Gähnende Leere auf dem Frankfurter Römer wo sich sonst Touristen drängen und die Gastronomie floriert. Die mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind noch nicht abzuschätzen. FOTOS: DPA/TILL SCHÜRRMANN
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Gähnende Leere auf dem Frankfurter Römer wo sich sonst Touristen drängen und die Gastronomie floriert. Die mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind noch nicht abzuschätzen. FOTOS: DPA/TILL SCHÜRRMANN

"Folgen seriös nicht abschätzbar"

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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In China nahm das Coronavirus seinen Anfang. Die drastischen Maßnahmen der Regierung in Peking zur Eindämmung der Epidemie zeigen erste Erfolge. Für die Wirtschaft haben sie dramatische Folgen: Sie bricht deutlich ein. Auch in Deutschland zeichnen sich schwerwiegende ökonomische Auswirkungen ab.

Ein neuartiges Virus legt nahezu das gesamte öffentliche Leben in Europa lahm. Ausgangssperren und Einschränkungen wie in Italien, Frankreich oder Österreich drohen auch in Deutschland. Welche Auswirkungen hat das auf die wirtschaftliche Situation hierzulande? Welche Folgen drohen für Unternehmen und Arbeitsplätze oder die Versorgung? Fragen an Prof. Dr. Jürgen Meckl, Professor für Volkswirtschaftslehre und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Gießener Justus-Liebig-Universität.

Das Robert-Koch-Institut rechnet im schlimmsten Fall mit einer Pandemie über zwei Jahre und mit ebenso langen Einschränkungen, wie wir sie jetzt schon haben. Welche Auswirkungen würde dieser Worst Case auf die Wirtschaft in Deutschland und speziell in Hessen haben?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer zwei Jahre oder noch länger andauernden und möglicherweise ganz Deutschland umfassenden Pandemie halte ich aktuell nicht für seriös abschätzbar, und das schon gar nicht auf Ebene einzelner Bundesländer oder Wirtschaftsregionen. Für den Fall einer so lang andauernden Pandemie dürften zeitweise Teilverstaatlichungen weiter Bereiche der Wirtschaft unvermeidbar sein, und für solche substanziellen Änderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verfügen wir über keinerlei Erfahrungswerte, die auch nur ein ungefähres Abschätzen der wirtschaftlichen Folgen erlauben.

Das klingt nicht sehr beruhigend. Können Sie da auch ein bisschen Hoffnung machen?

Ich bin - obwohl ich kein einschlägiger Pandemieexperte bin - angesichts der von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen zuversichtlich, dass es uns gelingt, die Pandemie zumindest regional stark einzugrenzen und hinsichtlich ihrer vollen Härte auf einem deutlich kürzeren Zeitraum als zwei Jahre zu reduzieren. Auch die Erfahrungen in China - bei aller Vorsicht hinsichtlich der Interpretation der veröffentlichten Zahlen und Fakten -, wo in der Provinz Wuhan die Produktion langsam wieder hochgefahren wird, deuten darauf hin, dass dies gelingen kann.

Wie sehen die Corona-Folgen für Deutschland und speziell Hessen aus?

Schon ein Einbruch von zwei bis drei Monaten wird deutliche Spuren in der Wirtschaftsleistung hinterlassen, im Worst-Case-Szenario einer Halbierung der Produktion rein rechnerisch einen vergleichbaren Einbruch zu dem der Finanzkrise der Jahre 2007/2008. Natürlich können nach einem Abklingen der Krise einsetzende Nachholeffekte bei Produktion und Konsum diesen Rückgang in Teilen wieder abmildern. Aber alle derartigen Kalkulationen sind hochsensibel hinsichtlich der zeitlichen Dauer der Krise und verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Pandemie möglichst schnell in den Griff zu bekommen. Das Bundesland Hessen wird aufgrund der hohen Abhängigkeit vieler Unternehmen vom internationalen Handel, der besonderen Betroffenheit des Flugverkehrs und als wichtiger Bankenstandort angesichts der zu erwartenden Folgewirkungen bezüglich der Zahlungsfähigkeit vieler Kreditschuldner leider vergleichsweise stark betroffen sein. Allerdings sollte die Mehrzahl der hiesigen Unternehmen - insbesondere die mittelständischen Unternehmen - hinreichend solide aufgestellt sein, sodass sie zu erwartende Einbrüche auch besser verkraften können.

Welche Branchen wären am härtesten betroffen?

Am härtesten betroffen sind kurzfristig sicher diejenigen Branchen, die stark durch kleinere Unternehmen geprägt sind. Insbesondere ein Gutteil der rund fünf Millionen Solo-Selbständigen in Deutschland dürften infolge der aktuellen Nachfrageeinbrüche schnell an die Grenzen ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit kommen, um beispielsweise Ladenmieten oder Lieferantenrechnungen fristgerecht begleichen zu können.

