Haushohe Schneewehen in Schotten-Breungeshain. FOTO: ARCHIV WERNER WEITZEL
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Haushohe Schneewehen in Schotten-Breungeshain. FOTO: ARCHIV WERNER WEITZEL

Freue dich, Christkind kommt bald

  • vonDPA
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Erinnern Sie sich noch? In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember schneite es in Hessen. Auch in unserer Region. Es waren keine dicken Flocken, kein Pulverschnee fiel da vom Himmel. Aber was runterkam, war weiß. Bis zum Morgen schneite es durch. Und so wurde aus der spätherbstgrauen eine blütenweiße Landschaft. Das hier ist eine Weihnachtsgeschichte. Nicht die von Lukas aufgeschriebene. Sie ist eher weltlich - und sie erzählt davon, wie das Fest vor 50 Jahren gefeiert wurde. Und dass es damals (fast) immer im Winter schneite.

Meine Tochter Kara und ich hatten uns in November ein Versprechen gegeben: Wenn es schneit, egal zu welcher Tageszeit, dann gehen wir raus. Wenigstens kurz. Am 30. November fielen dann bei uns im Dorf gegen 22 Uhr die ersten Flocken. Für Kara war es zu spät für eine lange Wanderung im Schneetreiben. Aber sie fotografierte und filmte im Garten, formte Schneebälle und warf sie in die Luft. Dann ging sie ins Bett. Ich aber stromerte erst durchs Dorf und ging dann raus ins Feld. Der Schnee leuchtete wie ein riesengroßes, dreidimensionales, stark gedämpftes Licht. Ich spürte die Flocken im Gesicht, und weil ich keinen Schal um meinen Hals gelegt hatte, landeten immer wieder einige Kristalle auf Hals und Nacken. Das war angenehm kühl. Aber der Wind, der mir ins Gesicht blies, war schneidend.

In solch wunderbaren Momenten gehen meine Gedanken oft zurück in meine Kindheit. Ich schaute an mir runter, direkt auf meine Wanderschuhe. Schön warm und bequem sind die. Ich trug eine dicke Jacke, darunter einen schwarzen Baumwollpullover. Und eine Wanderhose - dezent gefüttert. Ich hatte eine Fleecemütze auf dem Kopf, Handschuhe wärmten meine Finger. Als ich noch ein Grundschulkind war, und das ist so rund 55 Jahre her, da hatten wir im Winter einfache, derbe Schuhe - und immer kalte Füße. Wir trugen mehrere Schichten Kleidung übereinander. Ich hatte meist "abgelegte" Sachen an, geerbt von meinen älteren Brüdern. Die Hemden und Pullover wärmten aber nicht wirklich, und wenn sie nass wurden, waren sie schwer wie Blei. Egal, wer braucht schon Funktionskleidung, wenn es schneit? Wir damals jedenfalls nicht. Wenn die Welt sich in eine unberührte weiße Landschaft verwandelte, dann waren wir draußen. Nach Schule und Mittagessen saßen wir auf den Schlitten und bretterten den Kutscherschberg hinab. Und der ist direkt hinter unserem Haus. Wir schubsten die Mädchen von den Schlitten und bekamen prompt die Quittung: Eine Handvoll Schnee, die im Gesicht verrieben wurde. Einseifen nannten wir das. Oft waren wir spätnachmittags, kurz vor der Dämmerung, total durchgefroren. Dann schlichen wir müde nach Hause. Gestärkt von ein paar Scheiben Brot mit Griebenschmalz und zwei Tassen Tee (was man damals so Tee nannte), waren wir aber bald wieder hellwach.

Die Magie des Schnees

Auch wenn wir unseren Spaß hatten: Die Winter waren oft bitterkalt und hart für Mensch und Tier. Es war zwar nicht so - wie wir manchmal heute unseren Kindern erzählen -, dass es immer Schnee gab. Aber kälter als heute war es schon. Strengen Frost gab es in jedem Jahr, meist im Januar bis weit in den Februar hinein. Thermofenster, dreifach verglast, gab es nicht. Eine Zentralheizung war eine ferne Vision. Es gab nur einen Ofen in der Küche, der mehr rauchte als heizte. Die Treppenhäuser und besonders der Flur im Erdgeschoss waren eiskalt. Die kleinen Butzenscheiben der Fenster waren meist zugefroren. Mit unserem warmen Atem hauchten wir morgens kleine "Gucklöcher" frei. Das Herz schlug schneller, wenn wir sahen, dass es geschneit hatte. Schnee hat seit Menschengedenken etwas Magisches. Und das ist bis heute - Gott sei Dank - so geblieben.

