Alternative zum Stau: Seit über 20 Jahren arbeitet Vertriebler Martin Spiller auch aus seinem Homeoffice. FOTO: DPA
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Alternative zum Stau: Seit über 20 Jahren arbeitet Vertriebler Martin Spiller auch aus seinem Homeoffice. FOTO: DPA

Zu Hause im Dienst

  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Statt ins Auto steigt Martin Spiller aus Pohlheim die Stufen in den ersten Stock hinauf. Zumindest an den Tagen, an denen der Vertriebsmitarbeiter eines Software-Unternehmens in seinem Homeoffice arbeitet. Dann fährt er nicht in die Geschäftsstelle nach Langen, nicht in die Zentrale nach Oldenburg und auch nicht zu seinen Kunden, sondern ist von zu Hause aus tätig. Online-Meetings sind die neue Mobilität. Das spart CO2, Nerven und Zeit. Personalexpertin Tjalda Hessling aus Laubach ordnet das Berufsmodell ein.

Das Auto ist sein berufliches Werkzeug. Dienstwagen, Kundenbesuche in ganz Deutschland, Termine in Zentrale und Geschäftsstelle - Martin Spiller ist für seinen Job viel unterwegs, 40 000 bis 60 000 Kilometer im Jahr. Gerade deshalb ist er Homeoffice-Pionier. Vor über 20 Jahren reichte es ihm, sich auch noch für jeden Bürotag auf der Strecke zur Geschäftsstelle seines damaligen Arbeitgebers in Wiesbaden zweimal in den Stau auf der A5 und A66 zu stellen oder über den Taunus heimzufahren. Bis zu vier Stunden auf der Straße kamen da für die 170 Kilometer schon mal zusammen, verlorene Zeit. Mobilität sieht anders aus - von Effektivität und Umweltschutz ganz zu schweigen. Spiller schlug seinem Arbeitgeber eine Homeoffice-Regelung vor - und bekam sie, als Erster in der Firma. Bei seinem jetzigen Arbeitgeber war er ebenfalls Vorreiter für diese Lösung, spart an Bürotagen die Fahrt nach Langen bei Darmstadt und zurück - 150 Kilometer, etwa dreimal die Woche aufs Jahr gesehen. Heute arbeiten viele seiner Kollegen so, anstatt sich auf die verstopften Straßen zu begeben. Frage an die Expertin:

Was sollte man bedenken, bevor man bei seinem Chef nach einem Homeoffice fragt?

Warum möchte ich lieber von einem Homeoffice aus arbeiten? Bin ich dafür von meiner Persönlichkeit und von meinem fachlichen Know-how her geeignet? Passt eine HO-Lösung grundsätzlich zu meinen Jobanforderungen oder wäre der Einrichtungsaufwand unangemessen groß? Gibt es neben den Vorteilen auch Nachteile? Was sind die Vorteile für meinen Chef?

Computer, Laptop, Firmentelefonnummer, Handy, Mail-Account, Internet-Zugang, Zugriff auf den Firmenserver und ein Schreibtisch - das sind Spillers Essentials im Homeoffice. Die Digitalisierung macht’s möglich: Webinare, Video- und Telefonkonferenzen sowie online die gemeinsame Arbeit an Projekten und Verträgen lassen sich so von zu Hause aus organisieren. Frage an die Expertin:

Was muss man im Auge haben, wenn man ein Homeoffice einrichtet?

Zuerst müssen die räumlichen und technischen Möglichkeiten gegeben sein: Habe ich genug Platz für einen vernünftigen Arbeitsplatz, verwende ich meine eigene Technik oder wird sie vom Arbeitgeber gestellt? Wer finanziert das, gibt es vielleicht einen Aufschlag aufs Gehalt - schließlich muss der Arbeitgeber keinen voll ausgestatteten Arbeitsplatz im Büro vorhalten? Neben diesen Fragen ist entscheidend, dass ich den Job inhaltlich allein erfüllen kann. Eine Homeoffice-Lösung für einen Berufsanfänger sehe ich eher kritisch.

Spiller fährt den Rechner schon mal hoch, bevor er frühstückt und die Zeitung liest. Danach dann Mails checken, die To-do-Liste in Angriff nehmen, Telefonate führen, Absprachen treffen, an Verträgen arbeiten. Selbstorganisation und Disziplin sind unabdingbar, um nicht den Überblick zu verlieren. Frage an die Expertin:

Wo sehen Sie besondere Herausforderungen bei der Arbeit zu Hause?

Es muss klar sein, dass ich im Homeoffice genauso einen Acht-Stunden-Tag habe wie im Büro. Ich habe nicht Urlaub, nur weil ich zu Hause bin. Der einzige Unterschied sollte auch in der persönlichen Wahrnehmung sein, dass man keinen Arbeitsweg hat. Man beginnt also zur gleichen Uhrzeit wie die Kollegen im Büro, man hat eine Mittagspause und nach der Arbeitszeit ist Feierabend. Natürlich können sich je nach Erfordernis die Zeiten auch mal verschieben - aber grundsätzlich geht es darum, konsequent seine Arbeitszeit zu Hause auch mit Arbeit zu füllen.

