Die Hügelstraße ist eine der Hauptverkehrsadern in Darmstadt. FOTO: DPA
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Die Hügelstraße ist eine der Hauptverkehrsadern in Darmstadt. FOTO: DPA

Fahrverbot wird oft ignoriert

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In normalen Zeiten sind die großen Straßen in Darmstadt zur Rushhour mit Autos verstopft. Die Abgase sind eine Gesundheitsgefahr, sodass vor einem Jahr zwei Straßen für alte Autos dichtgemacht wurden. Die Stadt sieht sich auf einem guten Weg, doch weiteres Ungemach droht.

Seit einem Jahr gilt für Abschnitte zweier Hauptverkehrsadern in Darmstadt ein Fahrverbot für alte Diesel und Benziner. Auch für Laster sind die Strecken tabu. Der Grund: viel zu dreckige Luft und die daraus resultierenden Gesundheitsgefahren für die Anwohner. Nach dem Verbot am 1. Juni 2019 sieht sich die Stadt heute auf einem guten Weg. "Die Messwerte für Stickoxid gehen deutlich nach unten", sagt die für die Umweltpolitik zuständige Stadträtin Barbara Akdeniz von den Grünen. Die Bilanz der Verkehrssünder ist allerdings erschreckend. Darmstadt ist bislang die einzige hessische Stadt, in der es Fahrverbote gibt.

Verfolgungsdruck stark erhöht

Die aktuellsten Auswertungen zeigen: In mehr als 16 500 Fällen ignorierten bis in den März und April hinein Fahrer von Autos und Lastern schlicht das Fahrverbot. Präsenzkontrollen der kommunalen Behörden noch nicht einmal mitgerechnet. Erkannt werden Sünder, weil sie beim Überfahren einer roten Ampel oder wegen zu hoher Geschwindigkeit geblitzt werden. Seit einigen Wochen hat die Stadt den Verfolgungsdruck erhöht und blitzt nun auch verdachtsunabhängig. Offensichtlich mit Erfolg, denn die Zahl der Fahrverbotsignoranten ist rückläufig.

Für die Ordnungshüter aber ist es eine Sisyphusarbeit. Bei jedem Foto muss per Hand über das Kennzeichen abgeklärt werden, ob der Fahrer gegen das Verbot verstoßen hat. Vom 1. Juni 2019 bis ins Frühjahr 2020 wurden nach Angaben der Stadt auf den beiden Streckenabschnitten in der Hügelstraße und Heinrichstraße wegen anderer Verkehrsverstöße mehr als 72 000 Fahrzeuge geblitzt.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und die schwarz-grüne Landesregierung hatten sich darauf geeinigt, einen 640 Meter langen Abschnitt der viel befahrenen Hügelstraße und 330 Meter der Heinrichstraße für Dieselfahrzeuge bis Euronorm 5 und für Benziner bis Euronorm 2 zu sperren.

30er-Zonen als Regeltempo?

In Darmstadt waren 2018 an Messstellen Jahresmittelwerte an der Hügelstraße von knapp 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Stickstoffdioxid und an der Heinrichstraße von rund 54 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen worden. In den Jahren davor lagen die Werte noch höher. Der EU-Grenzwert liegt bei einem Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Im Mittel seien die Werte durch die Fahrverbote, kombiniert auch durch Tempo-30-Zonen, seit Juni 2018 um 30 Prozent gesunken. In der Heinrichstraße würden Messungen unterhalb der Grenzwerte liegen. Bei einem Passivsammler an der Hügelstraße indes noch nicht, sagt Akdeniz. Die Tempo-30-Zonen seien zwar nicht primär wegen des Schadstoffausstoßes eingerichtet worden, seien aber auch hier hilfreich.

"Wir wollen politisch fordern, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit einzuführen. Davon würden die Sicherheit, der Lärmschutz und auch die Luft profitieren." Rechtlich gebe es hier aber Hürden.

"Oberstes Ziel ist es, den Individualverkehr zu reduzieren", sagte Akdeniz. In einem sogenannten Green City Plan will die Stadt unter anderem den öffentlichen Nahverkehr stärken und das Radwegenetz ausbauen, um Autos aus der Stadt rauszuhalten. Zwar müssten durch die Corona-Krise wegen der enormen Mindereinnahmen alle Maßnahmen überprüft werden. "Ich bin mir aber sicher, dass wir nicht beim Klimaschutz sparen werden."

Die optimistische Einschätzung der Stadt beim Rückgang der Schadstoffe teilt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) indes nur für die Heinrichstraße. Zwar seien die Werte in Darmstadt teils drastisch verbessert worden, doch gebe es in der Hügelstraße auch in den ersten vier Monaten 2020 keine Entwarnung, sagte gestern Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

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