Rückblende ins Jahr 2018: Mithilfe eines Schwerlastkranes heben Arbeiter einen blauen Castorbehälter in das Innere eines der Reaktorblöcke des Atomkraftwerks Biblis. Dort wird der Spezialbehälter im Wasser des Reaktorbeckens mit den Brennelementen gefüllt, um danach in ein Zwischenlager auf dem Gelände des Atomkraftwerks gebracht zu werden. FOTO: DPA
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Rückblende ins Jahr 2018: Mithilfe eines Schwerlastkranes heben Arbeiter einen blauen Castorbehälter in das Innere eines der Reaktorblöcke des Atomkraftwerks Biblis. Dort wird der Spezialbehälter im Wasser des Reaktorbeckens mit den Brennelementen gefüllt, um danach in ein Zwischenlager auf dem Gelände des Atomkraftwerks gebracht zu werden. FOTO: DPA

Hickhack um die Altlasten

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Zu seinen besten Zeiten versorgte das Kraftwerk Biblis in Südhessen bis zu sechs Millionen Haushalte mit Atomstrom. Das ist schon lange Geschichte, die Leitungen sind tot. Das AKW wird ausgeräumt und rückgebaut. Die atomaren Altlasten aber bleiben, liegen sozusagen um die Ecke - vorerst zumindest.

Die Silhouette des Kernkraftwerks Biblis ist weithin sichtbar. Hier wird kein Strom mehr erzeugt, aus den wuchtigen vier Kühltürmen der zwei Kraftwerksblocks steigt kein Dampf auf. Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima im März des Jahres 2011 sollen in Deutschland spätestens Ende 2022 die letzten Atommeiler vom Netz gehen. Für die Blöcke in Biblis ist aber längst Schluss. Was bleibt ist der hochgefährliche, strahlende Müll, der auch in einem Zwischenlager in Biblis steht.

Zurzeit sind nach Angaben des hessischen Umweltministeriums am früher einzigen Standort eines Atomkraftwerkes im Land 102 Castorbehälter mit Brennelementen gelagert. Weitere sollen möglicherweise noch dieses Jahr hinzukommen. Auf Dauer soll das radioaktive Erbe des Atomstromzeitalters in Deutschland aber nicht in solchen Zwischenlagern, sondern in einem Endlager deponiert werden. Die schwierige Standortsuche läuft - der lange favorisierte Salzstock Gorleben ist raus, nun sollen 90 Gebiete genauer für die Endlage- rung des mehrere Tausend Jahre strahlenden Abfalls unter die Lupe genommen werden.

Kein leichtes Unterfangen, denn welche Gemeinde will schon vor der eigenen Haustür ein solches Grab hochgiftiger Abfälle? Seit 2013 muss der verbliebene radioaktive Müll an den Standorten der Kraftwerke aufbewahrt werden - auch in Biblis. Deutsche Energieversorger ließen bis 2005 ihre Brennelemente in Großbritannien und Frankreich aufarbeiten. Die dabei entstandenen flüssigen Abfälle wurden in Glas geschmolzen und nach und nach zurücktransportiert. Eine solche Lieferung erwartet man auch wieder in Biblis.

Bereits im Frühjahr sollten sechs Castoren aus der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield nach Südhessen kommen. Die Polizei dort bereitete sich bereits auf den Transport der strahlenden Fracht vor. Die Corona-Krise machte den Sicherheitskräften aber einen Strich durch die Rechnung. Mittlerweile sind die Vorbereitungen für den Rückführungstransport aus Sellafield nach Biblis wiederaufgenommen worden.

Aktivisten gehen davon aus, dass die Castoren noch in diesem Herbst kommen. Umweltschützer und Atomgegner sehen bei der Zwischenlagerung in Biblis allerdings Sicherheitslücken, wie zu wenig Schutz vor einer terroristischen Bedrohung. Zudem stellt sich die Frage, warum sie nach Biblis kommen, wenn sie später doch weiter in ein Endlager gebracht werden müssen.

Es ist ein Hickhack um Altlasten der beiden Blöcke von Biblis, die laut dem Sprecher des Energieversorgers RWE, Alexander Scholl, einst unter Volllast bis zu sechs Millionen Haushalte mit Strom versorgen konnten. Aus den Reaktoren kommt heute kein Strom mehr in irgendeiner Steckdose an. Nach dem Atomausstieg Deutschlands wurde kurz danach auch das Kraftwerk Biblis stillgelegt. Seit 2017 wird es zurückgebaut.

"Der Rückbau geht von innen nach außen", sagt Scholl. "An der Silhouette wird sich bis 2032 nichts ändern." Bis dahin solle das Kraftwerk aus dem Atomgesetz entlassen werden. Heißt: Alle Gebäude sind ausgeräumt und es gibt dort nachgewiesen keine Aktivität mehr. Die Brennstäbe sind mittlerweile aus beiden Blöcken entfernt. "Wir sind mit beiden Blöcken brennstofffrei."

Scholl sagt: "Ab einem Punkt X kann man sich dann Gedanken um eine Nachnutzung machen." Derzeit werde im Inneren am Aufbau einer Art Fabrik gearbeitet, mit der belastetes Material so bearbeitet werden solle, dass es in den Wertstoffkreislauf zurückkönne.

340 000 Tonnen Rückbaumaterial

Beim Rückbau der Kontrollbereiche werden dem Umweltministerium zufolge rund 340 000 Tonnen Material anfallen. Darunter sind auch 63 000 Tonnen radioaktive Reststoffe, von denen der größte Teil konventionell verwertet werden könne. "Circa 5800 Tonnen müssen voraussichtlich als radioaktiver Abfall in ein Endlager des Bundes abgeliefert werden", teilt das Ministerium mit. Die Kosten schätze man auf rund eine Milliarde Euro.

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