Das Telefon klingelt zur Mittagszeit. Die Kollegen sind jetzt beim Essen, Spiller ist mit den Hunden draußen und hat das Handy mitgenommen. Ein wichtiger Kunde. Oder der Chef. Entgegennehmen? Klingeln lassen und später zurückrufen? Meist geht er doch dran... Frage an die Expertin:

Wie kann man mit der Erwartung von Kollegen, Chef oder Kunden, zu Hause ständig erreichbar zu sein, umgehen?

Ich bin im Homeoffice genauso erreichbar wie im Büro. Allerdings kann ich nicht alles gleichzeitig erledigen. Wenn also mein Telefon besetzt ist oder ich aus irgendeinem Grund nicht am Platz bin, gibt es keinen Kollegen, der einen Anruf für mich entgegennehmen oder mir etwas ausrichten kann. Aber noch mal: Meine Arbeitszeit ändert sich nicht, nur weil ich im HO bin. Das sollte man kommunizieren - als Info in der E-Mail-Signatur oder als Hinweis auf dem Anrufbeantworter. Gut ist auch die Trennung von privatem und dienstlichem Handy.

Spiller wohnt ja quasi neben seinem Büro. Auch nach so vielen Jahren findet er es manchmal schwer, die Tür zu schließen und sich nach Feierabend gegen seine Arbeit abzugrenzen. Frage an die Expertin:

Wie kann jemand, der zu Hause arbeitet, die Falle vermeiden, sich immer im Dienst zu fühlen?

Man sollte überlegen, wie man sich verhalten würde, wenn man nicht im Homeoffice wäre, sondern im Büro in der Firma. Auch sollte der Arbeitsplatz klar definiert sein und sich möglichst nur an einem Ort in der Wohnung oder im Haus befinden.

Für Spiller ist sein Homeoffice die Basis für effizientes und entspannteres Arbeiten. Effizient, weil er ohne die klassischen "Störungen" im Büro - Kaffeeklatsch oder zu häufige Meetings - schneller und konzentrierter arbeiten kann. Entspannt, weil er seine Zeit in gewissen Grenzen selbst und für ihn passender einteilen kann. Allerdings fehlt ihm manchmal auch der Flurfunk, die Begegnung mit den Kollegen. Frage an die Expertin:

Was kann man machen, um sich nicht ganz abgeschnitten vom kollegialen Miteinander zu fühlen?

Wichtig ist der regelmäßige Austausch mindestens per E-Mail, besser noch telefonisch - das gesprochene Wort lässt Zwischentöne erkennbarer durch als das geschriebene. Und sofern möglich, würde ich vereinbaren, den einen oder anderen Tag vor Ort im Büro zu arbeiten, um mit den Kollegen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, Arbeitsschritte abzustimmen, sich gemeinsam Pläne anzuschauen.

Manchmal ist Spiller genervt. Es kommt eben schon vor, dass er abends noch bis in die Puppen eine Fristsache fertigstellt, am Sonntag zwei Stunden den Montagstermin vorbereitet oder mittags durchmacht. Ist halt so - aber wenn er dann in einer versetzten Mittagspause beim Einkaufen gefragt wird, wann er eigentlich arbeitet, ärgert ihn das schon. Frage an die Expertin:

"Du liegst ja eh den halben Tag auf dem Sofa..." - wie wappnet man sich gegen Häme?

Man kann beispielsweise anbieten, besucht zu werden, damit sich jeder selbst ein Bild vom Homeoffice machen kann. Man kann aber auch kontern: ›Ja, sicher liege ich auf dem Sofa, warum auch nicht - solange die Ergebnisse stimmen.‹ Einer der Vorteile des HO ist ja schließlich auch, dass man sich die Arbeitszeit, abhängig vom jeweiligen Job und den Vereinbarungen mit dem Chef, selbst einteilen kann - trotzdem muss die Arbeit natürlich erledigt werden.

Jeder Kilometer, den er nicht in seinem Auto sitzen muss, ist für Spiller ein guter Kilometer. Sein Homeoffice würde er nicht missen wollen - die Vorteile überwiegen einfach. Frage an die Expertin:

Können Sie bitte etwas zum Thema Selbstmotivation sagen?

Die Motivation im Homeoffice ist vermutlich größer, weil ich mehr Zeit für mich, mein Privatleben, Familie und Freunde habe, da das aufwendige Pendeln ins Büro entfällt. Ich bin zudem viel effizienter als früher, kann in meiner Arbeitszeit mehr erledigen, weil ich mich konzentriert direkt ans Werk begebe und nicht erst in der Teeküche über den letzten Urlaub klöne. Natürlich gibt es auch Zeiten, in denen man einfach mal keine Lust hat, sich an den Schreibtisch zu setzen. Im Büro würde man in so einem Fall vermutlich rübergehen und ein Schwätzchen mit dem Kollegen halten. Im Homeoffice kann ich entweder zum Telefon greifen oder mal kurz an die frische Luft gehen. Diese Durchhänger gibt es aber immer - egal ob zu Hause oder in der Firma. Solange ich den Tag strukturiere, mich an meinen Plan halte, Erfolge habe und Ergebnisse vorweisen kann, kommt die Motivation von selbst.

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