Engagiert: Mark Philippi (l.) und Helmut Langohr sehen den "Klimafairein" auf einem guten Weg, um die gesteckten Ziele zu erreichen. FOTO: BB
+
Engagiert: Mark Philippi (l.) und Helmut Langohr sehen den "Klimafairein" auf einem guten Weg, um die gesteckten Ziele zu erreichen. FOTO: BB

Gemeinsam gegen den Klimawandel

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
    schließen

"Wir Menschen haben es mit einem globalen Notfall zu tun. Die Erde hat jetzt Fieber. Und das Fieber steigt." Das hat der frühere US-Vizepräsident Al Gore am 10. Dezember 2013 bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises gesagt. Ausgezeichnet wurde er für seinen Einsatz im Kampf gegen den Klimawandel. Sieben Jahre später zeigt sich: Gore hat recht behalten. Das Fieber ist gestiegen. Aber es gibt Menschen, die etwas dagegen tun. Dazugehört der "Klimafairein" Oberhessen. Der wurde heute vor einem Jahr gegründet. Wir haben die Vorstandsmitglieder Mark Philippi und Helmut Langohr zum Stand der Dinge befragt.

Gestern war der 1. Dezember. Es war der Tag, an dem das erste Türchen des Adventskalenders geöffnet wurde. Und es hat geschneit. Ein wunderbarer Tag (wenn man nicht im Stau stand). Ein Start in den Dezember, wie man ihn sich wünscht: Magisch und malerisch. Wer gestern an das Thema Klimawandel dachte, wird vielleicht für einen kleinen Moment aufgeatmet haben. Denn der Schnee legte sich wie eine kühlende Decke über die fiebrige Erde. Doch sie braucht mehr als ein kleines Fitzelchen Weiß, das nicht mal ein Prozent der Oberfläche unserer Erde bedeckt. Die Welt braucht mehr Regen, kühlere Temperaturen - und die Wälder dürfen nicht mehr weiter rücksichtslos abgeholzt werden. Vor allem muss der Grund für den Klimawandel beseitigt, das heißt der CO2-Ausstoß drastisch reduziert werden. Und zwar rasch. Sonst bekommt unsere Erde - um im Bild zu bleiben - einen Fieberkrampf. Am Ende könnte aus dem blauen ein staubig-grauer Planet werden.

Die Regierenden tun sich schwer mit konkreten Maßnahmen. Aber es gibt immer mehr Menschen, die sich gegen den Klimawandel stemmen. Sie geben ihre Freizeit, sie spenden, engagieren sich in Gruppen wie dem "Klimafairein" Oberhessen. Mark Philippi sagt: "Tun kann jeder etwas. Für das Thema Umwelt haben sich die Menschen, die Mitglied in unserem Verein sind, schon lange interessiert, haben im Privaten nach Möglichkeiten gesucht, wie man sein Leben umkrempeln, wie man Plastik vermeiden, wie man grundsätzlich Ressourcen schonen kann. Aber man ist nicht wirklich richtig gut informiert, weiß gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt, die Umwelt zu schonen. Dazu braucht es einfach mehr Austausch. Und diese Plattform bieten wir mit dem Verein."

Dass man außerdem in einer großen Gruppe mehr schaffen kann als alleine, war ein Hauptgrund, warum man vor einem Jahr den Verein gegründet hat. Die Mitglieder sind sich bewusst, dass sie nicht die Welt retten können. Aber ganz klein wollten sie ihre Ziele auch nicht setzen. Eine Million Bäume wollen sie bis zum Jahr 2030 in der ehemaligen Provinz Oberhessen, die von Bad Vilbel im Süden bis zur Höhe Wetzlar, Gießen und Alsfeld reicht, pflanzen.

Vor einem Jahr hat sich eine eher überschaubare Gruppe in Mücke erstmals getroffen, am 2. Dezember wurde der Verein gegründet. Die Mitgliederzahl wuchs rasant, es gab viele Spenden, aber es wurde bald auch sehr ruhig um den Verein. "Das hatte zwei Gründe", sagt Helmut Langohr. "Corona bremste auch uns aus, und zugleich war für so ein großes Projekt eine Menge Vorarbeit zu leisten." Philippi ergänzt: "Wir haben im Stillen gearbeitet, aber wir waren immer unter Dampf. Wir konnten nicht so einfach an unsere Gesprächspartner herantreten, wollten ja auch nicht als Superspreader negative Schlagzeilen produzieren." Also habe man vorsichtig agieren müssen. Langohr räumt ein: "Viele haben wohl vermutet, dass nur wenig passiert ist. Aber in Wahrheit sind wir gut vorangekommen."

