Elke Schilling, Inhaberin des Ladens Arts and Roses, hat kurz vor dem Corona-Lockdown ihr Geschäft eröffnet und musste es wenige Tage später wieder schließen. FOTO: DPA
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Elke Schilling, Inhaberin des Ladens Arts and Roses, hat kurz vor dem Corona-Lockdown ihr Geschäft eröffnet und musste es wenige Tage später wieder schließen. FOTO: DPA

"Fühle mich vergessen"

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Über 900 Millionen Euro Corona-Soforthilfen sind in Hessen verteilt worden. Doch nicht jeder Unternehmer in Not bekam etwas. Bei den Betroffenen herrschen Frust und Unverständnis.

Ein Geschäft, das Kunst und Floristik vereint - das war der Traum von Elke Schilling in Bad Hersfeld. Doch nur zwei Tage nach der Eröffnung kam der Lockdown wegen der Corona-Pandemie. Für die Osthessin und ihr Geschäft Art and Roses sieht es düster aus. Denn um Corona-Soforthilfen bemühte sich Schilling vergebens - und sie ist nicht allein.

Art and Roses sollte Blu-menladen und Kunstgalerie gleichzeitig sein. Die Idee dazu sei mit dem Eintritt in die Rente entstanden, sagt die 66-Jährige: Als ihr Lieblings-Ladengeschäft frei wurde, habe alles gepasst. Schilling mietete die Räume, schaltete Anzeigen, bestellte Blumen für die Eröffnung. Doch als Art and Roses am 14. März öffnete, hatte die Pandemie Bad Hersfeld erreicht.

Zwei Tage später begann der Lockdown, Schilling musste schließen. Als sie zwei Wochen später öffnen durfte, lief das Geschäft schleppend. 7000 Euro Kosten seien in den ersten drei Monaten aufgelaufen: Werbung, Blumen, Strom, Internet, Miete. Die 66-Jährige war gezwungen, unverkaufte Ware wegzuwerfen: "Blumen halten sich nicht lange, die sehen maximal drei bis vier Tage gut aus."

Ihre Hoffnung setzte Schilling auf die Soforthilfe des Landes. Doch nach acht Wochen kam die Absage: Eine Soforthilfe könne nur gewährt werden, wenn das Unternehmen bereits am 31. Dezember 2019 existierte. Schilling hatte ihr Gewerbe aber im neuen Jahr angemeldet. Seitdem kämpft die 66-Jährige für eine Nachbesserung der Regeln. Doch die Frist für Soforthilfen ist abgelaufen. "Ich fühle mich vergessen: Ich wirbele herum, aber es hat sich nicht so sehr viel getan", sagt sie. 907 Millionen Euro sind laut Wirtschaftsministerium bisher an hessische Unternehmer ausgezahlt worden, die wegen der Corona-Pandemie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind. "Die meisten Anträge stammten von gastronomischen Betrieben, aus dem Dienstleistungssektor, dem Handel, der Baubranche, dem Tourismus und der Kreativwirtschaft", sagt eine Ministeriumssprecherin. 600 Millionen Euro seien an kleine Betriebe mit bis zu fünf Beschäftigten gegangen. Das zeige, dass die Soforthilfe denjenigen helfe, die von einem auf den anderen Tag keine Einnahmen mehr hatten.

Über 7800 Anträge abgelehnt

Allerdings wurden auch bereits über 7800 Anträge abgelehnt. Hinzukommen Unternehmer, die erst gar keinen Antrag gestellt haben, weil sie keine Chancen sahen. Wie das zuständige Regierungspräsidium Kassel erklärte, sind die häufigsten Gründe für Ablehnungen Doppelanträge, Nebengewerbsbetriebe und Unternehmensgründung nach dem 31. Dezember. Häufig abgelehnt worden seien Anträge aus Branchen, die naturgemäß keine laufenden betrieblichen Kosten hätten. "Dies sind zum Beispiel Künstler, freiberufliche Dozenten, Vertreter."

Solo-Selbstständige - also Einzelkämpfer ohne Mitarbeiter - nennt man sie. Auf ihre Lage macht unter anderem eine Online-Petition an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) aufmerksam. Der Titel: "Wir fordern wirksame Soforthilfen für Solo-Selbstständige und Künstler*innen!" Initiator ist ein Frankfurter Fotograf. Über 13 000 Unterzeichner fordern bisher eine Corona-Soforthilfe für Solo-Selbständige, wie sie beispielsweise Baden-Württemberg gewähre. Denn Beantragung von Hartz IV sei keine Alternative: "Es geht darum, in dieser einmaligen, unverschuldeten Situation nicht in einem Schuldenberg unterzugehen", heißt es in der Petition.

Allerdings stehen zumindest einem Teil auch andere finanziellen Hilfen offen. Das Land hat ein 50-Millionen-Euro-Paket für Künstler, Festivals und Kultureinrichtungen aufgelegt - doch auch hier gelten Bedingungen wie eine Versicherung in der Künstlersozialkasse.

Solo-Selbstständige und Existenzgründer

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg sieht in Solo-Selbstständigen und Existenzgründern wie Schilling, die nach dem 1. Januar 2020 gegründet haben, die zwei wesentlichen Gruppen, "für die die Möglichkeiten der Ende Mai ausgelaufenen Corona-Soforthilfe nicht gegriffen haben". Die IHK betont aber, dass Bund und Land mit der Soforthilfe eine "überlebenswichtige Krisenhilfe in historischer Dimension geleistet" hätten. Zudem habe Hessen mit Kleindarlehen eine Ergänzung geboten, die auch für Gruppen bereitstehen, die durchs Raster fielen. Allerdings seien die Alternativen nicht so bekannt: 24 Prozent der hessischen Unternehmen würden nur die Soforthilfe kennen. Die Soforthilfe sei für das Hotel- und Gaststättengewerbe "das wichtigste Hilfsangebot, das man nicht zurückzahlen musste", sagt Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) Hessen. Auch im Gastgewerbe gebe es viele Fälle, die durchs Raster gefallen seien. Dazugehörten Unternehmen, die mit über 50 Mitarbeitern zu groß für das Soforthilfeprogramm gewesen seien oder bei denen noch Rücklagen vorhanden waren. Letztere seien mittlerweile aufgebraucht, doch das Soforthilfeprogramm ist ausgelaufen. "Die Unternehmen schauen jetzt in die Röhre."

Viele Hoffnungen ruhten auf dem neuen Konjunkturpaket der Bundesregierung. Doch der Verband der Gründer und Selbstständigen (VGSG) sieht die Solo-Selbstständigen im Ergebnispapier der Bundesregierung bisher nicht berücksichtigt. Man habe den Solo-Selbstständigen "zum Schutz aller" die Berufsausübung verboten, nun dürfe man sie mit dem Schaden nicht alleinlassen.

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