War der Winter auch oft ungemütlich kalt, so gab es doch für uns viel Gutes (außer dem Schnee). Das begann schon im Herbst mit der Hausschlachtung. Schlachtessen - das war für uns die Haute Cuisine: Frikadellen, in der Pfanne gebraten, allerlei Fleischstücke aus dem Kessel (mit viel Fett), in dem dann auch die Wurst gekocht wurde. Zu Frikadellen und Bauchfleisch gab es Sauerkraut, Schlachtsoße mit Zwiebeln, manchmal Meerrettich - es war so lecker. Im Grunde war das Essen für uns Kinder aber oft nur stumpfe Nahrungsaufnahme. Wir hatten zwar immer Hunger, aber nie Zeit für drei Mahlzeiten am Tisch. Nur abends, wenn im Winter meist alle in der Küche versammelt waren, da hauten wir richtig rein. Dabei ging es oft lebhaft zu. Und wenn wir Kinder völlig außer Rand und Band waren, was oft vorkam, dann sorgte mein Vater für Ruhe. Ein strenger Blick reichte. Meistens …

Abends gab es im Winter Tee oder Milch zu trinken. Zwischen den Mahlzeiten tranken wir Wasser aus der Leitung. Vogelsbergwasser schmeckt gut und ist gesund. Gekaufte Getränke gab’s nur an besonderen Tagen. Weihnachten und Silvester wurden dann auch mal alkoholische Getränke ausgeschenkt. Schnaps gab’s immer mal zwischendurch. Aus medizinischen Gründen! Jedenfalls war das die Begründung, wenn mal einfach so ein Gläschen Korn oder ein Kümmel mit Bitter runtergekippt wurde. Meine Oma nahm grüne Tropfen. Das Geheimnis lag wohl auch da in dem Alkohol, der ein nicht unerheblicher Inhaltsstoff dieser "Medizin" war.

Schon in den 1960er und zunehmend in den 1970er Jahren kamen auch Modegetränke auf den Tisch. Auch Bowle war angesagt. Die sogenannten Casinos waren "in". Da trafen sich mehrere verheiratete Paare immer abwechselnd bei einer Familie im Wohnzimmer. Und dann wurde gebechert, gelacht und geschwatzt. Die sogenannte Spinnstube (ist nicht das, was manche jetzt vielleicht denken) war schon in meiner Kindheit kein großes Thema mehr. Die erlebte ihre Blüte, als unsere Eltern noch jung waren.

Warmherziges Fest

Zurück zu den Festtagen. Weihnachten und Silvester, das waren die weiteren Höhepunkte im Winterhalbjahr. Das Christfest wurde von uns Kindern herbeigesehnt, und es lief bei uns meist so ab: Morgens arbeitete mein Vater sich daran ab, das zarte Tannenbäumchen sicher in einem filigranen Baumständer zu fixieren. Er hantierte mit dem Beil herum, und wir hielten den Atem an, hofften auf ein gutes Ende. Als Waldarbeiter wusste er aber, was er tat. Und am Ende stand ein stolzer Baum im Wohnzimmer, behängt mit Lametta und Kugeln. Oben drauf thronte eine silberne Spitze, Vögel aus Glas schmiegten sich an die Tannenzweige. Bescherung war erst spät am Abend, denn die Eltern (und wir ja auch) mussten in den Stall. Nach Feierabend folgte ein Bad in der Zinkwanne, danach gab es Abendessen, meist Kartoffelsalat mit Würstchen. Schließlich warteten wir (eigentlich schon den ganzen Tag) aufs Christkind. Das zeigte sich aber nur selten. Irgendwann waren wie durch Zauberhand Geschenke unterm Tannenbaum. Und immer hatte entweder mein Vater oder meine Mutter das Christkind gesehen. Geschenkt bekamen wir Dinge wie Handschuhe, Mützen, auch mal ein schönes Spiel. Es gab Apfelsinen. Luxus pur. Und Plätzchen.