Mit welchen Unterstützung können sie rechnen?

Die Bundesregierung versucht mit ihrem Maßnahmenpaket gerade an der Stelle auch unterstützend einzugreifen, aber es bleibt abzuwarten, ob die Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Kleinstunternehmen, ausreichend sind. Ohne eine große Solidarität der Gläubiger hinsichtlich eines temporären Aussetzens von Zahlungsverpflichtungen - und der Staat ist in wichtigen Bereichen einer dieser Gläubiger - und eine groß angelegte Bürgschaftsübernahme durch den Staat werden viele Schuldner ihren vertraglichen Verpflichtungen kaum nachkommen können.

Welche weiteren Bereiche werden betroffen sein?

Hinzukommen natürlich auch große Unternehmen wie beispielsweise die Lufthansa, die stark vom Rückgang der Reisetätigkeit betroffen ist. Die Bundesregierung hat auch dafür Unterstützung in Aussicht gestellt. Auch der Bankensektor sollte infolge übermäßiger Kreditausfälle vergleichsweise stark betroffen sein. Weniger Sorgen muss man sich wohl um große Konzerne wie beispielsweise die Automobilbauer machen, deren Substanz sollte hinreichend groß sein, temporäre Einbrüche von Nachfrage und Produktion kompensieren zu können.

Wie sieht es mit den Geschäften, Läden und gastronomischen Betrieben aus, wie lange können die eine solche Situation durchhalten?

Eine generelle Aussage hinsichtlich des Durchhaltevermögens ist sehr schwierig, da die Ausgangsbedingungen einzelner Betriebe sehr stark differieren. Ein gastronomischer Betrieb, der selbst Eigner seiner Geschäftsräume ist, kann eher einen ein- oder zweimonatigen Einbruch in seiner Geschäftstätigkeit verkraften, während ein Betrieb, der Räumlichkeiten angemietet hat, ziemlich schnell an die Grenzen der Zahlungsfähigkeit kommen wird. Insbesondere Kleinstunternehmen dürften wohl den kürzesten Atem aufweisen und sind daher auf besondere Unterstützung durch die Politik angewiesen. Der Staat sollte hier direkte Transfers zur Kompensation der Einkommensausfälle ins Auge fassen, und die einzelnen Betriebe sollten gleichzeitig Lösungen überlegen, wie sie beispielsweise mittels Gutscheinverkäufen Verpflichtungen zur zukünftigen Leistungserbringung eingehen und dabei bereits heute Einkommen erzielen.

Wie würde sich diese Krise dann auf den Arbeitsmarkt auswirken? Wie viele Menschen würden möglicherweise ihren Job verlieren?

Entscheidend für die Arbeitsmarktsituation ist in erster Linie die Länge des wirtschaftlichen Einbruchs. Deutschland hat in der Finanzkrise mit seinen flexiblen Instrumenten zur Sicherung von Arbeitsplätzen - Stichwort: Kurzarbeitsregelung - sehr gute Erfahrungen gemacht und hat auch aktuell die Einsatz- und Leistungsfähigkeit dieses Instruments nochmals verstärkt. Die Arbeitsmarktkonsequenzen selbst starker wirtschaftlicher Einbrüche über zwei bis drei Monate lassen sich damit einigermaßen abfedern. Eine Sicherung der Beschäftigungsperspektiven bei längerfristigen deutlichen Produktions- und Nachfrageeinbrüchen ist ohne zumindest temporäre massive Intervention des Staates jedoch kaum vorstellbar.

Welche Möglichkeiten hätten Bund und Land, regulierend einzugreifen, was müssten sie tun?

Oberste Priorität besitzt die zeitnahe Eindämmung der Infektionsausbreitung. Diesbezüglich muss die Regierung auch vordergründig unpopuläre Maßnahmen konsequent umsetzen, was sie aktuell mit Entschlossenheit tut. Hinsichtlich der Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilisierung hat die Regierung schnell reagiert und staatliche Stützungsmaßnahmen in hohem Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro bereitgestellt. Zudem hat sie konkret die Aussetzung von Zahlungsverpflichtungen und der Gewährung von Notfallfinanzierungshilfen sowie eine Erleichterung von Inanspruchnahmen von Kurzarbeitsregelungen umgesetzt. Man zeigt sich zudem hochgradig sensibilisiert hinsichtlich der Betroffenheit spezieller Unternehmen und Sektoren, und man ist sich des möglichen Zusammenbruchs des Finanzsystems im Falle massenweiser Unternehmenspleiten bewusst.

