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Größere Auswahl, kleinere Preise

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Auf beinahe jedem Supermarktparkplatz steht inzwischen eine Ladesäule für Elektroautos. Besetzt ist sie allerdings nicht allzu oft. Wie viele Elektroautos gibt es eigentlich inzwischen in Hessen? Wie viele öffentliche Ladestationen können deren Besitzer anfahren? Und welche Ziele haben Befürworter der Elektromobilität? Eine Bestandsaufnahme.

Jürgen Schilling ist sehr optimistisch, was die Zukunft der E-Mobilität in Hessen angeht. "E-Autos setzen sich hundertprozentig durch, auf jeden Fall", ist sich der Experte der Geschäftsstelle Elektromobilität "Strom bewegt", die der hessischen Landesenergieagentur angegliedert ist, sicher. Seine Prognose: Ab 2030 wird es mehr Neuzulassungen von Elektroautos als von Autos mit Verbrennungsmotoren geben. Möglicherweise werde dann sogar schon deren Bestand höher sein. Verschiedene wissenschaftliche Prognosen gehen von einem Bestand zwischen 25 und 60 Prozent 2030 aus, berichtet Schilling.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Nach Angaben des hessischen Landesverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes sind in Hessen im vergangenen Jahr 4741 Elektroautos neu zugelassen worden. 2017 waren es noch 3673. Das bedeutet einen Zuwachs um rund 29 Prozent. Zum Vergleich: Insgesamt wurden 2018 in Hessen 366 173 Pkw neu zugelassen. Den Bestand an Pkw mit Elektroantrieb gibt das Kraftfahrtbundesamt zum 1. Januar 2019 mit 6618 an (3,7 Millionen insgesamt). Der Anteil der Elektrofahrzeuge ist also noch relativ gering.

Dafür gibt es gute Gründe, erklärt Schilling. Derzeit gebe es noch keine guten Angebote für Elektroautos, sie seien schlichtweg zu teuer und die Auswahl an Modellen ist noch zu klein. "Das wird sich in zwei, drei Jahren ändern." Aktuell laufen die Elektroautos bei den Herstellern nebenbei mit. Auch diesbezüglich steht eine Veränderung an. Denn die Industrie habe viel in die Entwicklung und Herstellung von Elektroautos investiert. "Die werden die Dinger verkaufen müssen." Jürgen Karpinski, Präsident des Kfz-Landesverbandes Hessen, berichtete im Frühjahr, die Industrie wolle in diesem Jahr 13 neue Elektromodelle auf den Markt bringen.

E-Autos sind in der Herstellung günstiger als Autos mit Benzin- oder Dieselmotor. Es wird den Herstellern nicht mehr möglich sein, E-Autos teurer zu verkaufen, glaubt Schilling. Das teuerste am Elektroauto ist die Batterie. Aber auch hier fallen die Preise Schilling zufolge rapide.

Ein weiteres Problem ist die oft noch geringe Reichweite. Bei den Batterien werde sich aber noch etwas tun. Schilling rechnet damit, dass sich die Reichweite bei 300 bis 400 Kilometern einpendeln wird.

Zurzeit sei die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, insbesondere auch nach Elektrobussen, größer als das Angebot. Gerade Fahrzeuge, die speziellen Ansprüchen genügen müssen - etwa für den innerstädtischen Lieferverkehr oder für Handwerker - gebe es praktisch nicht.

Der Automobilhandel rechnet ebenfalls mit einer wachsenden Zahl von E-Autos auf Hessens Straßen. Es sei mit steigender Angebotsvielfalt zu rechnen, sagte Michael Kraft, Vizepräsident des Kfz-Landesverbandes während der Jahrespressekonferenz.

Doch günstige Fahrzeuge und passende Modelle allein reichen nicht, um die Elektromobilität weiter zu verbreiten. Mindestens ebenso wichtig ist eine gute Infrastruktur an Ladepunkten. Auch da hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Zum Jahresende 2018 gab es in Hessen laut Bundesverband Energiewirtschaft (BDEW) gut 1400 öffentliche Ladepunkte, berichtet Schilling. Laut BDEW ist Hessen damit auf Platz drei unter den Flächenländern.

Ein Blick in das Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur zeigt: Hier werden Anfang Oktober 719 öffentliche Ladesäulen gelistet. Für Landkreis und Stadt Gießen sind 17 Säulen in der Karte verzeichnet, für den Vogelsbergkreis 29 und für den Wetteraukreis 42. Dabei kann eine Ladestation mehr als einen Ladepunkt haben, es können also mehrere Fahrzeuge gleichzeitig aufgeladen werden. In der Karte der Bundesnetzagentur werden nur Ladestationen von Betreibern angezeigt, die das Anzeigeverfahren der Agentur durchlaufen haben und einer Veröffentlichung zugestimmt haben. Im Internet gibt es zahlreiche weitere Seiten, dazu noch etliche Apps, die bei der Suche nach der nächsten Ladestation helfen. Einen kompletten und zuverlässigen Überblick zu bekommen, ist schwierig.

Schilling sieht darin aber kein großes Problem. Das Thema öffentliche Ladeinfrastruktur werde überschätzt, findet er. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung habe theoretisch die Möglichkeit, das Fahrzeug zu Hause oder am Arbeitsplatz zu laden. Öffentliche Stationen seien vor allem an Autobahnen wichtig.

In Hessen wurde als einzigem Bundesland das Modell "Laden beim Arbeitgeber" finanziell gefördert, da das Auto dort - außer zu Hause - am längsten steht. Inzwischen sind die Mittel aus dem Programm - 3,5 Millionen Euro für die Jahre 2018 und 2019 - aufgebraucht, bedauert Schilling. Er hofft aber auf eine Neuauflage im kommenden Jahr.

Ein weiterer Ansatz, das innerstädtische Laden zu ermöglichen, sei die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur auf privaten oder halb öffentlichen Parkplätzen. Das Modell der halb öffentlichen Stationen sieht so aus, dass etwa ein Betrieb oder ein Supermarkt den Zugang zur Ladesäule nach Dienstschluss nicht abriegelt, sondern gegen Bezahlung für Anwohner zur Verfügung stellt. Darin sieht Schilling großes Potenzial. Denn das größte Problem mit dem Laden haben ihm zufolge sogenannte Laternenparker in Innenstädten und Mieter von Mehrfamilienhäusern, wenn der Vermieter keinen Ladepunkt installieren möchte.

Die Ladeinfrastruktur wird auch Schwerpunkt des Kongresses Elektromobilität sein, der am 23. Oktober in der Gießener Kongresshalle stattfindet. Die Wahl fiel auch auf Gießen, weil Mittelhessen im Bereich Elektromobiliät sehr engagiert sei, sagt Schilling. So betreibe die IHK Gießen-Friedberg seit vielen Jahren den "Arbeitskreis Elektromobilität Mittelhessen", mit Schunk (Wettenberg), Bender (Grünberg) und Isabellenhütte Heusler (Dillenburg) sind hier führende Firmen in diesem Bereich ansässig. Die Justus-Liebig-Universität in Gießen ist maßgebend in der Batterieforschung. Außerdem gebe es in Stadt und Landkreis Gießen einige engagierte E-Lotsen. Das sind Mitarbeiter der Kommunen, die am entsprechenden Ausbildungsprogramm der Hessen Agentur teilgenommen haben. (Foto: dpa)

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