Umlagert: Sozialminister Kai Klose (Grüne) appelliert an die Bürger, mit den Erkrankten Solidarität zu zeigen. FOTO: RÜDIGER GEIS
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Umlagert: Sozialminister Kai Klose (Grüne) appelliert an die Bürger, mit den Erkrankten Solidarität zu zeigen. FOTO: RÜDIGER GEIS

"Es gibt keinen Grund zur Panik"

  • Rüdiger Geis
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Donnerstagabend, 22 Uhr, jetzt steht es fest: Dass Coronavirus hat Hessen erreicht. Ein 31-Jähriger aus Wetzlar wurde positiv getestet. Nach Einschätzung der Behörden wird es nicht der einzige Fall bleiben. Doch Grund zur Panik bestehe deshalb nicht.

Die Reise endete für den 31-jährigen Wetzlarer auf der Isolierstation des Klinikums. Der in Hüttenberg Tätige war beruflich in Norditalien unterwegs. Dort hat er sich mutmaßlich mit dem Coronavirus infiziert. Am Freitagvormittag traten Ministerium und örtliche Behörden in einer eilends einberufenen Pressekonferenz vor die Öffentlichkeit, um über den aktuellen Stand der Dinge und die ergriffenen Maßnahmen zu berichten.

Die Devise heißt: "Es gibt keinen Grund zu übermäßiger Panik", unterstrich der hessische Sozialminister Kai Klose (Grüne). Man verstehe, dass die Menschen besorgt seien und auch Angst hätten. Aber alle notwendigen Maßnahmen nach einem standardisierten Verfahren würden greifen. "Wir appellieren wirklich an die Bevölkerung, Solidarität mit den Patientinnen und Patienten zu zeigen, die an diesem neuartigen Coronavirus erkranken", sagte Klose.

Auch Lahn-Dill-Landrat Wolfgang Schuster (SPD) unterstrich, dass man auf diese Situation gut vorbereitet sei: "Wir haben uns informiert und vorbereitet. Wir warten ja nicht, bis die Krise da ist." Der Kreis habe einen Pandemieplan und einen Verwaltungsstab eingerichtet, der die Situation fortlaufend bewerte und entsprechend reagiere. Dies gelte auch für das Wetzlarer Klinikum, erklärte Schuster vor einem Großaufgebot an Journalisten, die Printmedien, TV- und Radiosender aus allen Teilen der Republik vertraten. Ihr Wissensdurst nach konkreteren Informationen über das bisher bekannte Ausmaß der Kontaktpersonen und möglichen Infektionen konnte allerdings nur bedingt gestillt werden. Immerhin: Der 31-jährige Patient habe alles richtig gemacht und sich vorbildlich verhalten, stellte Schuster fest. Den Angaben nach war er dienstlich in der Lombardei unterwegs und hatte sich dort mit dem SARS-CoV2-Erreger infiziert. Da er leichte Symptome der Krankheit festgestellt habe, hab er sich beim Gesundheitsamt gemeldet. Ein erfolgter Abstrich sei am Donnerstag am Institut für Virologie der Philipps-Universität in Marburg getestet worden. Nach Angaben des Landrats befinde sich der Patient in einem Isolierzimmer des Wetzlarer Klinikums, sein Zustand sei stabil.

Dass es nicht bei diesem einen Fall in der Region bleiben wird - trotz aller ergriffener Vorsichtsmaßnahmen zur Unterbrechung der Infektionskette - machte auch der Marburger Virologe Prof. Dr. Stephan Becker unmissverständlich klar: "Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass weitere Fälle auftreten." Man sei aber sehr gut vorbereitet, um die Ausbreitung "zu verlangsamen". Becker, der den Behörden in Wetzlar ein professionelles Handeln attestierte, verwies auch auf die Ähnlichkeit des Krankheitsverlaufs bei der Grippe. Im Gegensatz zur Influenza kenne man das Coronavirus aber noch zu wenig und müsse deshalb vorsichtiger verfahren. Auch zum bisher bekannten SARS-Virus gebe es Unterschiede. Denn das Coronavirus vermehre sich nicht nur in den unteren, sondern auch in den oberen Atemwegen. Dadurch gebe es eine leichtere Übertragung.

Trotzdem stand die Frage im Raum: Wie viele Personen hatten Kontakt zu dem Patienten, wie viele wurden bisher isoliert? Dazu konnte Dr. Gisela Ballmann, Leiterin des Lahn-Dill-Gesundheitsamtes, nur vage Auskünfte geben. Man habe erst am Donnerstagabend gegen 22 Uhr die Ergebnisse bekommen und arbeite nun nacheinander die Kontakte des Patienten zu anderen Personen ab. Derzeit seien es mindestens 20 Personen, die sich deshalb in häuslicher Quarantäne befänden. Es würden aber eher noch mehr.

Ob der Betroffene nach seiner Rückkehr am Sonntag aus Norditalien auch mit Arbeitskollegen Kontakt hatte, wollte Ballmann weder bestätigen noch dementieren. Nach HR-Informationen ist der Mann aber noch am Montag an der Arbeit gewesen. Der Sender berief sich dabei auf eine Mitarbeiterin der Firma. Er sei auch nicht auf Dienstreise, sondern privat unterwegs gewesen. Der Patient sei in Italien negativ getestet worden, habe sich aber aufgrund anhaltender Symptome in Deutschland nochmals testen lassen wollen. Er sei mehrfach abgewiesen und erst am Donnerstagvormittag beim Gesundheitsamt getestet worden, berichtet der HR.

Landrat Schuster warnt vor Panik

"Wir konnten in so kurzer Zeit noch nicht alle Kontaktpersonen erreichen", bat Landrat Schuster um Verständnis und warnte noch einmal vor unnötiger Panik: "Hier rufen Leute an und fragen, ob wir ganz Wetzlar evakuieren." Schuster, der für seine Bonmots bekannt ist, konnte sich auch bei diesem ernsten Thema eine kleine humoristische Bemerkung nicht verkneifen. Man habe in der kurzen Zeit alles Machbare getan. Schließlich sei die Information aus Wiesbaden erst am späten Donnerstagabend eingegangen. "Bisher hat mich noch kein Minister um 22.30 Uhr angerufen!" Den letzten Ministerkontakt habe er kürzlich wegen der Übergabe eines Geldbetrags gehabt.

Das kurze Schmunzeln in der Journalistenrunde wurde dann aber doch schnell wieder vom Ernst der Sache abgelöst. Was bedeutet die Situation nun für die Menschen, die zum Teil verunsichert sind, wie sie sich verhalten sollen?

Grundsätzlich sollte man sich beim Verdacht auf Corona-Symptome entweder beim Hausarzt oder beim zuständigen Gesundheitsamt melden, rät Sozialminister Klose. Ansonsten gilt das gleiche Verhalten wie bei Erkältungskrankheiten oder Grippe, unterstreicht Ballmann: nicht in den Raum hinein niesen, sondern in den Ellbogen oder in den Ärmel, das Taschentuch nicht zweimal benutzen. Und: Abstand halten zu infizierten Personen. Weiterer Tipp: "Hände wachen. Seife tötet das Virus ab."

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