Philip Bierig erlebt als Flugbegleiter der Lufthansa ständig, wie wichtig der Frankfurter Flughafen für eine ganze Nation als Tor zur Welt ist. Für 70 Millionen Reisende jedes Jahr - allerdings vor der Corona-Krise - ist der Airport das ganz persönliche Drehkreuz. FOTO: SALOME ROESSLER
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Philip Bierig erlebt als Flugbegleiter der Lufthansa ständig, wie wichtig der Frankfurter Flughafen für eine ganze Nation als Tor zur Welt ist. Für 70 Millionen Reisende jedes Jahr - allerdings vor der Corona-Krise - ist der Airport das ganz persönliche Drehkreuz. FOTO: SALOME ROESSLER

Fernweh trifft auf Heimatliebe

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Unser vielfältiges Bundesland ist Thema unserer Serie "Hessisch!". Heute kommt der Flug- begleiter Philip Bierig zu Wort. Er spricht über sein Fernweh, das er im Rhein-Main-Gebiet besonders gut ausleben kann. Denn der Frankfurter Flughafen ist das Tor zur Welt - wenn nicht gerade Corona- Zeiten sind. Durch ihn ist man aber auch schnell wieder zurück in der Heimat.

Elegant sieht er aus in der dunkelblauen Uniform, als er die Treppe zum hinteren Eingang des Airbus A320 flotten Schrittes hinaufsteigt. Ein neuer Arbeitstag hat für Philip Bierig begonnen. Für die Lufthansa, seinen Arbeitgeber, ist der Frankfurter normalerweise in der ganzen Welt unterwegs. Shenyang und Orlando, Osaka und Buenos Aires. Immer ab Flughafen Frankfurt. Im Moment sieht das anders aus - Corona bremst den Flugverkehr auch in Deutschland weiterhin aus.

Doch zurück zu Philip Bierig. Unter den Flügeln des Kranichs ist der Sachsenhäuser Bub seit rund vier Jahren. Von der Welt gesehen hat er aber schon viel. Mallorca hat es ihm besonders angetan, der unberührte, schroffe Südwesten der Insel. "Aber auch bei uns in der Region ist es schön." Am Mittelrhein wandern zum Beispiel. Oder vom Maincafé auf die Skyline blicken. Recht ruhig verläuft Bierigs Leben lange Zeit. Nach dem Abitur an der Freiherr-vom-Stein-Schule in seinem Heimatstadtteil studiert er an der Goethe-Uni Politik und Wirtschaft. Danach macht er in Boston seinen Bachelor, setzt im englischen Warwick den Master obendrauf. Zurück in Frankfurt arbeitet er 17 Jahre lang im Büro, unter anderem für Condor als Unternehmensberater, für den Reisekonzern Thomas Cook im Krisenmanagement.

Mit 40 den Bürojob aufgegeben

Als er 40 wird, kommen Philip Bierig die großen Gedanken der Mitte des Lebens. Sollte der Bürojob alles gewesen sein? Schon immer wollte er in die Welt hinaus, warum nicht auch beruflich? "Wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie." Der Entschluss fällt. Bierig hängt sein altes Berufsleben an den Nagel, macht bei der Lufthansa die dreimonatige Ausbildung zum Flugbegleiter. Das bedeutet beim Verdienst einen Schritt zurück. Bierig winkt ab. "Anderes ist wichtiger." Das Arbeiten in der Luft sei "durch nichts aufzuwiegen".

Das spürt der Sachsenhäuser gleich am ersten Arbeitstag. In der Boeing 747-8i geht es nach Washington, tags darauf zurück. Ein Button "Trainee" prangt an seiner Uniform. "Nervös wie am ersten Schultag" ist er. Die Kollegen aber fangen ihn auf, unterstützen ihn, arbeiten ihn ein. Das Gefühl, derart als Team zu arbei-ten, das liebt er seit diesem ersten Tag. Auch wenn das Team für jeden Flug neu zusammengepuzzelt wird. Nicht schlimm: "Jeder bringt seine Erfahrungen ein." Manche arbeiten besonders gern mit den Gästen, andere sind Organisationsgenies in der Galley, der Bordküche. Bierig gehört zu Ersteren. Wenn er fließend in sechs Sprachen Kaffee oder Tee anbietet, Bier oder Wein.

Unterhalb von Lufthansa-Emblem und Namensschild prangt auf seiner Brusttasche ein breiter Anstecker mit Landesflaggen: seine Sprachkenntnisse. Englisch und Französisch, "das lernt man ja in der Schule". Portugiesisch kam hinzu dank einer Tante in Brasilien, und Spanisch, weil es ja so ähnlich sei. Japanisch brachte ihm eine gute Freundin bei. Und das Chinesische lernte der Frankfurter von seinem Mann Chi.

Auch die kulturelle Kompetenz ist elementar. Im asiatischen Raum sei es guter Stil, die Gäste indirekt anzusprechen, erklärt Bierig. "Bei japanischen Gästen sprechen wir leiser." Bei indischen Gästen sei es wichtig, einen Wunsch auch zweimal zu erfragen.

Mit solcher Feinfühligkeit gewinnt der Frankfurter seine Gäste. "Für kurze Zeit haben wir ja ein sehr persönliches Verhältnis." In der Maschine können beide schließlich stundenlang nicht weg, Fluggast wie auch dienstbarer Geist. Und für viele Kunden sei die Situation eine ganz besondere. "Sie fliegen ja nicht jeden Tag." Sich mit den Gästen zu beschäftigen, sei das A und O, findet Bierig.

Ansagen auch auf Mandarin

Mit dem Service in Erinnerung zu bleiben, das ist das oberste Ziel des Lufthanseaten. Das gelang ihm auf einem Flug nach Barcelona, als er die Ansagen übernahm - und diese auch auf Mandarin sprach, da eine chinesische Reisegruppe an Bord war. "Die waren sehr überrascht und haben sich sehr gefreut." Europatou-ren wie jene sind oft kurze Tripps für ihn, höchstens fünf Tage lang von Ort zu Ort samt Zwischenübernachtungen.

Auf der Langstrecke ist der Frankfurter auch mit dem Airbus A330 und A340 unterwegs. Dann geht es oft erst nach mehreren Nächten am Zielort wieder zurück nach Frankfurt. Gerade die etwas längeren Aufenthalte seien schon ein Privileg, weiß Bierig. "Man kann Orte und Gegenden er-kunden, die man sonst nicht so sieht." Teheran zum Beispiel. Bangalore in Indien. Oder hierzulande nahezu unbekannte Millionenmetropolen im riesigen China.

Wenn die Maschine zur Landung nach Frankfurt ansetzt, freut sich der Sachsenhäuser immer wieder aufs Heimkommen. So wie beim ersten Flug. Seine Position und seinen Sitz hat er da an der zweiten Tür links.

Wenn der Jumbo von Osten anfliegt, kann er im Endanflug die Skyline sehen und Sachsenhausen: "Mein Zuhause." Das Gefühl sei jedes Mal aufs Neue überwältigend, sagt Philip Bierig. "Es ist die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe", findet er. "Fernweh und Heimatliebe kann ich perfekt kombinieren."

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