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DIE DAMPFLOK BR 55

Gefährlicher Tauschhandel

  • vonRedaktion
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Unendlich lange, konkret etwa 40 Jahre, liege ich in einem Schrankfach verborgen. Eigentlich gehöre ich dort nicht hin. Ich muss mich, so war es mir bestimmt, draußen an der Luft bewegen. Ich wurde getauft auf den Namen BR 55. Eisenbahnkenner können sich denken, dass ich eine Dampflok bin, allerdings nur im Modell der Spurweite N (neun Millimeter).

Mein Besitzer bzw. Lokführer stammt aus Bebra, einer Kleinstadt am Fuldaknie in Osthessen mit einem seinerzeit sehr großen Bahnknotenpunkt, der über 40 Jahre Zonengrenzbahnhof zur DDR war. Um 1950 wohnte seine Familie direkt neben dem Güterbahnhof, sodass er nur ein paar Treppenstufen - meist gemeinsam mit seinem Bruder - am Damm nach oben steigen musste, um mich im Original zusammen mit vier Schwestern bei der Arbeit zu beobachten. Sie stellten als Rangierloks lange Güterzüge am Ablaufberg zusammen.

Im Rahmen seiner Modellbahnplanungen kam bei meinem "Lokführer" bald der Wunsch auf, auch mich in seine Sammlung einzureihen. Sein Problem war, dass ich nur von einer in der DDR ansässigen Firma produziert wurde. Dadurch war ich für ihn eigentlich nicht zu erreichen - oder doch?

Ihm kam eine Idee: ein Freund aus der Heimatstadt hatte regelmäßig als Lokführer Interzonenzüge mit einer Schnellzugdampflok nach Gerstungen in Thüringen gebracht und anschließend einen anderen Zug wieder zurück nach Hessen. Im Laufe der Jahre hatten sich Bekanntschaften zwischen den Bahnern aus West und Ost entwickelt, die ihre Krönung in einem einfallsreichen aber höchst gefährlichen Tauschhandel hatte.

So gelangte ich eines Tages im Tausch gegen Schallplatten oder Bücher; gegen Illustrierte oder einen Versandhauskatalog von Otto oder Neckermann in den Westen und letztlich nach Mittelhessen. Übrigens waren die Kataloge bei den Frauen im Osten des Landes sehr beliebt, da sie nach den häufig angehefteten Schnittmusterbögen ihre Kleider nach westlicher Mode selbst nähen konnten.

In mein Dasein in dem kleinen Pappkästchen im dunklen Schubfach soll nun eine einschneidende Wende eintreten. Ich werde allerdings nicht meiner Bestimmung nachkommen dürfen und Güterwagen über eine Modellbahnanlage ziehen, da die Eisenbahninteressen meines "Lokführers" seit geraumer Zeit deutlich großspuriger sind als neun Millimeter. Ende dieses Jahres soll im ehemaligen Hauptgebäude der Bahnstation in Osthessen ein Museum entstehen, das im Mittelpunkt den Zonengrenzbahnhof haben wird. Dort werde ich, auch mit meiner Geschichte, als wesentliches Ausstellungsstück zu besonderen Ehren kommen und die Aufmerksamkeit möglichst vieler Besucher auf mich lenken. Nie hätte ich mir das träumen lassen.

Diesen "Gastbeitrag" für unsere Serie stellte uns der Gießener Urologe Dr. Reiner Braun zur Verfügung. Der in der Eisenbahnerstadt Bebra geborene Braun arbeitet seit nunmehr fast 54 Jahren als Urologe und ist auch immer noch am Thema "Eisenbahn" interessiert.

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