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Frieda Richer

Frieda Richer

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Auf der Website der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besteht für uns alle die Möglichkeit, einer sogenannten "I remember Wall" beizutreten. Man gibt dort Namen und Herkunftsland ein und bekommt darauf willkürlich eines der Opfer des Holocaust zugewiesen, dessen oder derer man auf jener digitalen Erinnerungswand für alle lesbar gedenken darf.

Ich gedenke Frieda Richer.

Sie wurde am 1. 1. 1921 geboren, wuchs in Polen auf, war Studentin und wurde 1941 im Alter von 20 Jahren von Deutschen ermordet. Ihr Vater war Shalom Richer, die Mutter hieß Sarah Richer geborene Migdal. Das Foto, das zum Gedenken zur Verfügung gestellt wurde, ist ein Kinderfoto, auf dem sie vielleicht sechs, sieben Jahre alt ist.

Ich war in dieser Woche mehrmals in der Verlegenheit, auf Menschen in sozialen Netzwerken zu reagieren, die von überzogenem Erinnerungskult schwafelten, die irgendwelche Schlussstriche ziehen wollten oder darüber jammerten, dass sie an irgendetwas schuld sein sollen, für das sie doch gar nichts könnten. Und außerdem sei der Stalin doch auch ganz schlimm gewesen. Unabhängig davon, dass ihnen niemand irgendeine konkrete Schuld gibt oder gegeben hat, scheinen diese Menschen offenbar zu schlicht im Gemüte zu sein, den Unterschied zwischen persönlicher Schuld und gesellschaftlicher Verantwortung zu begreifen. Verantwortung dafür, dieses unsagbare und beispiellose Verbrechen als ein solches anzuerkennen und seinen Teil dazu beizutragen, dass so etwas nie wieder geschieht. Dies zu kapieren, kann doch so schwer eigentlich nicht sein.

Ich hatte mich dazu entschieden, auf Bemerkungen dieser Art in den vergangenen Tagen nicht zu reagieren, sondern betrachtete stattdessen still jenes Foto der Frieda Richer. Das Foto eines jüdischen Mädchens, dessen Leben ein paar Jahre später ohne Sinn und Verstand aus purem Rassenhass und nationalem Wahn ausgelöscht wurde. Sie war eine von sechs Millionen.

Die letzten Zeitzeugen, die letzten Überlebenden der Shoah warnen uns, die Jüngeren, immer wieder eindringlich davor, gleichgültig die Augen zu verschließen vor dem was war und vor dem, was sich gerade wieder ausbreitet. Dass wir eben nicht wegschauen dürfen, und dass wir die Erinnerung stets wachhalten müssen. Dies ist unserer Verpflichtung. Und dass wir der Opfer gedenken. Mitgefühl kann niemals schaden.

Ich gedenke Frieda Richer.

Dietrich Faber ist Kabarettist, Musiker und Autor. Kürzlich erschien sein Krimi "Sorge dich nicht, stirb! - Kommissar Bröhmann optimiert sich". Derzeit tourt er mit der gleichnamigen Show (www.dietrichfaber.de).

FOTO: WWW.JADVASHEM:ORG

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