scheffelt Millionen. S. dagegen lebt in Herborn, sein Video "Deutschland sucht" brachte es beim Internetportal "Youtube" bislang auf 8000 Klicks. Zuletzt hat er 1874 Euro brutto im Monat verdient – als Altenpflegehilfskraft bei der Awo, Kreisverband Lahn-Dill.

Rap und ein eher biederer Arbeitgeber: Das sind zwei Welten. Gestern standen sich S. – natürlich unter seinem bürgerlichen Namen – und der Awo-Geschäftsführer vor dem Gießener Arbeitsgericht gegenüber. Wie das?

Der Westerwälder rappt seit zehn Jahren, "hobbymäßig", wie er sagt. Er ist schon 40, verheiratet und hat vier Kinder. Auf Youtube kann jeder Künstler sein. Auch S. hat dort mehrfach Musikvideos eingestellt. So im vergangenen Herbst.

Der Text dieses Stückes ist derb, wie immer beim Gangsta-Rap. Man hört "fuck" und "bitches" (Huren) und mehr, was sich gut fluchen lässt. Macho muss sein, Größenwahn auch: "Der Beste der Besten, der Beste aus dem Westen" – so besingt sich S. selbst. "Sechs Jahre Sklavenarbeit" will der Sänger geleistet haben. "Scheiß auf ... !"

Ja, auf was? Diese Frage brachte dem Hilfspfleger im letzten September eine fristlose Kündigung. Eine Kollegin des Mannes hatte das Video auf Youtube gesehen und den Arbeitgeber informiert, der "entsetzt" war und "sofort handelte". Vorwurf: Die Awo sei verunglimpft worden. Eine weitere Zusammenarbeit nicht zumutbar.

137 Klicks auf Youtube

Im Oktober trafen sich beide Seiten zum ersten Mal vor Gericht, der Gütetermin scheiterte. S. ließ daraufhin das Video aus dem Netz nehmen (es war bis dahin magere 137-mal geklickt worden). Allerdings hatte es die Awo auf einem Datenträger gesichert. Vorsitzende Richterin Claudia Pairan ließ beim Termin gestern eine Hörversion des Drei-Minuten-Stücks vorspielen. Und was singt S. da? "Scheiß auf a – double u – o".

Für die Arbeiterwohlfahrt war die Sache klar: "Der hat uns gemeint". "Double u" – so spricht sich der Buchstabe "w" auf Englisch. Also: "Scheiß auf Awo". Der Sänger war und ist anderer Meinung. "Es kann sonst was heißen, zum Beispiel ›all weather operations"" (Allwetterflugbetrieb), sagte er gestern.

Muss man von "a – double u – o" zwingend auf die Arbeiterwohlfahrt schließen, womöglich sogar auf den Awo-Kreisverband Lahn-Dill? Richterin Pairan und die beiden Laienrichter der zweiten Kammer hatten daran nach kurzer Beratung ihre Zweifel. "Kein Mensch würde bei ›a – double u – o" an Awo denken", sagte die Vorsitzende. Man könne dem Text ohnehin nur schwer verstehen, weil er so schnell gesprochen sei. Offen war für sie zudem die Frage, ob der Betriebsrat bei der Kündigung hinreichend informiert worden war. Dem hatte der Arbeitgeber unmittelbar nur eine Abschrift des Songtextes vorgelegt, in dem "a – double u – o" als "Awo" übersetzt war.

Die Pflegehilfskraft war 2008 als Ein-Euro-Jobber zum Wohlfahrtsverband gekommen und 2009 übernommen worden. Es gab bis zu dem Vorfall keine Klagen über den Mann. Dennoch: Die Kündigung nun zurücknehmen wollte sein Arbeitgeber "auf keinen Fall, auch mit Rücksicht auf die Mitarbeiter", wie der Geschäftsführer am Mittwoch bekräftigte. Der Mann solle auch keine Abfindung erhalten, das sei "das falsche Signal", so der Awo-Anwalt.

Letzten Endes einigten sich beide Seiten auf einen Vergleich, in dem das Wort "Abfindung" nicht auftaucht. S. wird allerdings bis Ende März bei vollem Gehalt weiterbeschäftigt und freigestellt. In seinem Zeugnis muss ihm die Awo "mindestens gute Leistungen" bescheinigen und "bedauern", dass er das Haus "aus betrieblichen Gründen" verlässt.

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