Man sei sich bewusst gewesen, dass man nicht einfach hergehen und auf einer x-beliebigen Freifläche Bäume pflanzen könne. "Dass wir an so viele Türen anklopfen, so viele Dinge regeln mussten, das war uns aber nicht klar." Man habe aber schnell gelernt und könne nun feststellen: Es geht voran. Die erste Pflanzaktion wurde im November durchgeführt, ohne großen Medienrummel, auch das wegen Corona. "Wir haben enormen Zulauf", sagt Philippi. "Und wir hatten deshalb die Sorge, dass die Fläche im Wald überfüllt würde. Deshalb haben wir das in einem überschaubaren Rahmen gemacht."

"Corona", ergänzt Langohr, "wird irgendwann unseren Alltag nicht mehr so bestimmen - und dann werden wir großflächig loslegen." Die Vorbereitungen wurden weit vorangetrieben. Pflanzflächen wurden ausgewiesen, die Eigentumsverhältnisse seien geklärt. Auch sei geregelt, wer die Flächen pflege. Ein wichtiger Punkt sei generell geklärt: Welche Bäume man pflanzen wird und wie die Flächen bewirtschaftet werden sollen. Gemeinsam mit Hessen Forst und der Kommune habe man sich in Mücke für sogenannte Plenterwälder entschieden. Das sind sich stetig verjüngende Dauerwälder, in denen Bäume aller Größen vermischt sind. Im Plenterbetrieb werden nur einzelne Bäume gefällt - und so wird ein permanenter Hochwald geschaffen. Trotz des vermeintlich urwaldähnlichen Charakters ist der Plenterwald ein bewirtschafteter Forst. Er ist naturnah, wird aber ganz normal bewirtschaftet.

Die Pflanzaktion ist sozusagen die erste von vier Säulen, die für die Ziele des Vereins stehen. Sie wurde "fairpflanzt" getauft. Die zweite Säule, erläutert Langohr, heißt "fairstehen" und sie symbolisiert die Umweltbildung an Schulen und in Kitas. Langohr: "Da sind wir überall herzlich willkommen." Der Verein möchte außerdem interessierte Menschen aus der Region Oberhessen zusammenführen, die gemeinsam etwas erreichen wollen. Dafür steht die Säule "Fairbunden". Bleibt Nummer vier: "Fairnetzt". Langohr: "Wir bündeln hier unternehmerische Kompetenz zur Erreichung der Klimaziele für eine nachhaltige Zukunft."

Philippi, dessen Frau Marlen auch im Vorstand mitwirkt, räumt ein, dass man schon mal spöttisch die "Greta" vom Vogelsberg genannt werde. Aber meist werde der Verein respektiert und für seine Arbeit gelobt. Für ihn als Chef des Unternehmens Philippi Reisen sei es natürlich eine Gratwanderung. Wenn man täglich Dutzende Busse auf den Straßen habe, sei es schwer, seine Ambitionen im Bereich Klimaschutz glaubhaft zu machen. Aber er sei dabei, sein Unternehmen in eine klimaneutrale Zukunft zu führen. "Dafür haben wir Berater, die uns unterstützen. Wir möchten zeigen, dass wir etwas tun, dass uns das Thema Klima privat und geschäftlich nicht egal ist."

"Wir wissen, dass wir große Ziele haben", sagt Langohr. "Aber wir sind sicher, dass sie realistisch und wir auf einem guten Weg sind." Das treffe auch auf eine junge Gruppe im Verein zu, die mit ihrem Projekt "Der mobile Unverpacktladen für Oberhessen" für Schlagzeilen und Furore sorge. Fast 40 000 Euro sammelte das engagierte Team bislang, genug Geld, um bald mit dem Fahrzeug in der Region unterwegs zu sein.

Alleine wird der Verein das Fieber der Erde nicht senken können. Aber er erfüllt schon jetzt eine Vorbildfunktion. Nachahmen sei erlaubt und erwünscht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare