Werbung für das Seniorenticket. Für 365 Euro - oder in der Komfortvariante für 625 Euro - können Personen ab 65 Jahre ganzjährig durch Hessen fahren. FOTO: DPA
+
Werbung für das Seniorenticket. Für 365 Euro - oder in der Komfortvariante für 625 Euro - können Personen ab 65 Jahre ganzjährig durch Hessen fahren. FOTO: DPA

Harte Grenze für günstige Fahrten

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
    schließen

Ab welchem Alter gehört man zu den Senioren? Eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Was das Bahnfahren in Hessen betrifft, gibt es zumindest eine Linie: 65 Jahre, das klassische Rentenalter. Seit Jahresbeginn gibt es das günstige Seniorenticket - und auch Kritik, wer in dessen Genuss kommt und wer (noch) nicht.

Für einen Euro am Tag mit der Bahn durch ganz Hessen. Dieses Angebot würden sicher viele gerne in Anspruch nehmen. Seit Verkaufsstart im November 2019 wird das Seniorenticket Hessen sehr gut angenommen: Alleine im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) wurde es bis Mitte Januar schon mehr als 40 000-mal verkauft, teilt der Verkehrsverbund mit. Hinzukämen noch weitere Verkäufe aus dem Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) und dem Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN).

Eigentlich eine positive Nachricht. Doch es gibt auch Menschen, die das Ganze mit Skepsis oder Verärgerung sehen. Zum Beispiel Jürgen Lauer aus Fernwald. "Grundsätzlich eine sinnvolle Regelung", findet er. "Ein Schritt hin zu einem kostengünstigeren Fahren für alle." Aber: "Warum gilt das Seniorenticket nicht für Rentner, die noch keine 65 Jahre alt sind?"

Kein Rentnerticket

Er selbst würde das Seniorenticket sofort erwerben. Der Haken: Er ist noch keine 65 Jahre alt, sondern 64. Die Altersregelung findet er nicht gerecht und fordert daher eine Nachbesserung für alle diejenigen, die zwar Rentenbezieher, aber noch keine 65 sind: "Stichwort ist die Rente mit 63." Im Vergleich zu den rund 1,3 Millionen hessischen Rentnern sei es ein überschaubarer Personenkreis, "vermutlich 15 000", sagt er.

Dass das Seniorenticket sich ausschließlich nach dem Lebensalter richtet, hält Lauer für "altersdiskriminierend". Dem Rhein-Main-Verkehrsverbund hat er sein Anliegen vorgetragen, traf hier aber auf Ablehnung.

Ähnlich wie der RMV schätzt auch das zuständige hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium die Sachlage ein: "Das Seniorenticket ist kein Rentnerticket. Es ist in erster Linie ein verkehrspolitisches, aber kein sozialpolitisches Projekt. Sein Sinn ist, mehr Menschen zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen. Die Altersgrenze 65 ist wichtig für die Kalkulation, die auf der niedrigen Vollerwerbsquote in dieser Altersklasse beruht", teilt Ministeriumssprecher Wolfgang Harms auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Das unterstreicht auch RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann: "Die Altersgrenze von 65 Jahren beim Seniorenticket Hessen orientiert sich an der ab diesem Alter niedrigen Vollerwerbstätigenquote. Bei einem Angebot ab 60 oder 63 Jahren könnten noch mehr Berufstätige das Ticket nutzen, was das Angebot bei der Preiskalkulation teurer machen würde. Der attraktive Preis könnte dann nicht mehr gehalten werden."

Harms weist weiter darauf hin, dass die Verkehrsverbünde bei der Preisgestaltung für frei verkäufliche ÖPNV-Tickets an rechtliche Vorgaben zur Wirtschaftlichkeit gebunden seien. "Aspekte sozialer Bedürftigkeit fallen in den Aufgabenbereich der kreisfreien Städte und Landkreise als Sozialhilfeträger. Sie haben wie bisher die Möglichkeit, für ihre Bürgerinnen und Bürger mit geringen Einkommen spezielle Angebote zu machen."

Die Landesseniorenvertretung war nach eigenen Angaben an dem Entscheidungsverfahren nur indirekt, nämlich im Fahrgastbeirat des RMV, beteiligt. "Wir haben die Entscheidung der Landesregierung zur Kenntnis genommen. Auch unsere Mitglieder haben sich durchaus einen größeren Rahmen vorstellen können", erklärt der stellvertretende LSVH-Vorsitzende Jürgen Kreuzberg.

Ob es künftig einem erweiterten Seniorenkreis ab dem Renteneintritt oder von Pensionären ab dem Eintritt in den Ruhestand geben kann, sollte weiterhin Aufgabe der Politik und Sozialpartner sein, meint die Interessenvertretung. "Renteneintritt und Ruhestand können auch bereits vor einem Alter von 60 Jahren erfolgen. Auch behinderte Menschen bedürfen besonderer Aufmerksamkeit." Die Landesseniorenvertretung will sich für weitere Verbesserungen beim Seniorenticket einsetzten, unterstrich Kreuzberg. Das würde Jürgen Lauer begrüßen. Mit "Senioren" seien Personen im Rentenalter gemeint - so sei es im allgemeinen Sprachgebrauch üblich und werde auch im Duden so definiert, sagt Lauer. Der Rentner aus Fernwald hofft nach wie vor, dass die Formulierung das "Seniorenticket gilt ab dem 65. Lebensjahr" um den Passus "oder Inhaber eines Rentnerausweises", ergänzt wird.

Immerhin: "Das Seniorenticket ist ein weiterer Schritt beim Ausbau der Flatrate-Angebote. Dieser Ausbau muss allerdings im Gleichtakt mit dem qualitativen und quantitativen Ausbau des ÖPNV-Systems erfolgen. Langfristiges Ziel ist ein preisgünstiges Bürgerticket für alle Hessinnen und Hessen", heißt es seitens des Ministeriums.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare