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Glaube Liebe Hoffnung

  • Burkhard Bräuning
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Die Tage werden kürzer. Die Sonne steht tief am Himmel, Nebel nimmt uns die Sicht. Novembergrau ist die dominierende Farbe. Und dann auch noch Corona. Wir nehmen Weihnachten zwar in den Blick. Aber werden wir in diesem Jahr den Zauber der Heiligen Nacht spüren? Die Pfarrer Matthias Schwarz und Dr. Jochen Walldorf sagen Ja. Aber das Fest werde anders sein als in den Jahren zuvor.

Herr Schwarz, Herr Walldorf, bislang gut durch die Corona-Krise gekommen?

Walldorf: Ja. Ich bin dankbar, dass in meiner Familie sich bisher niemand infiziert hat.

Schwarz: Bei mir alles gut.

Glaube, Liebe, Hoffnung ist unser Thema. Der Glaube ist das Fundament des Christentums, das Fundament aller Religionen. Wie hilft er uns in dieser schweren Zeit?

Walldorf: Der Glaube weitet den Blick über den Moment hinaus. Er gibt mir einen Rahmen, in dem ich mein Leben deuten und verstehen kann. Er vermittelt Sinn, der mich nicht nur sensibel macht für die Schönheit des Daseins, sondern mir auch hilft, mit den Grenzen umzugehen - auch mit dem Leid.

Schwarz: Es ist ja mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die glauben, psychisch stabiler sind. Und Stabilität ist in so einer Krise einfach ganz wichtig.

Wie aber behält man seinen Glauben an die Menschheit, wenn Ärzte sagen, dass die Intensivbetten bald belegt sind, aber in Leipzig 20 000 Demonstranten ohne Maske und Abstand durch die Stadt ziehen …

Walldorf: Das kann schon irritieren. Aber ich würde auch nicht sagen, dass ich an die Menschheit glaube. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen das Potenzial für das Gute, Wahre und Schöne steckt - aber eben auch das Potenzial zur Zerstörung.

Schwarz: Das kann ich nur unterstreichen. Ich denke dabei aber auch an den Autor Matthias Horx. Er hat gesagt, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung andere Wege geht als die überwiegende Mehrheit. Und dass wir wohl damit leben müssen. Mir geht aber gegen den Strich, dass die Verschwörungstheoretiker und die Corona-Leugner so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Ist es in diesen Zeiten nicht besser, an sich selbst zu glauben - als sich auf den lieben Gott zu verlassen?

Walldorf: Das ist aus meiner Sicht kein Gegensatz. Der Glaube und das Vertrauen auf Gott kann das Vertrauen zu mir selbst stärken und aufbauen. Paulus hat es so formuliert: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin." Da steckt schon einiges an Selbstvertrauen drin! Aber es gründet nicht in der eigenen Größe, sondern in der Gewissheit, dass Gott mich mir selbst geschenkt hat. So wie ich bin. Auch mit meinen Grenzen.

Schwarz: Mich stört an dieser Frage das Wort "der liebe Gott". Das erweckt so ein Bild von Verniedlichung, so nach dem Bild: Der sitzt da oben und schaut uns zu. Ich verlasse mich, gerade in Krisen, auf einen starken Gott. Das gibt mir dann auch die Kraft, zu tun, was zu tun ist.

Die Liebe! Im ersten Brief des Paulus an die Korinther steht in Kapitel 13, Vers 13: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." Warum setzt Paulus die Liebe über den Glauben und die Hoffnung?

Walldorf: Paulus meint hier mit Liebe nicht nur eine menschliche Wirklichkeit und Möglichkeit, für ihn wurzelt jede echte menschliche Liebe in Gott. Er ist die Quelle und der schöpferische Grund aller Liebe, ja Gott selbst ist Liebe. Deshalb steht die Liebe über Glaube und Hoffnung, sie ist für Paulus sozusagen das, "was - von Gott her - die Welt im Innersten zusammenhält" und was bleibt.

Schwarz: Paulus schreibt am Anfang des Textes ja auch, warum die Liebe so wichtig ist. In der Bibel ist die Liebe nicht so eine Gefühlssache, sondern hat mehr von einem Handlungselement. Dass es darum geht, für andere da zu sein. Glaube und Hoffnung und Liebe sind die drei Dimensionen, die wichtig sind. Aber wenn ich das nur auf mich beziehe, die anderen nicht im Blick habe, dann bringt mir das auch nicht viel. Ich will ja auch nicht allein im Paradies sein.

Wenn man all die Worte des Hasses liest, die im Internet verbreitet werden, wenn man die Populisten und Demagogen reden hört, muss man sich dann nicht fragen: Wo ist die Liebe geblieben?

Schwarz: Ich bin bei der Frage so ein bisschen gestolpert. Denn sicherlich ist es so, dass sich in unserer Gesellschaft der Umgangston verändert hat. Er ist rauer, teilweise sogar bösartig und richtig krass geworden. Das Internet ist da die Bühne, auf der man anonym Hass verstreuen kann. Für mich ist aber die Frage: Wo schaue ich hin? Wenn ich auf den ersten Lockdown zurückblicke, insbesondere auf meine Gemeinde, dann stelle ich fest, wie selbstverständlich die Menschen füreinander da waren. Man half, ohne Aufhebens darum zu machen. Übrigens auch junge Menschen. Und jetzt sehe ich wieder ganz viel Miteinander, ganz viel Liebe. Was sich auf der oberen Ebene abspielt, wo die Trumps zu Hause sind, das ist noch mal eine ganz andere Kiste.

Walldorf: Da stimme ich zu. Liebe ist nicht verloren gegangen, aber sie ist auch keine Selbstverständlichkeit, kein Selbstläufer, sondern verlangt Entschlossenheit und Kraft. Vor allem Nächstenliebe, die über die Menschen hinausgeht, mit denen ich unmittelbar verbunden bin.

Im Frühjahr schrieb ein Kollege: "Ruhe war erste Bischofspflicht in der Corona-Krise: Die Religionsgemeinschaften haben den Abstand zur neuen Form der Nächstenliebe erklärt. Das ist fatal." War das wirklich so?

Schwarz: Ja, es war so - auch. Denn da muss man schon differenzieren. In den Gemeinden war man füreinander da, da wurden Zeichen gesetzt. Man suchte und fand Mittel, um miteinander im Kontakt zu bleiben.

Walldorf: Für das, was die Kirche vielleicht daraus lernen könnte, findet sich eine gute Anregung bei Martin Luther. Im Jahr 1527, als in Wittenberg die Pest ausgebrochen war, sagt er: "Ich will Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen."

Was kann Liebe in diesen Tagen denn bewirken? Wie können wir uns auch mit Abstand nah sein?

Schwarz: Also mir fehlt die Nähe. Mir fehlt, dass ich meinen Angehörigen nicht nah sein kann. Mir fehlt, dass ich bei meinen Besuchen Menschen nicht mehr die Hand halten kann. Aber die Menschen haben gelernt, mit der Distanz umzugehen. Da kommt dann auch wieder die Hoffnung ins Spiel - die Hoffnung darauf, dass es bald wieder anders sein wird.

Walldorf: Ja, Nähe fehlt mir auch. Auch der direkte Austausch mit den Kollegen im RPI. Aber in der Corona-Zeit haben wir ja schon viel Erfinderisches erlebt: Das gemeinsame Singen und Musizieren auf dem Balkon, das Applaudieren für die Ärzte und Pflegekräfte, aber auch Zeichen der Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft.

Christen glauben an Vergebung, Erlösung und das ewige Leben. Worauf gründet sich diese Hoffnung im Jahr 2020?

Schwarz: Meine Großmutter, im Jahr 1903 geboren, hat beide Weltkriege miterlebt, hat viel Last tragen müssen. Sie war eine Frau, die trotz all dem Schweren, was sie erlebt hat, fröhlich war im Herzen. Weil sie diese eine Hoffnung hatte, die nicht in ihrem eigenen Vermögen lag: Sie glaubte daran, dass da etwas ist, was von außen kommt, was ihr von Gott geschenkt wird. Das hat sie unheimlich stark gemacht. Ich glaube, dass Krisen den Glauben stärken.

Walldorf: Für Christen gründet sich diese Hoffnung zuletzt darauf, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern von Gott zu einem neuen Leben auferweckt wurde - einem Leben in der Dimension Gottes. Das ist es, was die ersten Jüngerinnen und Jünger damals erfahren haben und was ihr Leben und ihren Glauben radikal verändert hat. Diese Hoffnungsperspektive haben sie in die damalige Welt hineingetragen - bis heute.

Viele Menschen sagen: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei … Sie haben vielleicht die besseren Argumente, denn Hoffnung allein ist ja kein Argument.

Walldorf: Die Überzeugung, dass mit dem Tod alles aus ist, ist genauso eine Glaubensaussage wie die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Beides geht über das hinaus, was wir mit wissenschaftlichen Mitteln sagen und erforschen können. Jeder Mensch muss sein Leben und die Welt aber irgendwie deuten, bewusst oder unbewusst. Es ist nur die Frage, wie er dies tut - was das "größere Bild" ist, von dem her er oder sie das Leben versteht.

Schwarz: Ich denke an eine Talkshow mit dem Astro-Physiker Heino Falcke, der sich mit schwarzen Löchern beschäftigt. Er hat dort gesagt, dass er Christ sei. Er sagte sinngemäß: Der Glaube sei eine Weise, das Leben zu deuten. Dass es aber immer Bereiche gibt, die wir mit unserem Denken nicht erfassen können. Die in einer anderen Dimension liegen. Kurz gesagt: Die Menschen, die nicht an Gott glauben, haben nicht die besseren Argumente.

Wie kann die Kirche, wie können alle Menschen in diesen dunklen Tagen für andere ein Zeichen der Hoffnung setzen?

Schwarz: Man darf nicht auf die Kirche allgemein schauen, sondern auf das, was in den Gemeinden passiert - und was überhaupt möglich ist. Als jetzt der Lockdown kam, haben die Menschen wieder angefangen, wie im Frühjahr Kerzen in die Fenster zu stellen. Um zu zeigen: Wir sind da, wir wissen, ihr seid auch da. Wir denken an euch.

Walldorf: Ich nenne mal ein paar Stichworte: Kindergartenkinder, die Lichter basteln und sie in Seniorenheime bringen. Die Aktion Weihnachten im Schuhkarton, Gabenzäune, Adventskarten versenden, kreative Adventskalender gestalten - mit guten Gedanken für jeden Tag. Den Kalender "Der andere Advent" verschenken. Kleine Andachten und Rückzug in die Stille.

Es ist eine Perspektive, die uns droht: Weihnachten ohne Verwandte, ohne Gottesdienste, ohne Krippenspiel. Wie kann man den Zauber der Heiligen Nacht trotzdem spüren?

Walldorf: Damit sind wir eigentlich gar nicht so weit entfernt vom allerersten Weihnachten: Politisch sehr unruhige Zeiten, ein ungemütlicher und sicher alles andere als sauberer Stall, keine Aufnahme in die Häuser von Bethlehem, Angst und Schmerzen angesichts einer bevorstehenden Geburt … Und mitten in dieser wenig zauberhaften Situation die Ankunft eines Kindes, das Licht in die Welt bringt. Das Hoffnung schenkt. Das Neues wachsen lässt. Vielleicht lässt sich die Botschaft von Weihnachten in der jetzigen Situation sogar besser verstehen und nachvollziehen.

Schwarz: Also es wird Gottesdienste geben, in welcher Form, muss man schauen. Vielleicht liegt der Zauber der Heiligen Nacht in diesem Jahr sogar darin, dass man nicht für eine große Tafelrunde kochen muss, sondern dass man dem Fest im kleinen Kreis mehr Tiefe geben kann.

Wie werden Sie persönlich in diesem Jahr Weihnachten feiern, und was wünschen Sie sich zum Fest?

Walldorf: Vor allem Zeit mit den Menschen, mit denen ich verbunden bin. Zeit zum Austausch, zum Spielen, zum Vorlesen, zum Lachen. … Gute Bücher.

Schwarz: Ich weiß noch gar nicht, was ich mir wünsche. Im Moment steht für mich noch im Vordergrund zu schauen, wie wir alles geregelt bekommen, vor allem mit den Gottesdiensten. Ich hoffe, dass ich am Tag nach Weihnachten auf meiner Couch sitzen, ein kleines Glas Whisky genießen und alles ablegen kann.

Welche Segensworte geben Sie unseren Lesern mit für die Adventszeit?

Walldorf: Ein Text von Tina Willms lädt ein, neu das Träumen zu wagen: "Advent heißt, zu träumen wagen: Dass die Welt eine andere sein könnte. Dass einer Wege aus Licht ins Dunkle bahnt. Dass einer der Erde nicht den Krieg, sondern den Frieden erklärt, bis wir ihn endlich verstehen. Dass einer uns nicht verloren gibt, sondern uns aufsucht, jeden Menschen, auch dich und mich."

Schwarz: Für mich ist in diesem Advent ein Wort aus der Bibel ganz wichtig: "Steht auf und erhebt eure Häupter." Wir müssen schauen, was um uns herum passiert, um notfalls zu helfen, und um die schönen Dinge zu entdecken, die uns umgeben. Aufstehen, Haupt erheben, nicht bei sich selbst bleiben. FOTOS: DPA/BB

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