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Was Frauke Petry in der Wetterau sagte

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In zwei Sälen sitzen und stehen die Besucher dichtgedrängt, um die Rede der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry zu verfolgen, die auch über Videoleinwand übertragen wird.
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In zwei Sälen sitzen und stehen die Besucher dichtgedrängt, um die Rede der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry zu verfolgen, die auch über Videoleinwand übertragen wird. (Foto: sax) © Oliver Potengowski

Begleitet von Protesten hat die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry, am Wochenende in Büdingen gesprochen. Wir haben zugehört.

Büdingen (sax). Über »Heimat, Kultur und Tradition« sprach am Samstag die AfD-Vorsitzende Frauke Petry im Büdinger »Haus Sonnenberg«. Eigentlich sollte dies das Thema von David Bendels sein. Der hatte seinen Auftritt bei der AfD allerdings abgesagt: Seine Partei, die CSU, hatte Druck gemacht, woraufhin Bendels austrat. Die AfD hielt am Thema fest. Doch Petry gab zu, sich mit den Begriffen schwer zu tun.

»Wir wollen unsere Tradition genauso selbstbewusst leben, wie die Bayern uns das oft genug voraushaben«, fordert die Bundesvorsitzende der AfD, Frauke Petry, am Samstagabend in Büdingen bei einem »Bürgerspräch« von AfD Wetterau und Junger Alternative Hessen. Zwar ist den Veranstaltern mit dem früheren CSU-Mitglied David Bendels der Gastredner abhanden gekommen, doch sein Thema möchten sie trotzdem besetzen. »Heimat, Tradition und Kultur ist bei uns genauso gut aufgehoben«, sagt Petry.

Vor dem Veranstaltungsort in der Sudetenstraße haben sich einige Dutzend Menschen zu einer Gegenkundgebung versammelt. Darunter Linke wie Gabi Faulhaber, Mitglieder der Antifa-BI, aber auch der Büdinger Udo Stern, Bewerber um das Bürgermeisteramt. Drei Mannschaftswagen der Polizei schützen die Veranstaltung. Sie hätten schon zwei Torten sichergestellt, erklärt der Einsatzleiter.

Damit Petry nicht das Schicksal von Sahra Wagenknecht ereilt, kontrolliert die AfD am Eingang gründlich, wer hinein darf und wer nicht. Neben Parteimitgliedern haben nur Pressevertreter freien Zutritt. Daniel Lachmann und Stefan Jagsch von der NPD, die wie die AfD im Kreistag rechtspopulistische Opposition betreibt, müssen draußen bleiben. Die AfD bemüht sich trotz thematischer Nähe um Abgrenzung. Doch auch FWG-Mitglieder und sogar der Büdinger Pfarrer Andreas Weik, beide nicht des Rechtsextremismus verdächtig, werden ausgeschlossen.

»Es fällt uns schwer, diese Begriffe in den Mund zu nehmen, nicht nur, weil die NPD sie für sich vereinnahmt hat«, räumt drinnen Petry ein. Man habe auch Probleme, die Begriffe Heimat, Kultur und Tradition mit Inhalten zu füllen. »Mir fehlt die Verortung in Lederhosen«, Bendels habe es da leichter.

Dies scheint ein grundlegendes Problem der AfD zu sein. Gern beruft sie sich auf eine gemeinsame deutsche Identität und kann doch nicht definieren, worin sie besteht. »Für mich ist gerade die klassische Musik, Bach, Mendelsohn, Beethoven, ein Zeichen deutscher Kultur«, macht Petry einen Versuch. Dafür sei die Partei bereit, Subventionen zu zahlen, da Konzerthäuser und Orchester nun einmal nicht kostendeckend seien. Weil manche im Publikum mit klassischer Musik nicht viel anfangen können, ist sie auch bereit, die Subventionen auf Gesangvereine auszudehnen. Da ist die AfD plötzlich gar nicht mehr so alternativ zu den anderen Parteien. Geht es um die Dinge, die man selbst gut findet, dürfen ruhig Steuergelder ausgegeben werden. Der neoliberale Ruf nach weniger Staat verstummt dann schnell.

Die AfD wolle »diesen Staat auf ein Minimum zurückführen«, erklärt Petrys Lebensgefährte, der Europaabgeordnete Marcus Pretzell. Damit meint er vor allem den weitestgehenden Verzicht auf staatliche Regeln. »Wenn der Staat nicht ins Existenzminimum eingreifen würde, bräuchten wir nicht über Mindestlohn reden«, behauptet er. Denn von 8,50 Euro Stundenlohn blieben nach Abzug von Sozialabgaben nur 5,50 Euro übrig. »Die Tatsache, dass sich die soziale Schere auftut, hat mit diesen staatlichen Eingriffen zu tun«, antwortet er auf eine Frage aus dem Publikum. »Es gibt weit über 100 Familienförderungen. Ich würde gerne alle davon abschaffen, wenn der Staat aufhören würde, den Familien in die Tasche zu greifen.«

Fröhliche Rechtspopulisten

»Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, das ist ein Terminus, den die AfD wieder eingeführt hat«, versucht Petry die Partei als Hüter des klassischen Vater-Mutter Kind-Modells zu stilisieren. Abgesehen vom eigenen Privatleben, ist die Aussage auch inhaltlich unwahr. Denn schon 2009 formulierte Journalist Norbert Wallet: »Im Lexikon der politischen Phrasen und Allgemeinplätze hat dieser Satz einen unangefochtenen Ehrenplatz inne: ›Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft.» « Seit der Gründung der Bundesrepublik ist der Begriff omnipräsent.

Ein Besucher sorgt sich über die zu geringe Geburtenrate der Deutschen. »Warum lassen wir es zu, dass dieses Loch mit Immigranten gefüllt wird? Die notwendige Zahl von Menschen gibt es im christlichen Abendland nicht«, warnt er. »Reden Sie von aktiver Familienpolitik, und die Zuschreibung ›Nazi» ist Ihnen sicher«, begibt Petry sich mit einem vermeintlichen Tabubruch in eine Lieblingsrolle der AfD als Opfer von »Gutmenschen« oder »Lügenpresse«.

Die würden die Partei auch als »völkisch bezeichnen. Noch schlimmer ist die Zuschreibung Populismus«, ärgert sie sich. Dabei habe die Politik die Pflicht, »dem Volk aufs Maul zu schauen«. Doch wie bei vielen Themen sind die Meinungen in der AfD über solche Zuschreibungen geteilt. Petrys Lebensgefährte Pretzell hat nichts gegen das P-Wort. Er benutzt es genussvoll selbst, um die Parteien am rechten Rand des Europaparlaments zu beschreiben. »Wir sind ganz, ganz fröhliche Rechtspopulisten, wir haben ganz, ganz viel Spaß zusammen«, freut er sich über die Zusammenarbeit mit UKIP, FPÖ, Geert Wilders oder dem Front National.

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