Am Abend des 19. Februar hatte in Hanau ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Die Corona-Krise erschwert die Traumabewältigung. FOTO: DPA
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Am Abend des 19. Februar hatte in Hanau ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Die Corona-Krise erschwert die Traumabewältigung. FOTO: DPA

Hanau und der nachhallende Schock

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Vor drei Monaten sterben in Hanau neun Menschen durch rassistisch motivierte Schüsse. Die Angehörigen ringen mit dem Weitermachen nach der Tat und den Sorgen eines neuen Alltags.

Es gibt eine Geburtstagstorte, so wie es geplant war. Doch der Jubilar fehlt. Er wurde vor drei Monaten Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau. Mit Rosen in der Hand stehen nun Familie und Freunde vor seiner Bar, die zum Tatort wurde, um an ihn zu erinnern. "Er ist heute 30 geworden", sagt Emis Gürbüz, die Mutter des Getöteten. Zum runden Geburtstag des Sohnes hätte es eine Überraschungsparty geben sollen. Dann fielen die Schüsse. "Alle sind hier, nur er ist nicht hier. Es ist sehr, sehr, sehr, sehr traurig."

Die Spuren des Schocks vom 19. Februar sind nicht nur an den Tatorten in Hanau weiterhin gegenwärtig. Auch am zentral gelegenen Brüder Grimm-Denkmal liegen Blumen, brennen Kerzen und hängen Bilder der Opfer. Am späten Abend des 19. Februar erschoss ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mehrere Menschen wurden verletzt. Zu den Tatorten gehörten Bars und ein Kiosk. Der Täter soll zudem seine Mutter umgebracht haben, bevor er sich selbst tötete. Vor der Tat hatte er Pamphlete und Videos mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht.

"Wir sind von einer Extremsituation direkt in die nächste gefallen", sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). "Wir hatten das Schreckensereignis des Attentats noch nicht ansatzweise verarbeitet, als wir uns der nächsten existenziellen Krise stellen mussten. Wie überall im Land drehte sich quasi über Nacht alles um Infektionsketten und Vermeidungsstrategien, Verbote und Hilfsangebote. Die aktuellen Probleme der Pandemie haben alles andere überlagert."

Das Kontaktverbot, das schon in einem normalen Alltag erhebliche Einschränkungen bedeute, sei für die trauernden Hinterbliebenen eine kaum nachzufühlende Herausforderung, sagt Kaminsky. "Den Familien der Getöteten fehlte dadurch die Chance des kollektiven Trauerns und damit der Trost, der sich aus körperlicher Nähe und persönlicher Anteilnahme ergibt. Doch auch der gesamten Stadtgesellschaft wäre zu wünschen gewesen, dass sie die nötige Zeit gehabt hätte, zur Ruhe zu kommen." Die Opferberatungsstelle der Stadt betreut seit Februar kontinuierlich Betroffene. Auf den ersten Schock folgten die Sorgen, wie Mustafa Kaynak erzählt, Mitglied des städtischen Ausländerbeirates und Gründungsmitglied des Vereins "Institut für Toleranz und Zivilcourage - 19. Februar Hanau", der sich unter anderem für die Belange der Opferfamilien engagiert und auch Ansprechpartner für diese sein soll. Es gehe um die neuen Sorgen im Alltag, beispielsweise um die Wohnungssuche. Denn viele Familien wollten und könnten nicht mehr in ihrem alten Zuhause bleiben, es sei zu belastend. Zwei Familien leben Kaynak zufolge in direkter Nähe eines Tatorts, andere in der Nachbarschaft der Wohnung des Schützen.

Der Kiosk im Stadtteil Kesselstadt wird nach Kenntnis der Stadt geschlossen bleiben. Die Bar, vor der Freunde und Familie trotz Corona zusammengekommen sind und an den 30. Geburtstag des früheren Betreibers erinnern, hat Yilmaz-Ilkhan zufolge einen neuen Besitzer und soll wieder öffnen. Doch noch dominiert das Gedenken an die Opfer des Anschlags. Die Geburtstagsgesellschaft will ein hoffnungsvolles Zeichen auf den Weg bringen: Versehen mit guten Wünschen lässt sie weiße Tauben in den Himmel auffliegen.

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