Gesangvereine

Gesangvereine: Jünger, kleiner, attraktiver

  • schließen

Den klassischen Gesangvereinen fällt es zunehmend schwerer, Nachwuchs zu finden. Mancherorts wurde schon die letzte Strophe gesungen. Doch junge Chöre stoßen in die Lücke.

Singen, so haben Wissenschaftler festgestellt, ist gesundheitsfördernd. Es stärkt das Immunsystem und hilft, Erkältungen vorzubeugen. Man kann unter der Dusche trällern, im Auto mitsummen oder in einem Chor singen. Letzteres ist wie der Sport auch eine Möglichkeit, das gesellschaftliche Miteinander und die sozialen Kompetenzen zu stärken.

Doch viele Gesangvereine leiden seit Jahren unter Mitgliederschwund, mancher Chor hat mangels Mitgliedern schon den Abgesang angestimmt. Allerdings gibt es auch Lichtblicke. Der Notenschlüssel liegt im "jungen Chor".

Leichter Aufwärtstrend

"Grundsätzlich muss man feststellen, dass die Zahl der Chöre im Hessischen Sängerbund in den letzten fünf Jahren weitgehend stabil ist", sagt Lutz Berger, beim HSB zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Aktuell gebe es rund 1350 Vereine mit knapp 2200 Chören.

Und: "Tatsächlich ist sogar ein leichter Aufwärtstrend zu verzeichnen." Die Zahl der Sängerinnen und Sänger im Verband stagniere allerdings bei etwas über 43 000. "Der Trend geht also zu kleineren Chören."

Situation regional unterschiedlich

Regional sei die Situation allerdings unterschiedlich. Chöre in größeren Städten und Ballungsgebieten falle es leichter, neue Mitglieder zu finden, als in den ländliche geprägten Gegenden.

Allerdings könne auch das Repertoire der Chöre für die Entwicklung entscheidend sein. "Die traditionellen Chöre mit klassisch-romantischem und volksmusikalischem Repertoire tun sich bei der Nachwuchsgewinnung schwerer.

Demgegenüber stehen junge Chöre, die vor allem Musik aus den Bereichen Pop, Rock und Jazz singen. Diese Gruppierungen haben eher guten Zulauf", erklärt Berger. Als "sehr gutes Beispiel für eine positive Chorarbeit" nennt Berger den Verein Chorona Buseck (Foto).

Der Mix macht es interessant

Der hat im vergangenen Jahr den HR4-Chorwettbewerb gewonnen und daraufhin erfolgreich am Robert-Schumann-Chorwettbewerb in Zwickau teilgenommen. Und was macht man dort anders, besser?

Jenny Rudolf, stellvertretende Vorsitzende, nennt drei Gründe, die die Attraktivität der Chorona ausmachen. Zum einen ein abwechslungsreiches Repertoire von anspruchsvoller moderner Chormusik über Popsongs bis hin zu Gospeln und klassischer Literatur. "Dieser Mix macht die Chorona sowohl für Chorsänger als auch für das Publikum interessant", sagt Rudolf.

Jedes Konzert gehen wir ambitioniert und mit Freude an, um dem Publikum immer aufs Neue zu zeigen, wie mitreißend und begeisternd Chormusik sein kann

Jenny Rudolf, Chorona Buseck

Zum anderen gebe es ein spannendes Programm: Meist stehen im Chorkalender zwei Projekte im Jahr auf dem Programm. Zunächst die traditionellen Weihnachtskonzerte im Dezember. Weitere Termine im Jahr können entweder Sommerkonzerte oder Chorwettbewerbe sein.

"Jedes Konzert gehen wir ambitioniert und mit Freude an, um dem Publikum immer aufs Neue zu zeigen, wie mitreißend und begeisternd Chormusik sein kann."

Und zum Dritten sei da der soziale Zusammenhalt: "Es geht uns nicht nur ums Singen: Wir sind auch eine eingeschworene Truppe, in der feste Freundschaften und sogar Ehen entstanden sind und die einfach gern miteinander Spaß hat.

Party darf nicht fehlen

Egal, ob beim Probewochenende oder nach erfolgreichen Konzerten: Die gemeinsame Party darf nicht fehlen."

Der bisherige Erfolg gibt der Chorona recht: Die Altersstruktur hat sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert – die Mitglieder sind zwischen 25 und 45 Jahre alt.

"Nachwuchsprobleme haben wir zum Glück nicht", freut sich Rudolf. "Eher im Gegenteil: Vor einigen Jahren mussten wir eine Warteliste für Frauen einführen, um das Gleichgewicht zwischen Männer- und Frauenstimmen zu wahren."

Musikalische Qualität wichtig

Neue Mitglieder werden entweder durch Chorona-Konzerte oder Social-Media-Aktivitäten angezogen. "Oder es läuft ganz klassisch durch Mund-Propaganda", erklärt Rudolf.

Bei der musikalischen Qualität, der Nachwuchsarbeit und dem Repertoire, liegen auch für Berger die Lösungsansätze: "Die Gesangvereine müssen sich bewusst machen, dass sie in Konkurrenz zu einer Vielzahl von Freizeitbeschäftigungen stehen. Junge Sängerinnen und Sänger werden aber letztlich nur dort singen, wo sie auch die Musik singen können, die ihnen gefällt, wo sie gefordert und gefördert werden."

Info

Chöre mit Nachwuchsproblemen

(rüg). Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es schon einmal eine Phase, in der sich die klassischen Gesangvereine schwertaten, Nachwuchs zu gewinnen. Rock und Pop lockten mehr als Volkmusik oder geistliche Chorwerke. Viele eingeschworene Männergesangvereine sahen sich gezwungen, mit ihrer Tradition zu brechen und Frauen- und gemischte Chöre zuzulassen. Das nachlassende Interesse am Chorgesang verstärkte sich in den 1990er Jahren noch einmal und führte vielerorts zur Gründung junger Chorgruppen mit modernerem Repertoire. Die Probleme von Chören bei der Nachwuchsgewinnung gehen aus Sicht des Sängerbundes auf Fehler zurück, die schon vor längerer Zeit gemacht worden sind: "Man hätte schon vor Jahren oder eher Jahrzehnten mit einer kontinuierlichen Erneuerung des Repertoires, mit einer Sicherung der musikalischen Qualität und einer konsequenten Jugendarbeit beginnen müssen. Dies ist leider in vielen Vereinen versäumt worden", sagt Lutz Berger, Sprecher des Hessischen Sängerbundes. Der HSB biete auch Seminare zum Thema Mitgliedergewinnung an, die von etlichen Chören gebucht und deren Inhalte auch erfolgreich umgesetzt worden seien.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare