Die Geschichte hinter dem Folienauto

Gießen (fd). Oft braucht es nur einige Minuten: In den sozialen Netzwerken verbreiten sich Nachrichten rasend schnell und völlig unkontrolliert. Das ist spannend. Gleich mehrere aktuelle Beispiele aus der Region zeigen jedoch: Der Wahrheitsgehalt der Meldungen ist oft höchstens zweitrangig.

Nachricht am Donnerstag aus Marburg: Eine junge Frau hat das Auto ihres Freundes komplett in Frischhaltefolie eingerollt und mit Paketklebeband fixiert. Ein Foto davon veröffentlicht sie mit einem knappen Kommentar bei Facebook: "Ich habe deinen Autoschlüssel im Auto versteckt und dein Fahrzeug als Geschenk eingepackt. Du hast vier Stunden Zeit, es auszupacken und deinen Schlüssel zu finden, damit du mit deiner Geliebten nach Frankfurt düsen kannst, um mit ihr in den heimlich geplanten Urlaub zu fliegen. Beeil dich besser, euer Flug geht um 18.30 Uhr. So stand es zumindest auf Facebook, als du vergessen hattest, dich auszuloggen. Du fliegst auch aus meiner Wohnung raus. Deine Sachen sind im Auto", heißt es. Nach wenigen Minuten haben die ersten Leser die Meldung geteilt. In wenigen Stunden hat sie sich verselbstständigt, auf Facebook sowieso, doch auch zahlreiche Medien sind aufgesprungen. Bald berichtet die "Oberhessische Presse", kurz darauf auch diese Zeitung, später stolpert gar Pro7 über die Geschichte. Ist ja auch witzig.    Wahrheitsgehalt als Randaspekt   Einziger Wermutstropfen: Die Meldung der betrogenen Freundin auf Rachefeldzug ist offenbar keine. Noch am Abend heißt es beim Marburger Ordnungsamt: Es war alles ganz anders. Offenbar hat die Freundin des Autobesitzers dessen Geburtstagsgeschenk nicht ganz klassisch verpackt und überreicht, sondern die Überraschung in sein Auto gelegt und das komplette Fahrzeug verhüllt. Da ist die Geschichte aber schon lange in der Welt, die Meldung auf Facebook von 39 885 Personen geliked, 3691-mal geteilt, unter anderem auch vom HR. Die Geschichte ist also geklärt? Wahrscheinlich.

Für die Frage, ob sich Meldungen im Internet verselbstständigen, ist das inzwischen aber offenbar auch höchstens ein Randaspekt. Nicht das wird erfolgreich auf Facebook, was der Wahrheit entspricht, sondern das, was glaubhaft ist und die Nutzer überrascht.

Oftmals steckt jedoch kein Witz, sondern bitterer Ernst hinter entsprechenden Meldungen. So machte im vergangenen Sommer in den sozialen Medien eine vermeintliche Nachricht aus Gießen die Runde: Danach sollen am Berliner Platz "30 Asylanten" zusammen mit einem "kleinen Mädchen" aus dem Bus ausgestiegen sein, zwei der Männer hätten "mit Gewalt versucht", dem Kind den Ranzen vom Rücken zu reißen. Dann soll sich – vor vielen Zeugen – eine Gewaltorgie ereignet haben. Die Täter hätten dem Mädchen "wie irre in die Rippen getreten" und ihm den Oberschenkel gebrochen. Außerdem seien wenige Meter weiter größere Schüler von "15 weiteren Asylanten" verprügelt worden. Die Recherche dieser Zeitung ergab nach einiger Zeit: Kein einziger Vorwurf hatte sich bei der Überprüfung durch die Polizei bestätigen lassen. Andere waren nachweislich falsch. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen des Vortäuschens einer Straftat und wegen Volksverhetzung ein. Auch der Staatsschutz wurde eingeschaltet. Glückliche Fügung: Der Urheber der Nachricht hatte sich in seiner Darstellung der Geschichte selbst ein Bein gestellt, denn ein Aspekt konnte mit Gewissheit widerlegt werden, worauf das verbreitete Lügengebilde nach Ermittlungen der Polizei bald in sich zusammenfiel.    Was bleibt hängen?   Jedoch bleibt eine Frage offen: Wird die Nachricht, dass es sich bei der auf Facebook kursierenden Meldung der "kriminellen Asylanten" in Gießen um eine Lüge handelt, genauso oft geliked, geteilt, gelesen wie die Hetze selbst? Etwas bleibt wohl immer hängen. Weiteres aktuelles Beispiel aus der Region: Vor wenigen Tagen machte die Meldung von falschen Feuerwehrleuten im Vogelsberg, in der Wetterau und im Kreis Gießen die Runde. Der Tenor: Verbrecher wollen sich unter falschem Vorwand in fremde Wohnungen einschleichen. Die Polizeipräsidien in der Region stellten klar: In der Region war kein Fall bekannt: "Es gab angeblich ein solches Delikt im Lahn-Dill-Kreis. Bei genauer Nachfrage hat sich aber herausgestellt, dass es sich um Hörensagen handelte", sagte Sylvia Frech als Pressesprecherin der Polizeidirektion Friedberg.

Nicht immer sind die Nachrichten, die sich auf Facebook verselbstständigen, so harmlos wie jene der Frau aus Marburg, die das Auto ihres Freundes in Frischhaltefolie und Paketklebeband packt. Eine Unterscheidung von Wahrheit und Möglichkeit ist schwierig, nicht selten unmöglich. Wie im Fall aus Marburg. War es ein Rachefeldzug? War es ein Geburtstagsgeschenk? Am Donnerstag, kurz nachdem das Ordnungsamt Marburg erklärt hatte, der Autobesitzer habe die Geschichte des Geburtstagsgeschenks erzählt, wurden in den sozialen Netzwerken bereits erste Stimmen laut, die an dieser Version zweifelten. Der Tenor:"Wenn mich meine Freundin beim Fremdgehen erwischt und so vorgeführt hätte, ich würde mir auch eine gute Ausrede einfallen lassen."

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