Fachwerk, Burgen - und Römer

  • Rüdiger Geis
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Unser vielfältiges Bundesland ist Thema unserer Serie "Hessisch!". Wer von prunkvollen Schlössern träumt, wird an der Lahn entlang ebenso fündig wie alle, die es auf Ritterburgen zieht. Auch kunstvoll restauriertes Fachwerk und einen fast 900 Jahre alten Dom gibt es in den Altstädten zu bewundern. Und einen Hauch von Rom.

Hannah und Paul sind in einem Fachwerkhaus aufgewachsen. Nein, mit dem Mit-telalter oder der frühen Neuzeit haben sie nichts zu tun, auch wenn auf einem Balken der Pfarrgasse 3 in der Bad Camberger Altstadt die Jahreszahl 1559 steht.

Die Familien Weller und Bäumlisberger haben das Gebäude mit viel Eigenleistung komplett saniert und die Wände in der althergebrachten Weise mit Stroh und Lehm wieder hergerichtet.

Die Handarbeit war ein Teil des Ganzen, die gute Planung etwas anderes. Schon 1983 hatten Eva Bäumlisbergers El-tern, Ulrike und Ulrich Weller, das Gebäude gekauft. Drei Jahre später begann die Instandsetzung. Das ehemalige Ackerbürgerhaus wurde zum Wohnhaus, das den Anforderungen des Denkmalschutzes entspricht und einer Familie mit heutigen Bedürfnissen ein Zuhause gibt.

Ist es anstrengend, im Fachwerk zu leben? "Sicher nicht", meint Eva Bäumlisberger. "Innen in meinem Büro haben wir seit 1996 nichts mehr gemacht", erzählt sie. Auch außen halte sich die Arbeit in Grenzen. Die Familie macht alles selbst: In einem Abstand von etwa acht Jahren wurden Fachwerkgefache ausgebessert. Zum Teil kamen neue Armierungen hinzu, das Holz wird gestrichen. Das Raumklima ist genial: "Freunde haben schon oft gesagt, sie würden gerne hier leben", sagt die Bad Cambergerin. Atmungsaktive Räume, "von Schimmel oder Feuchtigkeit brauchen wir natürlich nicht zu reden".

Dies ist nur eines von vie- len Fachwerk-Schmuckstücken, die im Nassauer Land zu finden sind. Weithin bekannt ist die Kreisstadt Limburg - nicht nur wegen des heiß diskutierten Bischofssitzes, sondern auch wegen ihrer aufwendig sanierten Fachwerk-Altstadt, die die Touristen anzieht. Und wegen des Doms, der einmal den 1000-Mark-Schein zierte. Der Georgsdom mit seinen sieben Türmen vereint romanische und frühgotische Baukunst. Generationen von Limburger Schülern sind in den Kunststunden den Domberg hinaufgestiefelt, um ihn zu malen - mehr oder weniger erfolgreich.

Einer, der sich besonders gut auskennt, ist Josef Weimer. Der Domrestaurator hat 22 Jahre dort gearbeitet, unterstützt heute noch angehende Domführer mit seinem Fachwissen. Der Baubeginn des Limburger Doms werde aufgrund dendrochronologischer Untersuchungen der Westtürme auf etwa 1180 geschätzt. "Es gibt in Europa sicher bedeutendere Dome, aber keinen, der eine geschlossene, originale Innenausmalung aus der Bauzeit hat und eine rekonstruierte Außenbemalung", sagt Weimer. Eine Parallele zur Pariser Kathedrale Notre-Dame gibt es leider auch: Der Vierungsturm des Limburger Doms brannte lichterloh - um 1770. "Er stand wie eine brennende Fackel über der Lahn", berichten die Chronisten. Da sich der Wind glücklicherweise drehte, stürzte der komplette Turm über die Nordseite in die Lahn, was ein Übergreifen auf das weitere Bauwerk verhinderte.

Ritterromantik und barocker Glanz

In die idyllisch an der Lahn gelegene Altstadt von Runkel reisen manche Touristen paddelnd an. Das ist auf dem Fluss möglich und macht Spaß. Das Eiscafé an der Anlegestelle ist ein Treffpunkt. Weiter geht es hoch zur Burg. Übrigens nicht die einzige, denn auch der gegenüberliegende Stadtteil Schadeck hat eine.

In Runkel soll der Sage nach ein Ritter Karls des Großen 778 den Entschluss gefasst haben, auf dem Rücken des Felsens diese Wehranlage zu errichten. Der Baubestand aus mindestens acht Jahrhunderten gilt als Gesamtdenkmal von nationalem Rang und wurde in zehn Bauabschnitten von 2006 bis 2016 umfassend saniert, berichtet die Burgverwaltung. Die mittelalterliche Ruine der Kernburg, die aus zwei Höfen mit drei Querbauten bestehende Unterburg und Wohnbauten mit Details von der Gotik bis zum Barock faszinieren. Ein Teil der Anlage ist bewohnt oder dient als Museum. Ehemals Kreisstadt im alten Oberlahnkreis und barocke Residenz ist Weilburg. Hier errichteten Graf Philipp III. und sein Sohn Albrecht von Nassau-Weilburg zwischen 1533 und 1572 ein vierflügeliges Schloss, das noch heute Weilburgs Stadtansicht bestimmt und den Grafen von Nassau-Weilburg über 200 Jahre als Residenz diente, weiß die Tourist-Info. Die Weilburger Schlosskonzerte sind in der Region ein Begriff. Besucher schätzen den Schlossgarten: François Lemaire, 1700 als Hofgärtner aus Saarbrücken berufen, gestaltete seinerzeit den bestehenden Renaissancegarten um.

Geschichtliche Bedeutung und Bauwerkskunst ganz anderer Art bestimmten vor über 2000 Jahren die Region etwa 35 Kilometer lahnaufwärts. Beim Lahnauer Ortsteil Waldgirmes war damals gerade eine Neugründung im Gange: eine römische Stadt. Bei Feldbegehungen am Ortsrand waren Anfang der 1990er Jahre römische und germanische Keramikstücke aus der Zeit um Christi Geburt entdeckt worden. Die anschließenden archäologischen Grabungen förderten eine 7,7 Hektar große Stadtgründung aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus zutage, das römische Forum. Es war der erste Nachweis für eine römische Stadtgründung nördlich der Alpen und östlich des Rheins.

Die Siedlung war aber schon nach wenigen Jahren wohl als Folge der für die Römer verlorenen Schlacht im Teutoburger Wald, bei der 9 nach Christi der Cheruskerfürst Arminius eine römische Armee unter dem Feldherrn Varus besiegte, aufgegeben worden. Der Sensationsfund eines lebensgroßen Pferdekopfes von einem Standbild des römischen Kaisers Augustus verstärkte die Bedeutung der Fundstätte.

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