Das Leben war damals hart. Die Menschen rackerten sich ab für ein karges Einkommen, aber sie jammerten nicht. Die Tanten waren sehr nett, die Onkel machten Späße. Es war immer eine gemütliche Runde. Wir durften lange aufbleiben. Meist schliefen wir auf dem Sofa ein und hatten am nächsten Morgen keine Ahnung davon, wie wir ins Bett gekommen waren

Als Kinder waren wir fest davon überzeugt, dass es ein Christkind gibt, dass Engel uns begleiten, der Nikolaus wirklich ein guter Mann ist. Respekt hatten wie aber trotzdem vor ihm. Wir waren sicher, dass sich die Geburt des Christkindes genau so abgespielt hatte, wie es in der Bibel bei Lukas zu lesen ist. So überzeugt sind wir heute nicht mehr, aber wir wünschen uns, dass es so oder so ähnlich war. Der Glaube daran hilft uns, die Prüfungen des Lebens besser zu bestehen. Und er deckelt den Schmerz der Jahre. Wir glauben, wissen es aber nicht. Aber die, die sagen, es gäbe keinen Gott, können das ja auch nicht beweisen.

Die große Gemeinschaft war es, die Weihnachten für uns zu einem warmherzigen Fest machte. Ja, die Welt war vor 50 Jahren nicht heil, aber sie war unkomplizierter, für mein Empfinden war sie auch menschlicher als heute. Dass sie grundsätzlich besser war, glaube ich aber nicht. Das Gute jedenfalls gab es immer - und das wird hoffentlich auch so bleiben.

Unsere beiden ältesten Töchter, Hannah und Neele, sind erwachsen. Sie machen ihr Ding. Sie gingen früher oft mit uns in Gottesdienste. In die Kirche gehen sie heute nur noch selten. Ich denke, das wird sich wieder ändern. An Weihnachten glauben sie immer noch. Sie halten Familientraditionen hoch. Sie wollen, dass das Glöckchen geläutet wird, wenn das Christkind da war. Sie warten gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester geduldig in einem der (früheren) Kinderzimmer, bis das Glöckchen bimmelt. Meine Frau zündet zunächst die Wachskerzen am Baum an, und wir löschen alle anderen Lichter. Dann rufe ich nach oben: "Kinder, ich glaube, das Christkind war da." Und sie kommen leise nach unten. Wir stellen uns um den Baum und singen "Stille Nacht". Dann ist Weihnachten. Auch im Herzen. Das ist der Moment, in dem auch unsere Kinder wieder glauben - an die Heilige Nacht, den Schöpfer, das Christkind, Maria und Josef, die Engel und die Hirten.

Alter Mann mit zerzaustem Haar

Bis heute wird immer wieder die Geschichte hervorgekramt, die der Vater vor vielen Jahren in der Adventszeit abends am Bettrand sitzend den damals noch kleinen Mädchen erzählt hat. Die Kurzfassung geht so: Der Nikolaus fährt mit seinem Schlitten am Himmel entlang. Die Kufen gleiten lautlos auf unsichtbaren Schienen dahin. Der alte Mann sieht aus wie ein zerzauster Pflastermaler aus dem Pariser Künstlerviertel Montmartre. Einen roten Mantel hat er auch nicht an. Und auch keine Rute dabei. Aber viele Geschenke für die Kinder. Er lacht laut, schaut zu mir hinunter, winkt mir zu und sagt: "Als du noch ein Junge warst, hab ich dir mal einen Schlitten gebracht." Und ich antworte: "Ja, ich weiß, lieber Nikolaus, und ich werde das niemals vergessen." Meine Kinder schauten mich mit großen Augen an. Und ich wusste: Kein Geschenk könnte größer sein als dieser Blick. Er war voll Vertrauen, erzählte vom Staunen und von Wundern. Und er machte mich froh. So ist Weihnachten.

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