Liebhaber(stücke)

Ganz viel Männerspielzeug

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Am Ortsrand von Homberg-Dannenrod findet man Männer, die schrauben können – und ganz viele alte Traktoren, die von einer anderen Zeit erzählen.

Dannenrod ist ein Vogelsbergdorf wie viele andere. Es liegt etwas abseits der großen Verkehrsstraßen, aber nicht am Ende der Welt. Autofahrer sind ruckzuck auf der A5. Marburg und Alsfeld sind nah. Stadtallendorf ist nicht viel mehr als einen Steinwurf entfernt. Größter Arbeitgeber dieser Stadt ist Ferrero. Das sind die mit der goldenen Rocher-Kugel. Klingt kostbar. Ja, aber die wahren Schätze in dieser Region findet man in zwei Hallen bei Homberg-Dannenrod. Vor allem alte Traktoren. Aber auch Pkw-Old- und Youngtimer sowie allerlei Geräte aus früherer Zeit. Kurz gesagt: Es ist ein Ort mit ganz viel Männerspielzeug.

Netzwerker mit Ideen und Kontakten

Dort trifft man oft auf Werner Röhrig und Karl-Heinz Pfeffer. Röhrig ist ein Hüne, ein Mann wie in Fels. Im westlichen Vogelsberggebiet, in der Wetterau und im Kreis Gießen kennt man ihn nur in seiner Zimmermannskluft. Früher, als er noch ein junger Mann war, da stand er oft oben auf einem First – und kein Wind blies ihn um. Die harte körperliche Arbeit hat ihm zugesetzt, die Knochen tun weh. Aber er hat ja noch seinen Kopf. Und der ist voll mit Ideen. Röhrig hat unglaublich viele Kontakte, weiß, wo man anrufen muss, wenn man dies oder das braucht.

Er ist kein Schrauber, aber er ist ein Netzwerker im guten Sinne – und damit genau der Richtige für diesen Job: Der Zimmermeister aus Mücke ist Vorsitzender der Oldtimer-Freunde Ohmtal.

Karl-Heinz Pfeffer ist Rentner, aber zur Ruhe gesetzt hat er sich noch lange nicht. Er ist Gründungs- und Ehrenmitglied der Oldtimer-Freunde. Und "was weiß ich nicht noch-alles", wie er es selbst formuliert. Vor allem kümmert er sich um das Museum, diese zwei Hallen, die gefüllt sind mit den erwähnten Schätzen. Die gehören, um es vorwegzunehmen, überwiegend nicht den Oldtimer-Freunden. Aber sie haben viele der Leihgaben gangbar gemacht, sie gereinigt, entrostet, lackiert. Sie warten und pflegen sie.

Aus einer vergangenen Zeit

Karl-Heinz Pfeffer ist ein Schrauber. Und er ist zu Recht stolz auf das, was er den vielen Besuchern bei den Führungen über das Vereinsgelände und durch die Hallen zeigen kann. Er präsentiert den Gästen eine Welt aus einer anderen Zeit: Landwirtschaftliche Maschinen, Küchenutensilien, Haushaltsgeräte, Pkw-Old- und Youngtimer und alte Feuerwehrautos. Dazu Mopeds, Motorräder, in die Jahre gekommene Postfahrzeuge, eine Schusterwerkstatt, alles, was man für eine Hausschlachtung benötigte, ein Gerät, mit dem man Zigarren herstellen kann – und ganz viel mehr.

Pfeffer zeigt den Gästen eine Maschine, mit der man Bandsägeblätter schärfen und schränken kann. Und demonstriert damit auch: Hier funktioniert alles, vor allem die Motoren, egal ob groß oder klein.

Auch Seifenkisten stehen bereit. Die hat man für die jugendlichen Mitglieder angeschafft. Die Jungen sind übrigens fast alle begeisterte Schrauber. "Sie haben’s drauf", wissen Pfeffer und Röhrig. Sie sind stolz auf den Nachwuchs. Die jungen Männer wissen, wie man ein altes Notstromaggregat wieder funktionsfähig macht. Und sie bringen jeden Motor zum Laufen. Auch einen alten Lanz. Die gewaltige Einzylindermaschine wummert im Zweitaktverfahren. Aber bis sie läuft, das dauert seine Zeit. Gezündet wird sie über einen Glühkopf und eine Kurbel. Klingt kompliziert, aufwendig und zeitraubend. Ist es auch. Aber wenn der Motor erst mal läuft, ist der Aufwand längst vergessen. Und: Ein Lanz fährt mit Diesel, Benzin, Pflanzenöl und sogar mit zerlassener Butter. Als Pfeffer die Funktionsweise eines Glühkopfmotors beschreibt, da schwingt viel Stolz mit. Er ist sichtbar froh darüber, so ein Ausstellungsstück präsentieren zu dürfen.

