Familientradition: Roland Richter lässt Holzpuppen tanzen

Altenstadt (dapd). Im Keller von Roland Richter kuschelt Kaspar mit der Prinzessin, und die böse Hexe ist mit dem gutmütigen König verbandelt. Den Überblick über die zahlreichen Puppen behält Richter, denn er hat im wahrsten Sinne die Fäden in der Hand.

Der 49-Jährige ist Marionettenspieler und setzt damit die mehr als 300 Jahre alte Familientradition in neunter Generation fort. Nun hofft er auf eine feste Spielstätte für sein "Hanauer Marionettentheater". Im Herbst soll über einen Umzug ins künftige Brüder-Grimm-Kulturzentrum entschieden werden.

Für Richter sind die etwa 300 Marionetten im Familienfundus mehr als nur Holzpuppen: "Für mich sind das allesamt Persönlichkeiten." Er habe zu jeder eine persönliche Beziehung. Einen Großteil habe sein Vater Gerhard geschnitzt. "Als ich sechs war, hat er die Familientradition des Marionettenspiels reaktiviert", erzählt der 49-Jährige. So entstand das "Hanauer Marionettentheater". Das Spiel mit den Puppen habe ihn schon sein Leben lang begleitet, erinnert sich Richter. Während seine Mutter in der Küche beschäftigt war und sein Vater in der Werkstatt arbeitete, hätten sie über seinen Kopf hinweg ihre Sprechrollen geübt. "Dadurch kann ich alle Texte und die passenden Stimmen auswendig". Seine Eltern seien in der Region umhergereist mit ihren Marionetten, hätten in Schulen und Kindergärten gespielt.

Theater ist körperliche Arbeit

Vor zwei Jahren wurde sein 87 Jahre alter Vater schwer krank und konnte nicht mehr weitermachen. Ab da übernahm Roland Richter das Theater, erst gemeinsam mit seiner Mutter, dann allein, neben seiner Arbeit als Reiseunternehmer. Seitdem fährt er zwischen Herbst und Frühjahr in Schulen und Kindergärten und spielt Könige, Prinzen und Hexen. Ganz einfach war die Hinwendung zum Marionettentheater im Alter von 47 Jahren für Richter aber nicht. In der Schule habe er nie gesagt, dass sein Vater Marionettenspieler gewesen sei. Er habe sich dafür geschämt. Sein Wunsch zu studieren, sei teilweise mit Entsetzen in seiner Familie aufgenommen worden. Landfahrende Marionettenspieler hätten durch das viele Herumfahren keine Chance auf eine gute Bildung gehabt. "Mein Vater hat 300 Grundschulen besucht, aber nur sechs Jahre Schulunterricht gehabt."

Marionettentheater sei vor allem körperliche Arbeit, betont Richter. Die Puppen wiegen etwa 4,5 Kilogramm, und diese müssen während der 45 Minuten langen Stücke geführt werden. Allein um die 280 Kilo schwere Bühne auf- und abzubauen, benötigt er nach eigenen Angaben je eineinhalb Stunden. Auch die Stimme müsse stark genug sein.

Neben berühmten Märchen der Brüder Grimm hat die Familie Richter auch eigene Stücke im Repertoire. Ganz neu ist ein Öko-Märchen. Darin geht es nicht um eine Prinzessin, die vor der bösen Hexe gerettet werden muss, sondern um Kraftwerke, Stromverschwendung und Umweltzerstörung. Wer dabei aber trotzdem nicht fehlen darf, ist Kasper. "Ich habe versucht ihn wegzurationalisieren, aber die Kinder fragen immer nach ihm", sagt Richter. Seine Frau Jale konnte anfangs nichts mit dem Marionettentheater anfangen. Sie habe das Marionettentheater nicht als eigenständige Kunstform angesehen, sagt sie. Mittlerweile wisse sie aber, dass viel mehr dahinter stecke. Die 46-Jährige arbeitet derzeit als Englischlehrerin. Sollte das "Hanauer Marionettentheater" aber vom Wandertheater zum Theater mit fester Spielstätte werden, will sie auch zur Puppenspielerin werden.

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