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Der Feind im eigenen Zuhause

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Es ist noch immer ein Tabuthema. Dabei es ist in seiner Dimension so weitreichend, dass man es kaum fassen kann. Die Zahlen sind erschreckend: Jede dritte Frau in Deutschland ist von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen. So gut wie jeden Tag gibt es einen Tötungsversuch. Jede Stunde wird in Deutschland eine Frau zum Opfer einer gefährlichen Körperverletzung. Und die Zahl der beim Bundeskriminalamt registrierten Fälle steigt stetig.

Heute findet unter dem Schirm der Vereinten Nationen der "Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen" statt. Ruth Eismann ist beim Polizeipräsidium Mittelhessen die verantwortliche Polizeibeamtin für den Opferschutz. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt sie: "Es ist wichtig, dass wir das nicht nur an einem Aktionstag zum Thema machen." In diesem Jahr habe das Thema Gewalt gegen Frauen noch mal eine ganz andere Dimension, denn "durch das Pandemie-Geschehen werden viele Familien und Partnerschaften vor ungekannte Herausforderungen gestellt", sagt Eismann.

Eismann zur Seite stehen die Opferschutzkoordinatoren der vier Polizeidirektionen Gießen, Wetterau, Lahn-Dill und Marburg-Biedenkopf. Im Vogelsbergkreis ist das Polizeipräsidium Osthessen zuständig. Eine Art "Erste Hilfe" für die Geschädigten leisten Eismanns Kollegen, die am jeweiligem Tatort sind. "Opferschutz", sagte Eismann, "ist also grundsätzlich die Aufgabe jedes Polizeibeamten." Die Opfer sind aber meist geschockt und können gar nicht alles erfassen, was da auf sie einwirkt. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Betroffenen wissen, an wen sie sich mit etwas Abstand wenden können. Die Beamten verweisen deshalb auf Eismann und ihre Kollegen. Und überreichen Flyer mit Kontaktdaten.

Häusliche Gewalt, sagt die Polizeibeamtin, "gibt es quer durch alle Schichten, weder Bildung noch Status bieten Schutz". Auch Männer werden verletzt. Frauen sind aber deutlich stärker betroffen. Und das Ausmaß und die Form der Gewalt ist sehr unterschiedlich. Eismann: "Leider ist es so, dass sich nicht alle Menschen in den eigenen vier Wänden sicher und geborgen fühlen können. Das Problem: Ein Großteil der Betroffenen spricht nicht darüber. Gründe sind unter anderem Scham, Angst und Unsicherheit.

Im Gespräch verweist Ruth Eismann auf Fakten und Zahlen.

Frau Eismann, welche Auswirkungen hat Corona auf das Zusammenleben von Familien?

Nun, das sind zunächst einmal ein paar Dinge, die man wissen muss, Faktoren, die sonst nicht oder nicht in dieser Dimension vorhanden sind. Sorgen um Gesundheit und Arbeitsplatz, verbunden mit finaziellen Sorgen. Hinzukommen fehlende Kinderbetreuung und fehlende soziale Unterstützung. Das alles kann zu einer Verschärfung im Konfliktfeld häusliche Gewalt führen. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen, unter anderem durch die Kontaktbeschränkungen deutlich reduziert.

Aber Gewalt gegen Frauen gibt es doch nicht nur hinter verschlossenen Wohnungstüren …

Ja, Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten. Das sind neben der häuslichen Gewalt die sexuelle Gewalt, die sexuelle Belästigung, Genitalverstümmelung, Menschenhandel, Prostitution, geschlechtsspezifische Morde. Die Zahlen im Hellfeld, also die angezeigten, die den Behörden gemeldeten Fälle, sind schon erschreckend. Aber Fakt ist leider: Jede dritte Frau in Deutschland ist von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen. 25 Prozent aller Frauen erleben dabei mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft.

Was kann denn ein Nachbar oder ein Mensch, der Zeuge einer solchen Tat wird oder Hinweise registriert, die auf eine Gewalttat deuten könnten, tun?

Zunächst: Eine Gewalthandlung ist eine Straftat, egal wo und zwischen wem sie ausgeübt wird. Zeugen müssen sich also nicht fürchten, sich in eine Privatangelegenheit einzumischen. Nehmen Sie zum Beispiel lautes Poltern oder Schreie aus der Nachbarwohnung wahr, dann rufen Sie die Polizei. Haben Sie einen Verdacht, sprechen Sie mit der Betroffenen und bieten ihr Unterstützung an. Zum Beispiel, dass Sie den Kontakt zu einer Beratungsstelle herstellen. Selbst wenn die Person aus Scham alles abstreitet, mit Ihrem Angebot setzen Sie vielleicht einen Denkprozess in Gang. Bei all Ihrem Handeln sollten Sie sich nicht selbst gefährden. Vermeiden Sie vielmehr grundsätzlich eine direkte körperliche Nähe zur gewalttätigen Person. Aber denken Sie auch daran: Ihre Zeugenaussage kann ein sehr wichtiger Beitrag sein, um dem Opfer zu seinem Recht zu verhelfen.

In Familien sind ja auch oft die Kinder betroffen.

So ist es. Wichtig zu wissen: Gewalt in der Partnerschaft ist keine Privatsache, es ist eine Menschenrechtsverletzung. Das Leid der Kinder wird dabei oft vergessen. Sie erleben die Gewalt in der Familie zumindest mit. Sie müssen dabei nicht selbst die Gewalt spüren, sondern es reicht schon, wenn sie die Gewalt hören. In so einem Fall ist die Gefährdung des Kindeswohls gegeben. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn die Kinder das mitansehen müssen - oder wenn sie selbst betroffen sind.

Oft glauben Frauen dem Versprechen der Männer, dass es nie wieder vorkommen werde …

Ja, und das ist eine trügerische Hoffnung. Häusliche Gewalt ist kein einmaliges Phänomen, sondern sie wiederholt sich - und die Intensität nimmt zu. Ich möchte die Frauen deshalb ermutigen, sich Hilfe zu holen, über das Geschehene zu sprechen. Sie haben meist eine große Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Wichtig für uns ist deshalb, dass wir versuchen, eine Vertrauensbasis zu schaffen.

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