Bei Geldtransportern sind Schüsse der Härtetest

Alsfeld (dpa). Auf ihre Fahrzeuge wird mitunter scharf geschossen. Darauf müssen die Konstrukteure von Geldtransportern gefasst sein. Deswegen verkleiden sie ihre rollenden Tresore mit dicken Schutzplatten, die manchen Härtetest bestehen müssen.

Das kann man am Eingang zur Werkshalle der Firma Hartmann in Alsfeld sehen: Dort stehen Panzerglasscheiben und Stahlplatten mit Einschussspuren. "Von einer Kalaschnikow - das muss das Material aushalten können", erklärt Geschäftsführer Immo Decker.

Das 120 Mitarbeiter zählende Unternehmen baut Spezialkarosserien jeglicher Art und gehört mit seiner Produktpalette nach eigenen Angaben zu den Marktführern in Deutschland. Auch europaweit habe man sich etabliert, ergänzt der andere Geschäftsführer, Bernd Ochs.

Verkauft werden die Spezialanfertigungen weltweit. Dazu gehören nicht nur Geld- und Werttransporter, sondern auch rollende Bankfilialen oder Büchereien sowie Rettungsdienstfahrzeuge.

Großer Auftrag aus Algerien

Einen der größten Aufträge bekamen die Alsfelder 2008, als sie 2000 Fahrzeuge für die Polizei in Algerien ausstatteten. Wer es sich leisten kann, kann auch Bestellungen für private Zwecke aufgeben. Wie etwa arabische Scheichs, die sich im Vogelsberg Sicherheitseinrichtungen für ihre Luxuswohnmobile einbauen ließen.

800 000 Euro kostete ein gepanzertes Exemplar. "Der Kunde hatte ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis. Aber das sind exotische Aufträge", sagt Ochs. Zwei Wohnmobile gehen in diesem Jahr in die Mongolei: Ein Multimillionär bestellte zwei geländegängige Wohlfühloasen auf vier Rädern. Stückpreis: etwa 500 000 Euro.

Bei der Konstruktion der Sicherheitstechnik stehen die Alsfelder auch mit Experten des Bundeskriminalamts in Kontakt. Denn ebenso wie die Technik-Tüftler rüstet auch das organisierte Verbrechen ständig auf, um Transporter auszurauben. "Salopp gesagt: Früher hatten wir es auf der Gegenseite mit Pistolen zu tun. Jetzt müssen wir die Fahrzeuge gegen Kugeln aus einer Kalaschnikow schützen", so Decker.

Auch die Scharniere an den Fahrzeugen müssten mittlerweile immer stärkeren Sprengstoff aushalten. Wenn Verbrecher allerdings mit Panzerfäusten vor Geldtransportern auftauchten, seien das meist Attrappen. "Wenn einer damit wirklich auf einen Transporter schießt, fliegt den Verbrechern das Geld um die Ohren", erklärt Decker.

Die Produktion eines Geldtransporters dauert je nach Kundenwunsch zwischen einem Monat und einem Jahr. Die Kosten liegen meist zwischen 50 000 und 250 000 Euro. Bei Fahrzeugen für ausländische Nationalbanken belaufen sich die Kosten auf bis zu 1,5 Millionen Euro pro Fahrzeug. Die Technik, die in den Fahrzeugen verbaut wird, wird nicht nur immer widerstandsfähiger, sondern auch immer intelligenter. So gibt es Nummernschild-Scanner, die Alarm schlagen, wenn Autos beim Ausspionieren auffällig oft in der Nähe des Transporters auftauchen. Die Sicherheitsreifen sind gegen Schüsse gewappnet: Sie besitzen einen Notring, auf dem der Wagen seine Fahrt fortsetzen kann.

Wie ein Serienmodell

Auf der Straße ist die Sicherheitstechnik der Transporter höchstens von Fachleuten zu erkennen. "Wir legen Wert darauf, dass die Fahrzeuge äußerlich wie ein Serienmodell wirkt. Wir wollen unsere Schutzmechanismen schließlich nicht verraten", erklärt Geschäftsführer Decker, der seit 26 Jahren für die 1984 gegründete Firma arbeitet. "Beim Überfall auf eine Bank hat man bessere Chancen, an die Beute zu kommen", meint er.

Die Konstrukteure gestalten auf Kundenwunsch. Manch eine Idee können aber auch die Fachleute nicht wirklich nachvollziehen. So sollten für algerische Geldtransporter kleine, starre Schießluken eingebaut werden. Decker: "Das macht keinen Sinn. Der Schütze, der vom Wagen-Inneren nach außen schießt, ist danach drei Tage taub."

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