Geschlossene Einrichtung für Kinder eröffnet

Sinntal-Sannerz (dapd). Mit einer "Intensivpädagogischen Wohngruppe" eröffnet in Sinntal-Sannerz am Donnerstag die erste geschlossene Einrichtung für auffällige Kinder und Jugendliche ihrer Art in Hessen. Kritiker bezeichnen das Gebäude als Jugendknast. Leiter Pater Franz Harings findet die Bezeichnung unpassend.

Die Räume sind hell. Große Fenster geben den Blick frei auf die umliegenden Anlagen des Jugendhilfezentrums Don Bosco und das Grün des Spessarts. Die Fenster mit Blick auf den Innenhof mit den Spielgeräten können geöffnet werden – die anderen allerdings nicht. Sie sind zudem aus Panzerglas. Bei dem Neubau im Sinntaler Ortsteil Sannerz (Main-Kinzig-Kreis) handelt es sich um die einzige geschlossen Einrichtung für Kinder in Hessen. Kritiker bezeichnen das Gebäude als "Jugendknast".

In der "Intensivpädagogischen Wohngruppe", die sich in Trägerschaft der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos befindet, sollen ab Donnerstag acht straffällig gewordene und schwer erziehbare Jungen im Alter von 10 bis 13 Jahren betreut werden. Die Einrichtung, deren Eröffnung wegen eines Wasserschadens mehrfach verschoben wurde, soll nach Wunsch des Leiters, Pater Franz Harings, möglichst noch im Dezember ihre Arbeit aufnehmen.

Den Begriff "Jugendknast" findet Harings unpassend. Es gibt keine Gitter, das ist ihm wichtig. Allzu oft haben Kritiker wie die Landtagsfraktion der Grünen ihm vorgeworfen, Jugendliche mit aggressiven Verhaltensweisen in der neuen Einrichtung einfach wegzusperren. Harings ist empört. "Das ist rein rechtlich schon Unsinn. Die Justiz macht ihre Arbeit. Und wir sind eine Jugendhilfeeinrichtung", meint er.

Die Jungen dürften das Gebäude dennoch nicht verlassen, wenn sie es wollen. "Die Phase des Freiheitsentzuges soll für die Jungen einen sicheren Raum bieten", sagt Harings. Dieser Zeitraum müsse jedoch so kurz wie möglich bleiben. "Das sind Kinder, die sich jeglicher pädagogischer Einflussnahme entziehen. Die aus vielen Maßnahmen schon weggelaufen sind." Der Freiheitsentzug müsse eine "Ultima Ratio" bleiben. "Diese Jugendliche würden ansonsten jedoch abgleiten."

Das Konzept der Einrichtung sieht einen Stufenplan vor. Die geschlossene Form der Unterbringung soll je nach Entwicklung des Kindes gelockert werden, Besuche und Ausflüge mit den Betreuern sollen nach und nach hinzukommen. "Die gesamte Maßnahme soll die Dauer von einem Jahr nicht überschreiten", sagt Harings. Zum Schluss sollen die Jungen in eine der anderen, offenen Wohngruppen wechseln.

Elf Pädagogen werden sich um die Jugendlichen kümmern. Bedingung für die Aufnahme sind ein richterlicher Beschluss, ein Gutachten eines Sachverständigen sowie eine differenzierte Bedarfsanalyse des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe.

Bislang gab es in Hessen keine geschlossene Einrichtung für Kinder. Jugendliche, die sich schwer verhaltensauffällig zeigten, das strafmündige Alter von 14 Jahren aber noch nicht erreicht hatten, wurden in den Nachbar-Bundesländern untergebracht. Im Jahr 2005 stellte das Hessische Sozialministerium daher eine Anfrage zur Errichtung einer intensivpädagogischen Wohngruppe an die Deutsche Provinz der Salesianer Don Boscos. 2008 wurde mit dem Neubau begonnen, die Kosten belaufen sich auf etwa fünf Millionen Euro.

Im großen Innenhof mit Tischtennisplatte, Schaukel, Fußballtor, Kräutergarten und Ruheecke ist Platz für Beschäftigung. Im Erdgeschoss liegen Gruppen- und Therapieräume, Küche und Esszimmer. Hier soll gemeinsam gekocht und gegessen werden. Es gibt keine Stühle, nur vier Holzbänke, die sich um den runden Tisch reihen. "Das ist als Prävention gedacht. Wenn es keine Stühle gibt, kann auch niemand damit werfen", erläutert Harings.

An die Privatsphäre sei auch gedacht, berichtet er. Jeder Junge bekomme ein eigenes Zimmer im Obergeschoss des Hauses. Die Räume sind hell und freundlich gestaltet, verfügen über je ein eigenes Bad. Edelstahl sei hier nicht infrage gekommen, sagt Harings. "Das würde nun wirklich zu sehr an einen Knast erinnern." Die Panzerglas-Fenster lassen sich allerdings nicht ändern.

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