Benjamin Wockenfuß
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Benjamin Wockenfuß

VIRTUELLE SCHÄTZE

"Es gibt keine Gratisspiele"

  • vonGerd Chmeliczek
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Es sind zumeist keine großen Beträge, die fällig werden. Aber es läppert sich. Denn den neuesten Kampfanzug bei "Fort- nite" oder die so dringend benötigten Juwelen, die bei "Hay Day" oder "Brawl Stars" für mehr Spielspaß am Handy oder an der Konsole sorgen, gibt es nicht umsonst. Sogenannte In-App-Käufe strapazieren nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Nerven vieler Eltern.

Es ist die Horrorvorstellung vieler Eltern: Die Kreditkartenabrechnung bringt schmerzhaft ans Licht, dass der Nachwuchs investiert hat - in Münzen, Rohstoffe oder in virtuelle Sammelkarten. Um das Computerspiel zu beschleunigen, um die Ausrüstung zu verbessern oder um eine bessere Chance gegen den nervigen Endgegner zu haben, rüsten die Kinder auf. Und sie bezahlen entweder mit Mamas oder Papas gutem Namen, oder sie bitten, betteln und quengeln, bis einer der Erziehungsberechtigten schließlich nachgibt.

Benjamin Wockenfuß ist Suchttherapeut und Social-Media-Manager bei der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Er erklärt, was hinter dem für die Unterhaltungsindustrie äußerst einträglichen Geschäft steckt.

Herr Wockenfuß, was sind In-App- oder In-Game-Käufe?

Dabei handelt es sich um Erweiterungen innerhalb einer App oder eines Spiels. Dadurch wollen die Entwickler einen Mehrwert generieren. Der Spieler erhält zusätzliche Features, die er aber in realer Währung bezahlen muss. Im Moment ist das Abo-Modell sehr beliebt. Man zahlt monatlich eine fixe Gebühr, um eine gewisse Dienstleitungen innerhalb einer App oder eines Spiels nutzen zu können.

Das klingt nach einem einträglichen Geschäft...

Ja, und der wirtschaftliche Faktor wird immer größer, weil das Fundament der kostenfreien App immer mehr an seine Grenzen stößt. Schließlich hat da jemand viel Arbeit reingesteckt, für die er auch entlohnt werden möchte. Das ist ganz normal. Die Anzahl der zahlungspflichtigen Inhalte gerade in Apples App-Store ist deutlich höher als die der vermeintlichen Gratisanwendungen.

Was meinen Sie mit "vermeintlich"?

Es gibt keine Gratis-App und auch keine Gratisspiele. Wenn sie nicht mit Geld dafür bezahlen, dann mit ihren persönlichen Daten. Oder mit beidem. Das muss man sich immer vor Augen führen.

Wie ist es überhaupt möglich, dass Kinder auf Rechnung der Eltern im Netz einkaufen?

Wie so oft wird auch im Fall der In-App-Käufe das Problem an den Kindern festgemacht. Es offenbart aber eigentlich nur die fehlende digitale Kom- petenz der Erwachsenen. Warum ist mein App-Store so eingerichtet, dass mein Kind einfach so etwas kaufen kann? Und warum ist das Kind so unbegleitet, dass es erst einmal nicht auffällt?

Ja, warum?

Weil in vielen Fällen die Kreditkarte von Mama oder Papa hinterlegt ist. Und das wissen die Kinder - und auch die Entwickler.

Worin liegt der Reiz dieser Kaufangebote?

Ein Beispiel: Das Rennspiel bietet die Wahl zwischen einem gelben und einem roten Auto. Nach einer gewissen Zeit erscheint eine Einblendung, die das schwarze Auto mit den Flammen an der Seite anpreist - und das ist auch noch schneller ist als die anderen. Und schon ist der Köder ausgelegt. Oder aber das Spiel stoppt unvermittelt. Man muss dann entweder eine Stunde warten, oder man zahlt eben, damit es sofort weitergeht. Es kann auch sein, dass das Spiel immer schwieriger und zäher wird. Nun brauche ich virtuelle Währungen, um meinen Spiel-Charakter stärker oder schneller zu machen. Sonst hänge ich fest.

Kinder sind über Apps oder Spiele oft miteinander vernetzt. Welche Rolle spielt die Gruppendynamik?

Eine große. Diese Community-Effekte sind sehr ausgeprägt. Speziell bei Fortnite kennen wir das von den verschiedenen Kleidungsstilen, von den Tänzen oder der Ausrüstung der Charaktere. Wenn man dann mit einem Kumpel oder einer Freundin online ist, die viel in das Spiel, beziehungsweise in den Charakter investiert, dann entwickelt das natürlich eine gewisse Gruppendynamik. Der Avatar wird zum Statussymbol. Und wer nicht mithalten kann, der ist außen vor. Wenn man dann keinen Mechanismus dazwischengeschaltet hat, dann sind solchen Käufen Tür und Tor geöffnet.

Aber diese Mechanismen gibt es doch...

Ja, aber man muss sich informieren und sie auch anwenden. Wir dürfen nicht so tun, als sei das alles ein neues Phänomen. Es gibt die Kindersicherung beim Fernseher, die PIN-Sicherung beim Smart- phone - und es gibt natürlich auch Wege, sich vor unbefugten In-Game-Käufen zu schützen.

Und die wären?

Die Eltern müssen sich mit ihren Geräten befassen. Da reicht es nicht, Tablets zum Babysitter werden zu lassen. Es lässt sich einstellen, dass die Eltern solche Käufe vorher genehmigen müssen. Und zwar nicht nur beim Smartphone, sondern auch bei den Konsolen. Das geht zum Beispiel über die Einstellungen am Smartphone, über eine PIN, über den Fingerabdruck oder über einen Gesichtsscan. Die Werkzeuge, sind vorhanden. Daher habe ich auch wenig Mitleid mit den Eltern, die dann die große Kredikartenabrechnung bekommen. Es sei denn, man wird Opfer von Kriminellen. Aber noch einmal: Man muss sich informieren, man muss Zeit investieren. Man muss raus aus der Komfortzone, in der man alles nur abnickt.

Wo kann ich mich konkret informieren?

Aktuell empfehle ich die Seite mobilsicher.de.Dort findet man zu vielen solcher Themen nützliche Tipps.

Wie kann man die Kinder einbinden?

Grundsätzlich gilt: Gemeinsam in eine App rein, und gemeinsam wieder raus. Mit älteren Kindern kann man zusammen im App-Store schauen und sich informieren. Man kann mit dem Nachwuchs das Kleingedruckte lesen und auf eventuelle Fallstricke hinweisen. Wenn Kinder früh lernen, sich in der digitalen Umgebung sicher zu bewegen, dann kann man zumindest die Wahrscheinlichkeit verringern, am Ende des Monats eine große Rechnung zu bekommen.

Downloadable Content (DLC):Herunterladbare Zusatzinhalte wie Spielmissionen, Level oder Charaktere. Erhältlich über die Konsolen-Plattform oder gängige Verkaufsportale.

Spielwährungen:Bei Apps oder Browser-Games weitverbreitet. Der Einsatz von digitalen Währungen kann Wartezeiten im Spiel verkürzen oder man kann schwere Level leichter lösen. Die Kaufabwicklung findet über den Shop des Spiels statt. Dort werden die Spielwährungen mit echtem Geld erworben.

Virtuelle Gegenstände:Tauchen häufig in Rollenspielen auf. Erwerbbare Objekte sind beispielsweise Waffen oder Ausrüstungsteile.

Lootboxen:Virtuelle Kisten in den Spielen, die eine zufällig festgelegte Auswahl an Gegenständen enthalten. Die Lootboxen stehen in der Kritik, ihnen wird ein Suchtpotenzial vorgeworfen, da es sich nach Meinung der Kritiker um ein Glücksspiel handelt und letztendlich falsche Erwartungen weckt.

Quellen: Landesmedienzentrum,

Wikipedia

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