Wird das genügen, eine wirtschaftliche Krise in Grenzen zu halten?

Ob alles das ausreichen wird, hängt entscheidend davon ab, wie schnell man die Infektionsausbreitung in den Griff bekommt und wie schnell eine Rückkehr zu einer gewissen Normalität gelingt. Und zur Beförderung einer solchen Rückkehr zur Normalität müssen Regierungen zu gegebener Zeit auch überlegen, wie sie auf ein möglicherweise sehr abwartendes Nachfrageverhalten seitens sehr verunsicherter privater Nachfrager reagieren. Denn selbst wenn die Krise vom gesundheitlichen Standpunkt aus überwunden ist, werden private Verbraucher eine gewisse Zeit sehr zögerlich insbesondere beim Kauf von Immobilien oder von dauerhaften Konsumgütern wie Autos reagieren. Und für Deutschland wird es auch entscheidend sein, wie schnell und gut unsere Partnerländer insbesondere in der EU und speziell im Euro-Raum durch die Krise kommen.

Wenn zunehmend Lebensmittelmärkte und Geschäfte unter Quarantäne gestellt werden müssten: Welche Auswirkungen wären für die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwenigen zu erwarten?

Eine flächendeckende Gefährdung der Grundversorgung aufgrund Quarantänemaßnahmen kann man sich schlechterdings vorstellen, denn der Staat wird seine Fürsorgepflicht gegenüber der Gesamtbevölkerung sicherlich nicht den Interessen Einzelner unterordnen. Zudem ist bei Beachtung von elementaren Schutzregeln wie Mindestabstand und Hände waschen der Einkauf sowie die Bereitstellung von Angeboten vergleichsweise ungefährlich. Deutschland hat zudem den Vorteil, dass man aus den Erfahrungen von Ländern wie Südkorea lernen kann, wie man insbesondere auch in Ballungsgebieten ohne jegliche eigene landwirtschaftliche Produktion die Nahrungsmittelversorgung einer großen Bevölkerung in Pandemiezeiten mit vertretbarem Gefährdungsrisiko für alle Beteiligten organisieren kann.

Also eher kein Grund zur Sorge?

Das heißt nicht, dass es nicht in Einzelfällen zu geschlossenen Geschäften oder leeren Regalen kommen kann. Aber allein die Tatsache, dass man in Sachen Versorgung der Bevölkerung immer auf denselben Einzelfall des versuchten Kaufs von 50 Mehlpackungen in einem deutschen Supermarkt abstellt, deutet auf die Einzigartigkeit dieses Falles hin.

Welche Dimensionen könnte der finanzielle Schaden einer so langen Krise haben?

Darüber heute zu spekulieren, wäre wissenschaftlich sehr unseriös. Der Schadensverlauf hängt ja nicht nur von der Dauer und Intensität der Pandemie selbst ab, sondern auch von der Reaktion der Politik. Beides ist aktuell nicht hinreichend abzuschätzen.

Sehen Sie die wohlstandsgewohnten Deutschen für eine solche Dauer und vielleicht noch gravierendere Einschränkungen gewappnet? Provokant gefragt: Müssen wir sogar mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen rechnen?

Die Gefahr bürgerkriegsähnlicher Zustände schätze ich bei der momentanen Sachlage als sehr unwahrscheinlich ein. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es vereinzelt bis hin zu Plünderungen von Supermärkten kommen kann. Aber es gibt hierzulande in der Frage, wie auf das Virus zu reagieren sei, eigentlich kaum eine grundsätzliche Spaltung in der Gesellschaft, und eine Gefahr, dass die Nahrungsmittelversorgung zusammenzubrechen droht, sehe ich nicht.

Was wird sich für uns ändern?

Um die Verbreitung des Virus zu stoppen, werden wir vorübergehend substanzielle Einschränkungen in unseren persönlichen Freiheiten und unserem Lebensstandard hinnehmen müssen. Aber auch für die Zeit danach ist zu erwarten, dass wir die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung in einer globalisierten Welt nicht mehr in dem Maße wie bisher nutzen werden, weil davon auszugehen ist, dass einerseits wichtige Handelspartner ihre seit geraumer Zeit schon praktizierten protektionistischen Verhaltensweisen eher noch verstärken und andererseits auch wir uns der Nachteile übermäßiger internationaler Produktionsverflechtungen insbesondere in puncto Versorgungssicherheit bewusster werden. Zudem wird die Krise unsere Bereitschaft verstärken, dauerhaft eine höhere Risikoabsicherung vorzuhalten, und auch das ist natürlich nicht kostenlos zu realisieren.

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