Dass alles gut aussieht, in Schuss ist, präsentiert werden kann, dafür sorgen die mehr als 100 Mitglieder. Neben den Schraubern sind das auch Männer, die bei Ausstellungen helfen oder den Verein finanziell unterstützen. Sie leisten alle auf irgendeine Weise ihren Beitrag dazu, dass der Laden läuft, die Maschinen rauskommen aus den Hallen, bei Veranstaltungen eingesetzt werden können. Da wird oft geputzt und gewienert. Röhrig und Pfeffer sind erfreut, dass es so viele fördernde Mitglieder gibt.

Vereinsheim heißt "Glühkopf"

Dabei waren die Anfänge eher klein. Im Grunde war es nur ein halbes Dutzend Männer, das in den Homberger Ortsteilen Ofleiden und Dannenrod an Traktoren herumschraubte. Die Gruppe schloss sich bald zu einem Verein zusammen. 1995 wurden dann die Oldtimer-Freunde Ohmtal gegründet – mit zunächst 30 Mitgliedern. Die Geräte standen anfangs in einem umgebauten Kuhstall. Das Wachstum von Verein und Lagerfläche war rasant. Über mehrere Stationen kam man schließlich an das Gelände am Ortsrand von Dannenrod. Die Stadt verpachtete dem Verein das Grundstück auf 99 Jahre. Wieder wurden die Ärmel hochgekrempelt: Die erste Halle wurde errichtet, ein Vereinsheim angebaut.

Später wurde mit Fördermitteln der EU eine noch größere Halle aufgestellt. Dennoch ist schon wieder zu wenig Platz da für all die vielen Schätze.

Das Vereinsheim trägt den passenden Namen "Glühkopf". Freitagabends trifft sich hier der Stammtisch. Da wird über technische Details und über Fahrten gesprochen. Fast jeden Sonntag sind Mitglieder unterwegs. Man tauscht sich mit anderen Vereinen aus, hilft sich gegenseitig.

Der Urbulldog

Und es kommen viele Besuchergruppen aus ganz Mittelhessen und dem Rhein-Main-Gebiet. Pfeffer: "Man kennt uns mittlerweile, es spricht sich rum, dass man hier in Dannenrod was zu sehen und zu hören bekommt. In Homberg selbst wissen aber längst noch nicht alle, was wir hier aufgebaut haben." Da schwingt Enttäuschung mit.

Aber wer schon mal da war, der weiß: Man muss nicht unbedingt ins Technikmuseum Sinsheim fahren, wenn man alte Traktoren, Autos und Geräte sehen will. Überzeugende Technik wie den Lanz. Schon der Name weckt Erinnerungen an glorreiche Traktorenzeiten. Lanz steht für den Namen Bulldog. In Fachpublikationen und im Internet kann man lesen: "Durch diese (Lanz-)Traktoren wurde der Name Bulldog als umgangssprachlicher Gattungsname für einen Ackerschlepper geprägt.

Der Name wurde vom Aussehen der ersten Bulldog-Motoren abgeleitet, da diese Ähnlichkeit mit dem Gesicht einer Bulldogge hatten." 1921 wurde der erste Rohölschlepper in Leipzig vorgestellt. Er gilt als der "Urbulldog". Die Traktoren überzeugten mit einer Einfachheit und Robustheit. Im Bezug auf Zugleistung, Technologie oder Verbrauch waren die Bulldogs den Dieselschleppern aber zumeist unterlegen.

Da, wo die vielen Traktoren stehen, riecht es nach Diesel und Schmieröl. Für die Oldtimer-Freunde ist das ein feiner Duft – wie ein gutes Herrenparfüm. Es sind aber nicht nur die Lanz-Bulldogs, die Normags und Hanomags, die Allgaier- und Deutz-Traktoren, die bei den Besuchern großes Staunen auslösen. Wertschätzung genießt das große Ganze, die Vielfalt, die Sammlung.

Diese wunderbaren Traktoren ziehen und schieben, sie treiben andere Maschinen an. Sie sind ein Stück Geschichte, Zeugen einer vergangenen Zeit. Dank der Oldtimer-Freunde bleibt sie lebendig.

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