Free Melania

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Ich schreibe diese Kolumne wirklich gerne. Eigentlich. Grundsätzlich bereitet es mir inspirierende Freude, mich einem Thema meiner Wahl zu widmen und ein paar launige Zeilen dazu zu schreiben. Doch diesmal habe ich einen Fehler gemacht. Ich wollte unbedingt ein top-aktuelles Thema wählen und schaute mir dafür mehrere Stunden im Internet den Parteitag der Republikaner in den USA an.

Sich darüber lustig zu machen, dass die Hälfte der gesamten Rednerliste aus Familienmitgliedern der Familie Trump bestand, dürfte eine leichte Übung sein. Auch den Auftritt der First Lady zu sezieren, könnte einem Satiriker größtes Vergnügen bereiten. Könnte. Tut es aber nicht. Denn ich habe bei den Trump-Huldigungen seiner Ehefrau und Kindern, denen ich allesamt kein einziges Wort glaubte, meinen Humor verloren.

Doch einen einzigen Satz Melania Trumps glaubte ich sogar. Sie sagte: "Donald sagt immer das, was er denkt." Da mag sie wohl recht haben. Jener Donald sagte übrigens auch, kurz nachdem die beiden sich im Jahre 1998 auf einer Party kennen und naja, lieben lernten, dass ihm große Brüste wichtig seien, worauf sich Melania sofort dieselbigen vergrößern ließ.

So etwas zu lesen macht mich traurig. Da kann man durchaus auch mal den Humor verlieren. Auf Demonstrationen in den USA werden häufig Schilder hochgehalten mit der Aufschrift: "Free Melania!" Das ist ein bisschen lustig, aber auch nur ein bisschen. Ich glaube, das Schlimmste, was einem als First Lady passieren kann, ist, das die halbe Welt Mitleid für einen empfindet. Auch dazu fällt mir keine heitere Pointe ein.

Melania Trump, deren damalige Model-Karriere erst durch die Beziehung zu Donald Fahrt aufnahm, setzt sich mit einer Initiative namens "Be Best" gegen Cyber-Mobbing ein. Zur Begründung ihres Engagements sagte sie in einem Interview, dass sie sich selbst für den am meisten gemobbten Menschen der Welt hielte. Nun ja. Ich habe mir ihre Rede auf dem Parteitag von der ersten bis letzten Minute angeschaut. Kennen Sie das, wenn sie jemandem zuhören, ihm dabei in die Augen schauen, und die Augen das Gegenteil von dem erzählen, was sie zu hören bekommen? Falls nein, schauen Sie sich diese Rede an. Dann verpassen Sie auch nicht, wie Donald sie anschließend auf den Mund küssen möchten und Melania ihm ausweichend nur die Botox-Wange hinhält. Auch dies könnte lustig sein. Ist es aber leider auch nicht.

Tut mir leid, dass Sie jetzt vielleicht auch schlechte Laune haben. Doch da müssen Sie durch. Wie wir alle und die Amerikaner und Amerikanerinnen am meisten.

Hoffentlich nur noch bis November.

Dietrich Faber ist Kabarettist und Autor. www.dietrichfaber.de

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