Heimatverbunden und abstrakt

Wetzlar. - Es begann vor zwei Jahren bei einem Besuch im Ort ihrer Kindheit, in Bonbaden. Der Solmsbach strömte wie eh und je durch das Tal, doch das Donnern des Straßenverkehrs war eindeutig lauter geworden. Ria Gerth fühlte sich fremd und mit diesem Gefühl begannen die Erinnerungen aufzusteigen.

Wetzlar. - Es begann vor zwei Jahren bei einem Besuch im Ort ihrer Kindheit, in Bonbaden. Der Solmsbach strömte wie eh und je durch das Tal, doch das Donnern des Straßenverkehrs war eindeutig lauter geworden. Ria Gerth fühlte sich fremd und mit diesem Gefühl begannen die Erinnerungen aufzusteigen. Eine Videoaufnahme vom Solmsbach machte den Anfang ihrer neuen Werkreihe, es folgten zahlreiche weitere Objekte, Skulpturen und Installationen, die an die 50er und 60er Jahre in einem Dorf in der Mitte Deutschlands erinnern. Erstmals werden sie jetzt in einer Ausstellung präsentiert, in der Galerie des Kunstvereins Wetzlar.

Dessen Räume im Alten Rathaus entzückten Ria Gerth gleich bei ihrem ersten Besuch. Durch die großen Fenster dringt die gegenüberliegende Häuserzeile der Hauser Gasse quasi in die drei Ausstellungsräume herein. Für die Künstlerin der passende, Atmosphäre gebende Rahmen für ihre sowohl heimatverbundene wie abstrahierende Kunst.

Die Distanz der Jahre ermöglicht der Wahl-Kölnerin einen anderen Blick auf die verschachtelte Enge der Gebäude in einem Dorf und die imitierenden Dekorationen in den Wohnungen. Die Distanz ermöglicht einen ironischen Umgang mit den typischen Baumaterialien dieser Zeit wie Holzlatten, Hasendraht und Strohmatten im Außen- und DC-Fix-Klebefolie mitsamt Ziegelstrukturtapete im Innenraum.

Das Betreten des Galerieraums ist fast verstellt durch die kubischen Holzkästen, die das Dorf symbolisieren. Ein kleiner Monitor produziert bewegte Bilder und Geräusche des Solmsbach, dazu kommen geflüsterte Gedichte und Haussprüche vom Band. Einer dieser Sprüche veranlasste sie zu einer weiteren Arbeit mit Verweis auf Wetzlar. Das berühmt Bild "Lotte schneidet Brot für ihre Geschwister" erinnerte sie an eine der Grundlebensweisheiten ihrer Oma "Eine Frau kann erst dann heiraten, wenn sie Brot schneiden kann". Das bedeutete noch in den 50er Jahren: Per Hand mit dem Messer, den Laib Brot dabei vor die Brust gedrückt. Vorsicht und Geschick sind dabei vonnöten, diese Aktion zeigt der zweite Videomonitor.

Einige ihrer Arbeiten sind aus Holzlatten gezimmert, sind Attrappen wie der Kamin. Auch das entspringt Kindheitserinnerungen, denn ihr Vater baute damals die Kulissen für die Bonbadener Amateurtheaterbühne. Andere Arbeiten sind aus Gips gegossen, vor allem Sofakissen mit dem damals üblichen Knick in der Mitte. Eines nennt sie "Heimatkissen": es hat auf der Oberfläche ein zartes Relief, das in diesem Fall die Silhouette des Lotte-Hauses zeigt. Es ist mit jeder anderen Heimatsilhouette bestellbar. Schließlich arbeitet Ria Gerth auch Multiples in kleinen Auflagen, das heißt kleinere Objekte, die nachgegossen werden. Eine Skulptur ist in Eisen gegossen, Gerth nennt sie "Landschaft", obwohl es sich bei näherer Betrachtung um ein Stillleben handelt: Haushaltsgefäße auf einem Zeitungsstapel. Aus der Ferne wirkt es allerdings wir die Silhouette einer Stadt.

Die Katalogbroschüre ist bestellbar, zum Selbstkostenpreis von 20 Euro. Die am Sonntag eröffnete Ausstellung "Zimmerspiel" ist bis 28. September zu sehen (freitags 16-18, samstags 11-15, sonntags 13-16 Uhr. Dagmar Klein

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