Tanja Brühl
 ist Präsidentin der TU Darmstadt und Vorsitzende der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien.	FOTO: RENATE HOYER
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Tanja Brühl ist Präsidentin der TU Darmstadt und Vorsitzende der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien. FOTO: RENATE HOYER

»Forschung begreifbar machen«

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Wann war die Wissenschaft so gefragt wie in Corona-Zeiten? Es sind große Herausforderungen, vor denen Tanja Brühl und ihre Kolleginnen und Kollegen von den Universitäten stehen. Die Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt will Wissenschaft verständlich machen - gerade in Zeiten der Pandemie.

Nicht nur logistisch ist der Wissenschaftsbetrieb derzeit eine Herausforderung. Die Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt arbeitet nur jede zweite Woche von ihrem Büro aus - wegen Corona wechseln sich zwei Führungsteams ab. Wir treffen sie zum »Kaffeegespräch« an ihrem Wohnort Frankfurt - coronagerecht im Freien, mit einer Tasse heißen Tees.

Frau Brühl, nie waren die Fragen an die Wissenschaft so bohrend wie in Pandemie-Zeiten. Wie hat sich die Bedeutung von Wissenschaft geändert?

Die Bedeutung von Wissenschaft hat sich gar nicht geändert, aber die Aufmerksamkeit für sie. Die Gesellschaft nimmt Wissenschaft sehr viel stärker wahr. Das sieht man daran, dass zum Beispiel Virologinnen und Virologen in allen Talkshows sitzen. Ich finde es gut, dass Wissenschaft sich vermehrt einbringt, erklärt und vermittelt - und dass sie stärker versucht, allgemeinverständlich Lösungswege aufzuzeigen.

Wie sollte die Wissenschaft mit dieser neuen Aufmerksamkeit umgehen?

Wir als Wissenschaftler müssen es als gute Herausforderung verstehen, unsere Arbeit noch verständlicher zu machen. In den letzten zehn, 15 Jahren hat sich da schon viel verändert. Beispiele sind der Podcast von Christian Drosten und Sandra Ciesek und die YouTube-Videos von Mai Thi Nguyen-Kim auf »MaiLab«, die sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Aber insgesamt ist noch viel Luft nach oben. Wir sollten als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur an Fachpublikum denken, sondern auch daran, unsere Erkenntnisse immer wieder zu übersetzen: Woran forsche ich, und warum forsche ich daran, und was ist meine genaue Fragestellung? Man kann auch komplizierte Forschung begreifbar machen.

Selbst die Grundlagenforschung?

Ja, selbstverständlich. Ich führe regelmäßig Gespräche mit Menschen, die wir an unsere Universität berufen möchten. Sie beschäftigen sich in der Regel mit sehr komplexen Themen. Ich frage so lange, bis ich alles verstehe. Die eigene Arbeit zugänglich machen, das muss jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin leisten können. Dem einen fällt das schwerer, der anderen leichter. Deswegen unterstützen wir unsere Forschenden auch unter anderem mit Medientrainings, in denen sie lernen, sich verständlicher auszudrücken.

Mit der erhöhten Aufmerksamkeit ist der Wissenschaft auch eine enorme Skepsis entgegengeschlagen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Slogans der »Querdenker« sehen?

Als Wissenschaftlerin kann ich schwer nachvollziehen, wie man von abstrusen Verschwörungsmythen geprägt sein kann. Die wirklich coronaskeptischen Menschen erreicht man kaum noch. Aber mir ist wichtig, dass wir mit denjenigen im engen Kontakt bleiben, die Fragen und Zweifel haben. Das Wissenschaftsbarometer, eine repräsentative Umfrage zu Wissenschaft und Forschung von 2020, hat herausgefunden, dass 60 Prozent der Deutschen der Wissenschaft einen hohen oder sehr hohen Stellenwert zuweisen. In der Mehrheit der Bevölkerung genießt die Wissenschaft also großes bis sehr großes Vertrauen.

Wissenschaft gerät in Pandemie-Zeiten unter Druck, schnell zu arbeiten - bei der Entwicklung eines Impfstoffs, von Medikamenten, bei der Erforschung des Virus. Was macht das mit wissenschaftlicher Forschung?

Spannend ist ja, dass der erste Impfstoff von Biontech und Pfizer auf der Grundlagenforschung aufbaut. Die Wahrnehmung, dass da ganz schnell ein ganz neuer Impfstoff aus dem Nichts entwickelt wurde, trifft nicht zu. Ein Sonderforschungsbereich an der Universität Mainz hat vor mehr als zehn Jahren die Grundlage für den Impfstoff entwickelt. Wissenschaft kann man nicht einfach beschleunigen. Grundlagenforschung braucht Zeit. Aber ich sehe auch eine deutliche Entwicklung: Immer öfter arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Grenzen ihrer Fachgebiete zusammen. Diese interdisziplinäre, gemeinsame Forschung finde ich richtig, gut und sehr produktiv.

Auch international?

Forschung braucht die besten Köpfe, daher ist sie per se international. Wir reden jetzt viel über Corona, aber wir dürfen den Klimawandel nicht vergessen. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, was mit der künstlichen Intelligenz alles auf die Gesellschaft zukommt. An allen Stellen brauchen wir wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideen, wie wir eine bessere Welt gestalten können. Dazu trägt internationale Kooperation bei. Und die bauen wir an der TU Darmstadt intensiv aus. Dabei hilft uns, dass wir gleich in der ersten Runde eines europaweiten Wettbewerbs als europäische Universität ausgezeichnet wurden.

Europäische Universität - was bedeutet das?

Die Idee der europäischen Universität geht auf Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zurück. Es geht darum, gemeinsam die Qualität von Forschung und Lehre zu erhöhen und den Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, in Europa in einem Rahmen zu studieren, der weit über das Erasmus-Programm hinausgeht. Unserer Allianz, die UNITE! heißt, gehören sieben Universitäten an. Das bedeutet konkret: Ich bin als Studentin in Darmstadt eingeschrieben, kann aber auch Kurse in Helsinki oder Lissabon besuchen. Oder Studierende in Turin können sich für ihr Projekt zu künstlicher Intelligenz auch mit Studierenden und Forschenden in Grenoble oder Stockholm austauschen.

Das ist in Zeiten der Digitalisierung einfacher geworden.

Richtig. Dennoch fehlt natürlich auch uns der persönliche Austausch. Der Auftakt zu UNITE! war im November 2019, ein weiteres Treffen fand im Februar 2020 statt. Seitdem haben wir uns nur noch per Videokonferenz gesehen. Aber das funktioniert vergleichsweise gut. Es geht auch in diesem Rahmen voran.

Wie sehr erschwert die Pandemie das Studieren, gerade auch für internationale Studierende?

Wir haben viele internationale Studierende aus 95 Ländern, unter anderem aus Iran, aus China, aus Indien. Diese Studierenden leiden, wie alle anderen, in der Pandemie. Ein Teil bekommt gar keine Visa, um hier zu studieren. Die, die kommen können, kommen in Pandemie-Zeiten schwieriger in Kontakt mit den Studierenden aus Deutschland. Es ist eine komplizierte Zeit für den internationalen Austausch.

Der internationale Austausch hat auch einen Rückschlag erlitten, weil die Briten ausgestiegen sind aus dem Erasmus-Programm. Wie schwer wiegt das?

Das finde ich extrem bedauerlich. Ich hoffe, dass sich auf mittlere Frist daran etwas ändert. Ich kann nicht verstehen, dass sich in diesen Zeiten ein Staat aus einer so erfolgreichen internationalen Kooperation zurückzieht.

Kann die Politik wissenschaftliche Empfehlungen eins zu eins umsetzen und damit auch Verantwortung abgeben?

Nicht eins zu eins. Schließlich hat die Politik verschiedene Ratgeberinnen und Ratgeber, muss zuhören und die Interessen der gesamten Gesellschaft im Blick haben. Die politische Entscheidung liegt in einer anderen Sphäre als der Wissenschaft, und das sollte auch so bleiben.

Sie sind Sprecherin aller Uni-Präsidenten und -Präsidentinnen Hessens. Wofür müssen Sie in den nächsten Jahren streiten?

Wir sind als hessische Universitäten in einem engen Austausch mit der Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Dorn. Wir haben im März 2020 noch den Hochschulpakt unterschrieben, der die inhaltliche Ausrichtung und Finanzierung der Hochschulen für die nächsten fünf Jahre festlegt. Damit gibt es einen groben Rahmen. Jetzt stehen Zielvereinbarungsprozesse an, die das Ganze konkret machen sollen. Dabei geht es zum Beispiel um die Verbesserung der Betreuungsrelation, um Erfolg versprechende Forschungsbedingungen und um gute Beschäftigungsverhältnisse. Da haben wir Gesprächsbedarf.

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