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Am 1. August 1979 wurden die Ortsschilder gewechselt: Gießen war wieder Gießen und nicht mehr Stadtteil von Lahn.

Stadt Lahn

Stadt Lahn: Schnelles Ende einer Großstadt

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Fast 160 000 Einwohner hatte die bislang einzige Großstadt in Mittelhessen. Vor 40 Jahren scheiterte das Experiment mit der Stadt Lahn. Rückblick auf einen Versuch, von dem nicht wenige sagen, dass er es wert war. Emotional jedoch war die Fusion nicht vermittelbar.

Es gibt zwei Daten, die fehlen in keinem Gießener und Wetzlarer Geschichtsbuch: der 1. Januar 1977 und der 1. August 1979. Innerhalb dieser 31 Monate lief ein in der deutschen Kommunalgeschichte einmaliges Experiment ab, das diese Bezeichnung spätestens seit dem 4. Juli 1979 verdient hatte. An diesem Tag löste der Hessische Landtag die per Dekret gebildete Stadt Lahn auch per Dekret wieder auf, und am 1. August vor 40 Jahren trennten sich die Wege von Gießen und Wetzlar wieder. Die "Frankfurter Allgemeine" titelte damals: "Volksfest zur Wiedergeburt von Wetzlar und Gießen".

Das Ende der ungeliebten "Stadt aus der Retorte" war mit der Geburt des Landkreises Gießen in seiner heutigen Form verbunden. Zudem entstand im Umland von Gießen mit der Großgemeinde Wettenberg ein neues kommunales Gebilde, das sich als haltbarer erweisen sollte als die Lahn-Stadt. Gießens Wiedergeburt war freilich nur mit einem bescheidenen Wachstum verbunden. Seit dem 1. August 1979 ist Lützellinden ein Stadtteil der Universitätsstadt, der es seinerzeit nicht gelang, die Kreisfreiheit der Stadt Lahn über den 1. August 1979 hinaus zu bewahren. 40 Jahre später ist die Kreisfreiheit für Gießen wieder ein Thema.

Stadt Lahn: Regierungspräsidium als Trostpflaster

Als kleines Trostpflaster für Mittelhessen und die Stadt Gießen wurde die Bildung des Regierungspräsidiums mit Sitz in Gießen von Ministerpräsident Holger Börner (SPD) angekündigt. Der gab sich im Sommer vor 40 Jahren geläutert. In einer Botschaft an die Lahnstädter hieß es: "So alte bedeutsame Städte wie Gießen und Wetzlar mit ihrer reichen Vergangenheit, ihrer unterschiedlich geprägten Struktur und ihrer Eigenart kann man nicht gegen den Willen der Bürger zu einem neuen künstlichen Gebilde zusammenfügen. Hier lag der Fehler, und die Bürger haben es uns letztlich gesagt. Deshalb bin ich dafür eingetreten, diese Zwangsehe wieder aufzulösen."

Das Aus für die Stadt Lahn wurde bereits in der Auflösungsphase mit gemischten Gefühlen betrachtet, gab es doch handfeste Gründe, die für eine Bündelung der Kräfte in Mittelhessen sprachen. Der Wetzlarer Bürgermeister Otto Malfeld hat sie 1976 in einem Aufsatz für die Zeitschrift "Kommunalverlag" benannt: "Zentralfunktion für Mittelhessen, die Kreisfreiheit, die Möglichkeit einer sinnvollen Verkehrskonzeption, die Installierung von Sonderbehörden im Zuge der Verwaltungsreform, die Verwirklichung von Erholungs- und Sporteinrichtungen überregionaler Bedeutung, die Konkurrenzfähigkeit im Wettbewerb der Räume, die Einrichtung optimaler Ver- und Entsorgungsanlagen, bessere Umweltschutzmöglichkeiten." Die aus Sicht des SPD-Politikers und Lahnstadt-Befürworters "beachtlichen Vorteile" veranlassten Malfeld zu der damals schon gewagten Vorhersage: "Man kann damit rechnen, dass bei Wahrung des Charakters von Land und Leuten die seltene Gelegenheit eines Neubeginns genutzt wird."

Sie wurde nicht genutzt, da die neue Großstadt von ihren Bewohnern nicht geliebt wurde. Als die staatsbeauftragten Lahn-Macher im Januar 1977 die ersten Straßenschilder aufstellten, wurden diese prompt überklebt, und in der folgenden Faschingskampagne hieß ein Motto in Gießen: "Trotz Lahn, wir bleiben auf dem Gießener Kahn".

Stadt Lahn: Der Fluss wird Namensgeber

Wenig anfangen konnten die Bürger vor allem mit dem neuen Namen ihrer Stadt. Den Vorschlag der Regierungsvorlage "Gießen-Wetzlar" lehnten die kleinen Gemeinden ab. Grund: Zumindest äußerlich sollte nicht der Eindruck einer Eingemeindung entstehen. Kompromiss: Der Fluss wird Namensgeber auch für die Stadt, dies gekoppelt mit dem jeweiligen Stadtteil. Beim Bindestrich zwischen Lahn-Gießen oder Lahn-Wetzlar wollte jedoch die Post nicht mitmachen. Folge: Ein Proteststurm aus dem Mittelhessischen.

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nahm die Politik von Anfang an auf: Die CDU, die von ihrer Lahn-kritischen Haltung bei der Kommunalwahl im März 1977 profitierte, legte bereits im April Neugliederungs-alternativen vor, die anderen Parteien zogen später nach. Der feste Wille, sich selbst zu beseitigen, gipfelte schließlich im Dezember 1977 mit der Übergabe einer Verfassungsbeschwerde gegen die Lahnstadt in Karlsruhe. Antragsteller: der Magistrat. Rechtzeitig zur folgenden Landtagswahl verkündete SPD-Landesvater Börner im September 1978 in Wetzlar schließlich: "Gießen wird wieder Gießen, Wetzlar wieder Wetzlar."

Zur Konkursmasse der Stadt Lahn gehörte auch der vom Gießener Geografen Prof. Winfried Moewes erstellte und 1981 veröffentlichte "Städtebauliche Rahmenplan für den Raum Gießen-Wetzlar". In einem Geleitwort schrieb Gießens damaliger CDU-Bürgermeister Sigurd Beyer: "Mit dem Rahmenplan ist die Hoffnung und Erwartung verbunden, daß die Rechtsnachfolger der Stadt Lahn, die Städte und Gemeinden Gießen und Wetzlar, Lahnau, Heuchelheim und Wettenberg, ihre bevorstehende gemeindliche Entwicklungsplanung auf diese Planungskonzeption ausrichten werden und so den notwendigen Impuls für eine verstärkte Abstimmung der gemeindlichen Planungen erhalten." Das blieb ein frommer Wunsch.

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