Gießener Pfingstregatta verwandelt Lahnufer in Partymeile

Gießen (csk). Die 100. Gießener Pfingstregatta hat am Wochenende wieder Tausende Besucher ans Lahnufer gelockt. Bei bestem Wetter kämpften rund 1300 Sportler aus ganz Deutschland drei Tage lang um Medaillen und Pokale.

Während auf dem Wasser jedes Boot seine eigene Bahn hatte, herrschte an Land oft dichtes Gedränge. Für die Rennen interessierte sich allerdings längst nicht jeder Zuschauer. Manche nutzten die Zeit lieber zum Sonnenbad, andere entspannten bei Bootstouren oder ignorierten das Geschehen einfach – mit Buch und Kopfhörern.

So viel Konkurrenz hatten sie wohl kaum erwartet. "Hier ist ja richtig Programm", stellt einer der drei jungen Männer fest, die am Samstag mit Badetuch und Grill ausgestattet vor dem Bootshaus stehen. Es dauert ein paar Sekunden, bis sein Mitstreiter die Lösung parat hat: "Ein Ruderwettbewerb!" Tatsächlich gehört das Pfingstwochenende an der Lahn traditionell dem Wassersport – und die Pfingstregatta seit 1882 zu Gießen wie kaum ein anderer Wettbewerb. Rund um die Strecke herrscht auch an diesem Wochenende eine Mischung aus Volksfest und Freibad-Atmosphäre. Weder Breitensport noch Unterhaltung kommen zu kurz. Auf der schmalen Paddelspur unweit der Profis sind viele Boote unterwegs, in den Pausen gibt es zudem Touren im Drachenboot, Kanupolo und Livemusik. Zahllose Siegerehrungen bleiben dabei fast unbemerkt; nur die wichtigsten Preise werden ausführlicher gewürdigt, zum Beispiel der Großherzogspreis, den der Achter der Gießener Rudergesellschaft einheimst.

Am anderen Ufer dient der sonst eher unscheinbare Uferweg als Flaniermeile: sehen und gesehen werden. Doch nicht auf alles hat man einen ungestörten Blick. Es gebe kaum Stellen, an denen nicht Bäume und Sträucher die Sicht behinderten, sagt ein Mann. Hinzu kämen vor allem bei der 1000-Meter-Distanz einige Schleifen, ergänzt sein Nachbar. Der Streckensprecher preist derweil die "wunderbare Naturstrecke Lahn". Dass manch Unentwegte den Fluss wegen seiner Ähnlichkeit zum Oberlauf der Themse angeblich gar "deutsches Henley" nennen, verschweigt er.

Ganz so weit möchte Roger Heise diesen Vergleich ohnehin nicht treiben. Dank seines Dampfboots aus dem 19. Jahrhundert hat der Brite, der seit drei Jahrzehnten in Hessen lebt, einen festen Platz im Rahmenprogramm. Abends mischt sich der Duft seines Gefährts mit dem von allerhand frisch Gegrilltem. Tagsüber kündigt das Gemisch aus Rauch und heißem Öl die "Vesuvius" an, schon lange bevor sie in Sichtweite schippert. Nur wenige Besucher zeigen sich von der Regatta unbeeindruckt. Sie genießen wie Tobias, ein 20-jähriger Student, schlicht den Sonnenschein.

Erst die dritte Begrüßung reißt ihn aus seiner Reise ins Polen des 17. Jahrhunderts. Warum er inmitten des Trubels konzentriert Bert Brechts "Mutter Courage" lesen könne? "Von Trubel habe ich bisher gar nichts gemerkt", sagt er – und greift direkt wieder zu seinem MP3-Player.

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