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400 Demonstranten protestieren in Marburg gegen die Burschenschaft "Germania", während die Polizei deren Gelände absperrt.

Marburg

Friedliche Demo gegen "Germania"

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400 Demonstranten ziehen am Samstag durch Marburg, um gegen eine Veranstaltung der als ultrarechts geltenden Burschenschaft "Germania" zu protestieren.

Marburg brodelt. Auf halben Wege zum Schloss bauen Polizisten in Ruhe Absperrgitter auf, vor dem Haus der "Germania", jener als ultrarechts bezeichneten Burschenschaft. Eine fast gewohnte Übung. Abgeschottet in ihrem Domizil sollten am Samstag drei Chefideologen der Neuen Rechten reden, mit dem Franzosen Alain de Benoist sogar der führende Kopf der europäischen Szene. Rund 150 Burschenschaftler lauschen den Vorträgen, berichten Beobachter. Hier beobachtet jeder jeden: Die Linken dokumentieren, wer rein und raus geht. Die Rechten filmen, wer sich da vor die Haustüre stellt. Die Polizei beide Seiten. Auf halbem Weg den Schlossberg runter ist von der sich anbahnenden Konfrontation nichts zu spüren. Wenig später wird hier die Antifa-Demo hindurch drängen, zur Zwischenkundgebung halten und etliche Bürger mit sich ziehen. Noch ein paar wenige Straßen hinunter, auf Lahnebene, formiert sich die Demo gegen Rechts. Aufgerufen haben der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Partei Die Linke, der Asta der Universität Marburg und viele andere Gruppen. Die zufällig am Vorabend stattfindende Stadtverordnetenversammlung hat sich auf Antrag der Linken mit Ausnahme der FDP hinter die Demo gestellt. Bezogen auf das Parteispektrum zog die Demonstration unter dem Titel "Für die Gesellschaft der Vielen – Keinen Fußbreit den Faschisten" selbst nur Sozis, Linke und deren Jugendorganisationen an. Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) rief während der Schlusskundgebung laut und klar ins Mikrofon: "Wir mögen in der Stadt keine Nazis." Da waren die rechten Referenten längst im Haus. Vor dem Haupteingang der Burschenschaft standen hinter Absperrgittern schon 35 Polizisten des Polizeipräsidiums Mittelhessen und der Bereitschaftspolizei in Kassel. Dort war auch der Endpunkt der Demo, mit Ansprachen und Musik – wummernde Bässe "gegen Rechts" sollten die rechte Veranstaltung begleiten. Laut Einladung der Germania sollte Benoist einen Grundsatzvortrag "Was ist Populismus?" halten. Philip Stein aus der Burschenschaft "Germania" und Sprecher des extrem rechten Dachverbands der Deutschen Burschenschaft (DB) wollte "Fünf Thesen zur Reformation der Rechten" verbreiten. Stein gilt als einer der Strategen der Neuen Rechten und maßgeblicher Strippenzieher für völkische und fremdenfeindliche Kampagnen. Dem verstorbenen, rechtsmilitanten Franzosen Dominique Venner galt der Vortrag von Benedikt Kaiser, der ansonsten die linke Basisliteratur und -theorie aus rechter Perspektive umdeutet. Der DGB-Kreisvorsitzende Pit Metz sagte auf der Kundgebung, der neue Faschismus komme nicht mit Glatze, sondern geschniegelt wie die Burschenschafter. Eine Denkfabrik der Neuen Rechten befände sich in Marburg. Und: "Wir wollen diesem Spuk ein Ende bereiten." Auch die linksaktivistische Gruppe "Dissident" proklamierte ihre Forderungen gegen Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Luxusvillen der Burschenschaften sollten in Frauenhäuser umgewandelt werden – so die überspitzte Formulierung, der tags darauf eine eigene Demonstration folgen sollte. Am Ende ging alles ohne Eskalation aus. Der Marburger Polizeichef Heinz Frank zeigte sich zufrieden. Keine Gewalt gegen Personen oder das Erstürmen von Absperrung und Gelände. Für die von manchen als geteilt wahrgenommene Stadt, mit den rechten Burschenschaften auf den Halbhöhen und den Linksaktivisten im Lahntal, also ein glimpflicher Ausgang in einer aufgeladenen Zeit.  Martin Schäfer

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