Mord statt Unfall

Fall Adem Bozkurt: Familie übt Kritik an Polizei

  • Bernd Klühs
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Der vermeintliche Unfall des Bad Nauheimers Adem Bozkurt, der sich als Mord entpuppt hat, ist das Gesprächsthema in Bad Nauheim. Die Familie übt Kritik an der Polizeiarbeit im Jahr 1997.

Wurde Adem Bozkurt als lästiger Konkurrent von der Toiletten-Mafia per Genickschuss ausgeschaltet? Hat die Polizei 1997 schlampig gearbeitet? Zwei von vielen Fragen, die seit Donnerstag in Bad Nauheim heftig diskutiert werden. Die spektakulären neuen Ermittlungsergebnisse der Kripo zum Tod des bekannten und beliebten Bürgers sorgen für Aufsehen. Auch die Familie des Mordopfers übt Kritik.

Auto gegen Baum, nicht angeschnallter Fahrer tot – ein klarer Fall. Die Polizeistreife, die in der Nacht zum 8. April 1997 an die Zufahrtsstraße zur Raststätte Wetterau geeilt war, zweifelte nicht an der Todesursache. Der 45-jährige Adem Bozkurt war auf dem Weg zur Arbeit – er betrieb eine Firma zur Reinigung von Toiletten auf Autobahn-Raststätten – von der Straße abgekommen, sein BMW prallte gegen den Baum. Der Bericht der Beamten fiel entsprechend aus, eine Obduktion wurde nicht angeordnet. Thomas Hauburger, leitender Staatsanwaltschaft im Mordfall Bozkurt, bittet um Verständnis für die damalige Vorgehensweise. »Die Polizisten wurden zu einem Unfall gerufen und fanden diese Situation vor. Es gab keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen. Nur durch neue Informationen gelangten wir etliche Jahre später zu einer anderen Einschätzung.«

Für die Familie war die Nachricht, dass Adem Bozkurt durch Genickschuss gestorben ist, unfassbar. »2016 kam die Kripo zu uns und wollte die Zustimmung, die in der Türkei beigesetzte Leiche exhumieren zu dürfen. Als wir von dem neuen Verdacht erfuhren, waren wir geschockt«, sagt Tugba Bozkurt, die in Bad Nauheim lebende Tochter des Mordopfers, die im Alter von 14 ebenso wie ihre vier Jahre ältere Schwester Halbwaise wurde.

An der Unfallversion habe die Familie nie gezweifelt, nicht an kursierende Gerüchte über ein Verbrechen geglaubt. Als die Hinterbliebenen über die Obduktionsergebnisse aufgeklärt wurden, die eindeutig für Mord sprechen, war die Witwe bereits verstorben. »Wir waren sauer auf die Polizei und haben die Kripo-Leute gefragt, warum damals so schlecht gearbeitet wurde.« Nach Aussage von Tugba Bozkurt wollte der Staatsanwalt, der in der Mordnacht Dienst hatte, eine Obduktion. Sein Kollegin, die am Folgetag zuständig war, habe anders entschieden.

Das habe die Familie nach 2016 erfahren. Der Exhumierung sei zugestimmt worden. »Wir wollen, dass die Tat rasch aufgeklärt wird. Hätte die Polizei 1997 anders reagiert, wäre der Täter vielleicht längst gefasst«, betont die Tochter des Opfers. Der BMW sei kaum beschädigt gewesen, was für ein geringes Tempo gesprochen habe. Das wird von einem Bad Nauheimer bestätigt, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er kannte Adem Bozkurt und hatte sich das Auto bei der Abschleppfirma angeschaut. »Der BMW war in recht gutem Zustand. Auf der Fahrerseite war die Windschutzscheibe lädiert, hatte aber kein Loch«, sagt der Mann.

Wie Tugba Bozkurt später erfuhr, war ihr Vater zwar nicht angeschnallt, der Airbag hatte aber funktioniert. Gutachten zufolge sei der BMW zum Aufprallzeitpunkt vermutlich nur 33 km/h schnell gewesen, deshalb die geringen Schäden trotz der Kollision. »Das hätte den Polizisten zu denken geben müssen«, meint die Tochter des Mordopfers.

Sehr dünne Unfallakte

Staatsanwalt Thomas Hauburger kann die Sicht der Angehörigen verstehen, möchte sich aber voll darauf konzentrieren, diesen »Cold Case« zu lösen. Hauburger nannte Details zum Ermittlungsstand. Der Schuss sei wohl mit einer Kleinkaliberwaffe abgegeben worden. »Bei größeren Kalibern wären Halswirbel gesprengt worden, sie waren aber nur deformiert. Trotzdem war der Schuss mit Sicherheit tödlich, weil Blutgefäße zerstört wurden«, erläutert er. Das Projektil sei nicht gefunden worden. Möglicherweise sei es im Körper des Opfers steckengeblieben und im Grab von einem Tier weggeschleppt worden. Das Geschoss könne aber auch im Auto gelegen haben. Leichnam und Auto wurden zunächst sichergestellt. Ob der Staatsanwalt, der nachts Bereitschaft hatte, eine Obduktion für nötig hielt, sei aus der »sehr, sehr dünnen Unfallakte« nicht eindeutig ersichtlich. Die zuständige Dezernentin habe aufgrund des Polizeiberichts entschieden, auf eine Obduktion zu verzichten. »Eine solche Untersuchung ist hier nur zulässig, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt. Es gibt Länder, wo jeder Tote obduziert wird.« Die 33 km/h bestätigt Hauburger nicht, es sei aber eine »relativ geringe Aufprallgeschwindigkeit« gewesen. Auch bei einem solch geringen Tempo könne ein Fahrer aber sterben.

Wie der Staatsanwalt sagt, habe ein Rechtsmediziner die Leiche angeschaut. »Dabei wurde keine Eintrittswunde festgestellt. Falls Munition des Kalibers 22 verwendet wurde, war die Wunde nur wenige Millimeter breit. Hat sie sich unter dem Haar befunden, ist sie bei der oberflächlichen Leichenschau kaum zu bemerken«, betont Hauburger. Die genaue Todesursache sei damals offen geblieben.

Hauburger sieht gute Chancen, den Fall zu lösen, auch ohne DNA-Täter-Spuren. Entscheidend sei, ob sich nach Medienberichten und Ausstrahlung des Falls am 25. Juli in »Aktenzeichen XY« neue Zeugen melden.

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