Zwischen Spätherbst 1941 und Kriegsende 1945 wurden in Klein-Zimmern gefangene Rotarmisten begraben, die im St.-Josephs-Haus, einem Reservelazarett der Nazis, starben. Sicher belegt sind 379 Tote. FOTO: DPA
+
Zwischen Spätherbst 1941 und Kriegsende 1945 wurden in Klein-Zimmern gefangene Rotarmisten begraben, die im St.-Josephs-Haus, einem Reservelazarett der Nazis, starben. Sicher belegt sind 379 Tote. FOTO: DPA

Gedenken ohne Namen

  • vonDPA
    schließen

Sowjetische Kriegsgefangene hatten während der Nazi-Diktatur keine guten Überlebenschancen - schlecht ernährt, kaum medizinisch versorgt, zur Schwerstarbeit gezwungen. In Südhessen liegen Hunderte von ihnen anonym am Rande eines Dorfes begraben.

Es ist ein beklemmender Ort. Einige Hundert Meter von dem Dorf Klein-Zimmern in Südhessen entfernt, liegt kaum einsehbar ein russischer Soldatenfriedhof. 75 Jahre nach Kriegsende weist kein Hinweisschild darauf hin, wie viele Menschen hier begraben sind, wer die Toten sind und unter welchen Umständen sie ums Leben kamen. Auf einem großen Gedenkstein steht auf Deutsch und Russisch nur: "Hier ruhen russische Kriegsgefangene, die in der schweren Zeit 1941 - 1945 fern ihrer Heimat starben".

Läuft man auf der Wiese mit 15 anonymen Steinkreuzen entlang, läuft man über die Gräber der Soldaten - vermutlich Reihe an Reihe, fünf in Papier eingerollte Tote pro ausgehobenem Grab. Der abgeschiedene Friedhof ähnelt im Grunde einem Massengrab.

"Einmal im Jahr ist die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag zentral auf dem Soldatenfriedhof", sagt Groß-Zimmerns Bürgermeister Achim Grimm (CDU). Ein Gedenken an die dort liegenden Soldaten scheint an diesem anonymen Ort allerdings schwer. "Es ist beschämend, wenn man da mit Angehörigen hingeht", sagt die Landesgeschäftsführerin des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Hessen, Viola Krause. Für Hinterbliebene und deren Angehörige sei er gar nicht auffindbar.

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai ist dort eine Gedenkveranstaltung geplant, kündigt Krause an. Dann sollen zumindest alle bekannten Namen verlesen werden, was Krause zufolge Schüler aus dem benachbarten Dieburg machen.

Nach dem Angriff NaziDeutschlands auf die Sowjetunion 1941 kamen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zu Zehntausenden nach Deutschland. Das St.-Josephs-Haus im Ortsteil Klein-Zimmern, heute ein Kinder- und Jugendhilfezentrum, diente nach Angaben von Krause damals als Lazarett für ein russisches Kriegsgefangenenlager in Bad Orb.

Die Leichen von toten Soldaten sollen in Leiterwagen hinter den Ortsrand geschoben und verscharrt worden sein, berichteten Zeitzeugen einem Schülerprojekt Anfang der 90er Jahre. Wie viele Menschen dort genau liegen, kann keiner sagen. Auch, ob die Größe des heutigen Friedhofs nicht kleiner ist, als es der eigentliche Begräbnisplatz damals war. "379 sind nachweisbar", sagt Bürgermeister Grimm über die Zahl der Toten. Schätzungen gehen von bis zu 500 aus. Die Grabhügel wurden nach dem Krieg eingeebnet.

Bei einer Jugendbegegnungswoche im Juli 2017 gestalteten junge Leute aus sechs Nationen mit den Namen von 27 toten Soldaten Tonziegel. Diese liegen heute bei der Gemeinde Groß-Zimmern. Auf dem Friedhof, wo die Ziegel eigentlich die Opfer aus der Anonymität holen sollten, hat sich seither nichts getan. Auf dieser Arbeit hätte man aufbauen sollen, findet Krause. Bürgermeister Grimm will noch in diesem Jahr etwas verändern. "Es ist Geld in den Haushalt eingestellt worden, um eine Tafel am Friedhof anzubringen, auf der dann auch stehen soll, wie viele Menschen dort liegen."

Das Bundesgräbergesetz soll sicherstellen, dass der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise gedacht wird. Das Gesetz gilt auch für gefallene Soldaten. Demnach muss jedes Grab "eine würdige Ruhestätte" sein, die Begräbnisstätten bleiben dauerhaft bestehen. Nach den Worten von Krause liegen auf vielen Friedhöfen auch sowjetische Soldaten. Reine sowjetische Soldatenfriedhöfe gebe es außer in Klein-Zimmern in Hessen noch in Bad Orb und in Herleshausen.

Herleshausen als Vorbild

Die nordhessische Gemeinde Herleshausen zeigt, wie ein solcher Friedhof auch anders gestaltet werden kann. Auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof sind 1593 Menschen begraben. Bis auf 30 oder 40 sind alle namentlich bekannt und mit Geburtstag und Todestag verzeichnet. "Es ist der einzige Friedhof, auf dem wirklich für fast alle Namenstafeln da sind", erzählt Bürgermeister Lars Böckmann (parteilos). "Das ist für Deutschland einzigartig." Auf jedem Grab liege, finanziert mit Mitteln des Landes, eine gusseiserne Platte. Anders als in Klein-Zimmern ist die Begräbnisstätte mit einer Mauer eingefriedet. "Es kommen immer noch sporadisch Rückfragen von Verwandten", sagt Böckmann. Denen könnten dann Daten über die sowjetischen Soldaten geschickt werden. "Wenn Angehörige fragen, können wir Auskunft geben, wo jemand liegt." Das alles sei in der Gemeinde über Jahre hinweg erforscht und mit Mitteln des Landes unterstützt worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare