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Als in Hessen die Wölfe am Galgen hingen

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Von: Eva Diehl

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Der Wolf streift wieder durch Hessen. Wo die Raubtiere in der Vergangenheit lebten und wann der für lange Zeit letzte Wolf in Hessen erlegt wurde, weiß Katharina Reinert.

Vor nicht einmal zwei Monaten fotografierten Spaziergänger einen Wolf im Kreis Gießen. Eine kleine Sensation für Mittelhessen. Das seltene und geschützte Tier ist erst seit einigen Jahren wieder häufiger in Deutschland zu beobachten. Das ruft Naturschützer auf den Plan, fordert aber auch Landwirte und Schäfer, die ihre Herden nun gegen das Raubtier schützen müssen. Viel schärfer war der Konflikt zwischen Mensch und Wolf jedoch, als Isegrim noch in ganzen Rudeln durchs Land streifte. Damals wurden die Tiere bejagt, verteufelt und sogar aufgehängt. Zusammen mit der Senckenberg- Gesellschaft für Naturforschung untersucht die Geografin Katharina Reinert, wann und wo Wölfe historisch verbreitet waren – und auch wann sie aus Hessen verschwanden.

Wie findet man heraus, wo der Wolf in der Vergangenheit lebte?

Katharina Reinert: Während meiner Rechereche habe ich mich mit historischen Quellen auseinandergesetzt. Dafür habe ich beispielsweise Heimatforscher, Jagd- und Forstverbände, Autoren, Landesarchive oder Naturkundemuseen kontaktiert. Viele meiner Daten stammen aus Abschusslisten, die teilweise bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen. Davor verlieren sich die Nachweise, was natürlich nicht bedeutet, dass es keine Wölfe gab – im Gegenteil: Sie wurden aufgrund fehlender Mittel nicht so stark und organisiert bejagt.

Auch die Dokumentation von Abschüssen oder Beobachtungen war weniger umfassend.

Von wann ist der älteste Nachweis für Deutschland und Hessen?

Reinert: Schon im Jahr 1333 wurde von einem »Woluisgalgin« (Wolfsgalgen) bei Marburg berichtet. Anders als die Wolfsangel, war der Galgen keine Fangvorrichtung. Gefangene Wölfe wurden dort zur Abschreckung aufgehängt zu Zeiten des Werwolfglaubens. Im Kirchverser Wald erlegte Landgraf Philipp von Hessen im Jahr 1542 drei und zehn Jahre später angeblich 27 Wölfe. Der älteste Nachweis für Deutschland stammt aus dem Jahr 1017, wonach »größere Rudel zwischen den Mauern Bremens heulten«. Im 12. und 13. Jahrhundert werden vereinzelt Wolfsplagen an der Mosel und bei Lippramsdorf beschrieben.

Der Mensch und der Wolf hatten schon seit jeher eine besondere Beziehung

Katharina Reinert

Wie sehen die Nachweise genau aus? Gibt es auch Belege aus Mittelhessen?

Reinert: In Abschusslisten wurden meist Ort, Jahr und Anzahl der erlegten Tiere niedergeschrieben. Ich unterscheide zudem zwischen indirekten Nachweisen (beobachtet, Viehrisse, Wolfsjagd) und direkten Nachweisen (erlegt, erschlagen, gefangen). Für Mittelhessen stammen historische Meldungen meist aus dem 17. Jahrhundert. So wurde »ein Wolf von 85 Pfund« 1638 bei Berstadt »zur Strecke gebracht«. Am 24. Dezember 1652 wurden vier Wölfe im »Hopfgarter Forste bei Romrod« verfolgt und zwei erlegt. Sechs Jahre später wird von Wolfsjagden am Petershainer Hof nahe Ulrichstein berichtet. In Grebenhain wurden sogar noch 1678 neun Wölfe erlegt.

Wie lange gab es den Wolf historisch in Hessen und in Deutschland?

Reinert: Das ist schwierig zu beantworten, da es in der Literatur viele »letzte Wölfe« gibt, aufgrund von Unstimmigkeiten der Erleger oder Herkunft des Wolfs. Die neuesten historischen Nachweise für Deutschland zwischen 1850 und 1900 stammen aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Als letzte Wölfe Hessens gelten zwei Tiere, die im Winter 1840/41 im Taunus bei Usingen-Eschbach (ausgestellt im Naturkundemuseum Wiesbaden) sowie im Lorscher Wald (ausgestellt im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt) geschossen wurden.

Nach meiner Recherche gibt es im Jahr darauf noch einen Wolfsnachweis bei Kassel und einige Beobachtungen im Odenwald in den 1860er Jahren. Dort wurde am 14. Februar 1866 der letzte Wolf bei Nieder-Liebersbach bejagt.

Wo gab es viele Wölfe in Hessen und Deutschland? Wurden sie an einigen Orten besonders oft gesehen oder geschossen?

Reinert: Der Wolf war früher weiträumig in Deutschland und somit auch in Hessen verbreitet. Nach und nach konnte ich durch die vorhandenen Daten gewisse Ballungsräume in und um Sachsen, Niedersachsen sowie Rheinland-Pfalz und dem Saarland feststellen. Zu vermuten sind grenzüberschreitende Populationen nach Frankreich und auch nach Polen und Tschechien. Die meisten Nachweise in Hessen habe ich aus dem Vogelsberg, dem Taunus und dem Odenwald. Über größere Jagdstrecken wird aus dem Umland von Siegen und Dillenburg sowie aus Darmstadt berichtet.

Gab es früher viele Konflikte zwischen Tier und Mensch?

Reinert: Sobald der Mensch sich niederlässt, Siedlungen baut, Nutztiere hält, Lebensraum beansprucht, sind Konflikte mit Wildtieren programmiert. Davon war der Wolf natürlich nicht ausgeschlossen: Es war sein Todesurteil. Die Bevölkerung sah das »Raubtier« als Nahrungskonkurrent, das ihr Vieh »raubte«. Der Adel sah ihn als Kontrahenten in Sachen Jagd. Aberglaube und Angst, aber auch die Möglichkeit für Bauern, bei gerissenem Vieh weniger Steuern zu zahlen, bestärkten den Konflikt. Dennoch ist auch der Wolf nicht ganz »unschuldig« an der Misere: Auch wenn er dem Menschen eher aus dem Weg geht, scheut er nicht vor ungeschütztem Nutzvieh zurück. Offene Weidehaltung oder Eichelmast, wie sie im ausgehenden Mittelalter betrieben wurde, waren ein »gefundenes Fressen« für die Wölfe. Von nun an galt er als Sündenbock und sollte, wie andere »raubende Tiere«, durch organisierte Treibjagden und Fangmethoden bald ausgerottet werden.

Die meisten Nachweise in Hessen habe ich aus dem Vogelsberg, dem Taunus und dem Odenwald

Katharina Reinert

Wie hat sich der Bestand historisch entwickelt – sind sie schon einmal verschwunden und zurückgekehrt? Woran könnte das liegen?

Reinert: Während meiner Recherche kristallisierte sich die Beziehung der Wolfspopulationen zu sozialen Krisen und Kriegen heraus. Im 30-jährigen Krieg und den darauffolgenden Jahren Mitte des 17. Jahrhunderts etwa, wurden so viele Wölfe beobachtet, dass sogar von »Wolfsplagen« gesprochen wurde. Ähnliches wird zu Zeiten der Koalitionskriege und der Franzosenzeit Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts beschrieben. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen wurde die Jagd fast eingestellt und sowohl Lebensraum als auch Wildtiere erholten sich. Dass der Wolf gerade zu jenen Zeiten dem Menschen nahe kam, bestärkte den Aberglauben der Bevölkerung, die in ihm fortan das Böse sahen.

Wieso ist der Wolf schließlich von hier verschwunden?

Reinert: Hier gibt es meiner Meinung nach nur eine Antwort: durch den Menschen. Aus manchen Regionen wurde der Wolf sicherlich durch veränderte Siedlungsstrukturen, den Wandel in Land- und Forstwirtschaft und dem Bevölkerungsanstieg verdrängt. Im Gegensatz zur ebenfalls in den letzten Jahrhunderten stark dezimierten Wildkatze, konnte sich der Wolf aber prinzipiell sehr gut an die vielen Veränderungen seines Lebensraumes anpassen.

Dem Jagddruck und der Verfolgung musste er jedoch letztlich nachgeben.

Kann man aus der historischen Verbreitung der Wölfe etwas für heute lernen?

Reinert: Der Mensch und der Wolf hatten schon seit jeher eine besondere Beziehung zueinander, in den Anfängen eine durchaus positive, in den letzten Jahrhunderten eine sicherlich angespannte. Anhand der Geschichte wird deutlich, wie sehr der Bestand der Wildtiere mit der Gesellschaft und deren Verhältnis zur Natur steht und fällt. Auffällig ist zudem, dass die historische räumliche Verbreitung ähnliche Schwerpunkte aufweist wie die heutige. Diese Regionen bevorzugt er möglicherweise als Lebensraum. Auch der richtige Schutz von Weidetieren ist sicherlich kein exklusives Problem der Moderne. Umso wichtiger ist ein Management, das alle Beteiligten einbezieht.

Info

Spiegel der Gesellschaft

»Die historischen Schriften und Daten sind ein Spiegel der zu jener Zeit lebenden Menschen«, sagt Katharina Reinert, die zahlreiche Aufzeichnungen von Wolfssichtungen und -abschüssen analysiert hat. Das müsse man bei der Auswertung berücksichtigen. »Wo mehr gejagt oder besiedelt wurde, wurde vielleicht auch mehr aufgeschrieben.« Dennoch lasse sich durch die Schriften ein relativ genaues und spannendes Bild über die historische Verbreitung der Tiere zeichnen. »Ich bin mir sicher, dass noch weitaus mehr Daten und Schriften in historischen Archiven schlummern.«

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