Bühne statt "Tatort"

Die Fratze der Macht

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Ein Einstand nach Maß. Mit Shakespeares "Richard III." eröffnet Intendant Anselm Weber seine erste Saison am Schauspiel Frankfurt. "Tatort"-Kommissar Wolfram Koch brilliert als Hauptdarsteller.

Die meisten kennen ihn wohl aus dem Fernsehen, denn dort gibt er im HR-"Tatort" den eigensinnigen Ermittler Paul Brix an der Seite von Kollegin Margarita Broich. Dass Wolfram Koch aber eigentlich seit vielen Jahren als brillanter Theaterschauspieler überzeugt, beweist er jetzt erneut als monströser Richard von Gloucester – ein Machtmensch, der über Leichen geht, um auf den englischen Thron zu steigen.

Perfides, gnadenloses Spiel

In seinem viel zu groß geratenen grauen Anzug (Kostüme: Tabea Braun) kommt er als eine Art Horror-Clown daher, der seine Mitmenschen zutiefst verachtet, ihnen beängstigende Grimassen schneidet, um sich dann sekundenschnell gekonnt hinter falschen Schmeicheleien zu verstecken. Sein doppelzüngiges Spiel ist perfide, gefährlich und gnadenlos.

Dabei nimmt Koch Besitz vom gesamten Theaterraum, tobt zwischen den Sitzreihen und den beiden Bühnenpolen Grabhügel und Königsthron ruhelos schwadronierend hin und her. Denn Regisseur Jan Bosse hat die Guckkastenbühne (Ausstattung: Stéphane Laimé) im Großen Haus des Schauspiels Frankfurt aufgerissen, die Zuschauer im Karree an vier Seiten platziert. Die müssen sich nun gelegentlich durchaus angestrengt die Köpfe verrenken, um das Geschehen an den unterschiedlichsten Punkten im Saal zu verfolgen. Ab und zu wird daraus zwangsläufig ein Hörspiel – und mit Bewunderung stellt man fest, wie ausgezeichnet hier von allen Akteuren gesprochen wird.

Königinmutter verflucht Sohn

Bosse bietet Schauspielertheater im besten Sinne, lässt seinem zehnköpfigen Darstellerteam viel Raum, um die jeweiligen Figuren zu entwickeln. Denn die meisten müssen in mehrere Rollen schlüpfen, um das umfangreiche Personal bei Hofe zu verkörpern. Neben Koch ist Mechthild Großmann – bekannt als Staatsanwältin mit tiefer Stimme im Münsteraner "Tatort" – die Einzige, die auf einen Part fixiert ist und als Königinmutter ihre Missgeburt von Sohn in allen Schattierungen herzhaft verflucht.

Selbstverliebt und machtgierig

Gelegentlich droht das imposante Spektakel – unterlegt mit der filmreifen Musik von Arno Kraehahn – in eine One-Man-Show abzudriften, wenn Kochs Richard allzu selbst-verliebt in seiner Hybris alles an sich reißt. Gerade in der letzten Stunde nach der Pause ufern Richards Krönungsfeier im Stile Trumps und anschließender Abgesang auf den Machtgierigen, der effektvoll tief in die Grube fährt, doch ein wenig aus.

Der positive Gesamteindruck wird dadurch aber kaum geschmälert. Ein Theaterereignis, das bei seiner Premiere am Donnerstagabend frenetisch gefeiert wurde und das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.  

Der Schurke schlechthin

Aufstieg und Fall

"Richard III." ist eines der frühen Königsdramen von William Shakespeare, das um 1592/93 entstand. Darin wird der Aufstieg und Fall des buckeligen Herzogs von Gloucester geschildert, der mehrere Familienmitglieder aus dem Weg räumen muss, um an die Macht zu kommen. Er schreckt sogar nicht davor zurück, die Kinder seines Bruders ermorden zu lassen. Richard III. gilt als Schurke schlechthin und wurde von berühmten Schauspielern wie Fritz Kortner und Gert Voss verkörpert.

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