Bohnacker-Prozess

Fall Johanna: Missbrauch nicht mehr nachweisbar

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Die Frage, ob der Angeklagte Rick J. 1999 die damals achtjährige Johanna auch missbraucht hat, bleibt unbeantwortet. Auch ein Forensik-Experte konnte kein Licht ins Dunkel bringen.

Hat Rick J. Johanna Bohnacker missbraucht, weshalb ihre Leiche nackt im Wald abgelegt wurde? Oder lassen sich die Fundumstände der Bekleidungsreste sowie das Fehlen ihrer Unterwäsche völlig anders erklären?

Eindeutige Antworten auf diese für den Prozess essenziellen Fragen blieb am Freitag am Gießener Landgericht ein forensischer Experte schuldig.

Forschungen zur Leichenliegezeitbestimmung betreibt in Deutschland die Abteilung Forensische Biologie am Institut für Rechtsmedizin des Universitäts-Klinikums Frankfurt.

Unterwäsche fehlte

Ein Ergebnis: Von Johanna Bohnackers Leiche, Anfang September 1999 im Wald bei Alsfeld abgelegt, dürfte nach nur 30 Tagen fast nichts mehr übrig gewesen sein.

Privatdozent Dr. Jens Amendt, Experte für forensische Insektenkunde am rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt, ist ein gefragter Spezialist, der gestern am Gießener Landgericht als Sachverständiger gehört wurde.

Im Fokus des Interesses stand die Frage, ob sich aus der Situation am Fundort von Johannas Leiche Rückschlüsse auf deren Bekleidungszustand zum Zeitpunkt des Ablegens ziehen ließen.

Zur Erinnerung: Bei Auffinden der Leichenteile sieben Monate nach ihrem Tod lagen Überreste ihrer Jeans und ihres T-Shirts 30 bis 40 Meter entfernt, während die Unterwäsche vollständig fehlte.

Hoffnungen zerschlagen

Daraus leitete die Nebenklage die Vermutung ab, Johannas Leiche und ihre Oberbekleidung seien getrennt abgelegt worden, Johanna also zu diesem Zeitpunkt nackt gewesen. Dies wiederum hätte ein Indiz für einen sexuellen Missbrauch des Mädchens sein können.

Nach der Aussage von Dr. Amendt hatten sich die Hoffnungen auf Klärung dieser Fragen allerdings zerschlagen. 1999 sei es bis in den Oktober hinein warm und sonnig gewesen, führte der Experte aus – beste Bedingung für all jene Insekten, die tote Körper sofort wittern und als Brutplatz nutzen. Kleintiere, Vögel und Wildschweine täten dann ein Übriges.

Nach 30 Tagen vollständig zersetzt

Amendts Fazit: Unter den gegebenen klimatischen Bedingungen sei ein menschlicher Körper nach etwa 30 Tage vollständig zersetzt. Mit anderen Worten: Dass überhaupt noch Teile von Johannas Skelett gefunden wurden, ist Glück und Zufall zu verdanken.

Nichts Ungewöhnliches vermochte der Wissenschaftler in der Distanz zwischen Johannas Schädel und den Bekleidungsresten zu sehen. Es wäre völlig normal, wenn Wildschweine Beute oder Beuteteile über längere Strecken zerrten, um sich in Ruhe mit ihnen zu beschäftigen.

Gummistiefel spurlos verschwunden

So könnte auch ein Schuh – einer der beiden Gummistiefel der Achtjährigen ist bis heute nicht aufgetaucht – unauffindbar vom Fundort der Leiche entfernt worden sein. Beweisen lasse sich dies aber nicht.

Bezüglich der Unterwäsche vermochte der Experte ebenfalls keine eindeutige Auskunft zu geben: Es könne (müsse aber nicht) sein, dass Johannas Unterwäsche infolge des Wildfraßes völlig verschwunden sei.

Fazit des kurzen Verhandlungstages: Weder sieht sich die Anklage in ihrem Vorwurf bestätigt, Rick J. habe Johanna missbraucht, bevor er die Leiche im Wald ablegte, noch wird die Version des Angeklagten gestützt, er habe Johanna – von der Entführung und diversen Fesselungsvorgängen abgesehen – nicht angerührt. Der nächste Verhandlungstag ist für den 8. August angesetzt.

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