Gefallene Helden

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Ach nee, bitte jetzt nicht auch noch der Klinsi. Das darf doch nicht wahr sein. Wieder einer meiner früheren Sporthelden, die plötzlich doof werden. Ich will das nicht! Helden sollen Helden bleiben. Unvergessen, wie Jürgen Klinsmann bei der WM 1990 in Italien im Achtelfinale gegen die Niederlande nach der skandalösen Rijkaard-Spuckattacke und der noch skandalöseren Roten Karte für Rudi Völler mit Wut im Bauch in einem schier unmenschlichen Kraftakt und mit wehenden blonden Haaren nahezu im Alleingang den Gegner niederrang.

Würdeloses Herumwüten

Zudem gab sich Klinsi auch neben dem Platz weltmännisch, jawohl, er spielte in Italien, Frankreich und England, machte sich Gedanken über Atomkraft und Baumsterben und fuhr statt Porsche einen bescheidenen VW-Käfer mit Friedenstaube. Mir gefiel das. Er wirkte viel eher wie ein verwegen-bescheidener Soziologie-Student und ragte für mich neben all diesen anderen Goldkettchen-Prolls zu jener Zeit eindeutig heraus. Mir gefiel das. Ich war damals zwanzig und ebenfalls Student, allerdings bei Weitem kein verwegener.

Dann folgte Jahre später das viel zitierte Sommermärchen und Klinsmanns große DFB-Revolution. Und den Jogi holte er dafür auch aus der Schwarzwälder Versenkung. Ein Hauch von fortschrittlichem kalifornischen Lifestyle wehte durch Deutschland, als unsere Nationalspieler plötzlich mit Gymnastikbändern Yoga machten. Ich blieb begeisterter Fan. Da war ich schon Mitte dreißig.

Dann scheiterte er bei Bayern München. Kein Problem für mich, schließlich konnte das nur an den blöden Bayern liegen. Die mochte ich noch nie. Logisch, dass sie geistig und spirituell noch nicht offen und reif dafür waren, Kraft und Konzentration aus aufgestellten Buddha-Figuren zu ziehen. Klinsi konnte das. Der war eben immer schon einen Schritt voraus.

Doch nun das! Nun wütet der Klinsi da gegen Hertha so würdelos herum. Wie kann er das nur tun?! Ich bin inzwischen fünfzig und möchte doch nicht jetzt noch damit anfangen, mein unkritisches Fan-Sein zu hinterfragen. Wo kommen wir denn da hin, wenn plötzlich dieser merkwürdige Lothar Matthäus mit seiner schlechten Meinung über Klinsi schon immer recht gehabt haben sollte? Verdammt noch mal! Wenn jetzt schon meine ewigen Sporthelden keine ewigen Helden bleiben, was bleibt dann überhaupt noch?

Als Teenager bin ich nachts aufgestanden und habe Boris-Becker-Matches stundenlang verfolgt. Noch heute kann ich alle seine Wimbledon-Gegner von 1985 auf dem Weg zu seinem historischen Triumph chronologisch aufzählen. Ich äffte ihn zwar auf der Bühne später nach, aber ich blieb sein Fan. Doch auch er machte es uns dann in den Jahren nach seiner Karriere weiß Gott nicht leicht, im Verehrungsmodus zu bleiben. Heute freue ich mich dann wieder erleichtert, dass er als Eurosport-Kommentator eine so gute Figur abgibt. Ich möchte einfach Becker-Fan bleiben. Punkt!

Nur ganz normale Menschen?

Von Jan Ullrich will ich gar nicht erst anfangen. Mann, Mann, Mann. Ich gucke mir trotz allem noch immer mindestens einmal im Jahr auf YouTube seinen Husarenritt bei der Tour de France 1997 an, als er damals unaufhaltsam den Berg nach Andorra hinaufstürmte. Doping und Alkohol hin oder her.

Soll es am Ende wirklich so sein, dass all diese Sporthelden doch nur ganz normale fehlerbehaftete Menschen sind, die nach ihrer Karriere auf unterschiedliche Weise Schwierigkeiten bekommen, mit einer gewissen Form von Bedeutungslosigkeit klarzukommen?

Nein, das kann nicht sein. Nicht bei MEINEN Helden.

Wie dem auch sei…ich bleibe jedenfalls Fan! Auch von Jürgen Klinsmann.

Dietrich Faber ist Kabarettist, Musiker und Autor. Vor Kurzem erschien der sechste und letzte Band seiner Krimikomödienreihe unter dem Titel "Sorge dich nicht, stirb! - Kommissar Bröhmann optimiert sich." Derzeit ist er mit der gleichnamigen Buch-Show auf Tour. Termine und Infos gibt es unter www.dietrichfaber.de.

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