Gießener Geschichten für das "Gedächtnis der Nation"

Gießen (kw). Der Bus des Vereins "Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation" geben in diesen Tagen rund 20 Menschen aus Gießen und Umgebung vor der Kamera Interviews. Immer geht es unter dem Titel "Leben in der neuen Heimat" um Migration.

Der Liebe wegen kam die Frau aus Litauen nach Gießen und fühlt sich bis heute hin- und hergerissen zwischen ihrer neuen Heimat und einem Land, über das hier kaum jemand etwas weiß. Ein Mann hat es vom unbegleiteten jugendlichen Flüchtling zum Lehrer gebracht. Eine Frau aus Eritrea entkam den Bürgerkriegswirren und fühlt sich in Gießen zu Hause. Diese und viele andere Lebensgeschichten werden seit Dienstag und noch bis Freitag am Kirchenplatz dokumentiert.

Der Bus des Vereins "Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation" hat sich zur Aufgabe gemacht, Erinnerungen von Zeitzeugen filmisch festzuhalten und künftigen Generationen verfügbar zu machen. Einer der Gründer des Vereins ist der Historiker Guido Knopp, der für das ZDF zahlreiche Dokumentationen gedreht hat, in denen "Normalbürger" zu Wort kommen. Für Fernsehsendungen seien die jetzt aufgenommenen Gespräche aber zunächst nicht vorgesehen, erläuterten im GAZ-Gespräch die Redakteure Simone Gebel und Oliver Roscher. Sie werden in einigen Monaten für jedermann im Internet zu sehen sein: Auf seiner Homepage www.gedaechtnis-der-nation.de unterhält der Verein dort eine "Zeitzeugen-Datenbank". Zuvor werden die Filme redaktionell bearbeitet, etwa um geschichtliche oder biografische Informationen ergänzt.

Wenn der Interviewte nach der Aufnahme darum bittet, bestimmte Sätze oder Passagen nicht zu veröffentlichen, "machen wir das natürlich", so Simone Gebel. Schließlich säßen vor der Kamera meistens Menschen, die keine Medienprofis sind. Gerade dass Laien erzählen, mache den Reiz des Projekts aus, erläutert Aufnahmeleiter Moritz Oldenstein. Manche erzählten ihre Geschichte zum ersten Mal in einer solchen Form, ihre Emotionen würden spürbar. Widerlegt sieht Simone Gebel das Vorurteil, junge Menschen interessierten sich wenig für Geschichte: "Oft waren es die Enkel, die bei uns angerufen und gesagt haben: Was mein Opa erzählt, ist so spannend, das muss man festhalten."

Beim Migrations-Thema steht aber nicht nur die Generation im Fokus, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Viele der Einwanderer, seien froh über das Interesse an ihren Erfahrungen und Perspektiven, so Simone Gebel: "Sie erleben, dass sonst meist über sie gesprochen wird, nicht mit ihnen." Die Interviewpartner finden die Vereinsvertreter aus Mainz über die Medien, Stadtverwaltungen und andere Einrichtungen. In Gießen halfen dabei unter anderem die Integrationsbeauftragte und die Gießener Allgemeine Zeitung. Einige Gesprächspartner, die in deren gemeinsamer Serie "Gelungene Integration" in den Jahren 2005/06 ihre Geschichte erzählt hatten, haben sich nun erneut als Zeitzeugen zur Verfügung gestellt. In Gießen darf natürlich das Thema DDR-Notaufnahmelager nicht fehlen: Dessen ehemaliger Leiter Heinz Dörr berichtet am Mittwoch vor der Kamera.

Am Dienstag wurde unter anderem Anna Mettbach gefilmt, die in der Nazi-Zeit als Sintezza verfolgt wurde. Aus ihrem Leben und der Zeit in Konzentrationslagern hat die 86-Jährige nicht zum ersten Mal erzählt: Vor 20 Jahren begann sie als Zeitzeugin an Schulen und der Justus-Liebig-Universität zu sprechen. Für dieses Engagement wird sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, wie sie dieser Tage erfahren hat. Ministerpräsident Volker Bouffier überreicht die Auszeichnung am 9. August in Wiesbaden. Am 28. August erhält Anna Mettbach außerdem – wie berichtet – die Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare