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Frauen werden nach Ansicht von Experten noch immer nicht ausreichend vor Gewalt geschützt. FOTO: DPA

STUFEN VON RISIKOBEZIEHUNGEN

In erster Linie ein Männerproblem

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Sie werden geschlagen, um "in die Schranken" gewiesen zu werden, getötet, weil sie sich trennen wollten: Häusliche Gewalt kann bis zum Tod des Opfers führen - in der Regel einer Frau. Auch in Hessen gibt es immer wieder Fälle.

Für manche Frauen ist kaum jemand so gefährlich wie der eigene Partner oder Ex-Partner. Mehr als 140 000 Fälle partnerschaftlicher Gewalt listet das Bundeskriminalamt (BKA) für das Jahr 2018 auf - von Nötigung und Körperverletzung über Vergewaltigung bis zum Mord. Die Opfer sind in der Regel Frauen, die Täter ganz überwiegend Männer. In 118 Fällen endete die Gewalt an Frauen tödlich.

Auch in Hessen gab es zuletzt eine Reihe von Fällen tödlicher Gewalt gegen Frauen: So erlitt am ersten Weihnachtsfeiertag eine 26-Jährige in Idstein tödliche Stichverletzungen - als tatverdächtig gilt ihr Ehemann.

Ebenfalls im Dezember erlitt in Schlangenbad eine Frau lebensgefährliche Verletzungen, ihr Mann soll sie angegriffen haben. In Limburg wurde eine Frau auf offener Straße von ihrem Ehemann getötet - erst fuhr er sie mit dem Auto an, dann schlug er laut Polizeibericht auf die am Boden liegende Frau ein.

"Die Täter sind in allen Bereichen der Gesellschaft zu finden", sagt Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Ethnische Deutsche wie Menschen mit Migrationshintergrund seien ähnlich vertreten.

Zumindest die "minderschwere" häusliche Gewalt, die nicht mit dem Tod des Opfers endet, sei relativ weitverbreitet - wobei auch in der BKA-Erhebung auf das Dunkelfeld verwiesen wird. Denn viele Betroffene schweigen aus Scham, wollen nicht zur Polizei gehen und vertrauen sich auch nicht Angehörigen, Freunden oder Kollegen an.

Gibt es "typische" Täter? Rettenberger unterscheidet zwischen "generell dissozialen Tätern", die auch in anderen Zusammenhängen durch Gewalt auffallen, und den wesentlich weiter verbreiteten Tätern, die nur innerhalb der Beziehung zu Gewalt greifen. "Üblicherweise leben die sehr angepasst und in geordneten Verhältnissen."

Manchmal führe erst eine Lebenskrise, Alkohol- oder Drogenmissbrauch zur Gewalt in der Beziehung, andere Täter dagegen seien extrem eifersüchtig oder versuchten, ihre Partnerin zu "kontrollieren" - auch mit Gewalt. "Wenn es dann zu ganz schwerwiegenden Delikten kommt, erzählen Angehörige oder auch Bekannte: Das war immer so ein netter Mensch, von dem hätten wir das nie gedacht", schildert Rettenberger.

In der Öffentlichkeit sei Gewalt gegen Frauen "noch ein großes Tabuthema", sagt Vanessa Bell von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. "Häusliche Gewalt ist eine weltweite Epidemie und müsste noch mehr erforscht werden."

Viele Menschen fragten meist, warum die Frau bei diesem Mann bleibe - und wiesen damit dem Opfer Verantwortung zu. Stattdessen müsse gefragt werden: "Warum gibt es in unserer angeblich so fortschrittlichen Gesellschaft immer noch Männer, die ihre Frau schlagen und glauben, das sei in Ordnung?", sagt Bell. "Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem, sondern - in erster Linie- ein Männerproblem. Da sehe ich ganz viel Handlungsbedarf."

Die Defizite bestehen, obwohl die sogenannte Istanbul-Konvention bereits vor zwei Jahren in Deutschland in Kraft trat. Dabei handelt es sich um ein Übereinkommen des Europarats. Bei der Umsetzung sieht der Deutsche Juristinnenbund allerdings weiter Handlungsbedarf. Erst vor wenigen Tagen forderte der Verband eine unabhängige Monitoring-Stelle.

Auch in der Rechtsprechung sieht Bell Probleme. Während sogenannte Ehrenmorde zwar meist als Mord aus niedrigen Beweggründen bestraft würden, gingen Gerichte bei Trennungstötungen häufig von Totschlag aus.

Unrealistische Vorstellungen

"Wenn die Trennung vom Tatopfer ausgeht und der Angeklagte sich dessen "beraubt fühlt", liegt kein Mord vor, sondern Totschlag, das sieht man ganz oft in Deutschland in der Rechtsprechung", sagt Bell. "Dann bekommt der Täter statt lebenslänglich im günstigsten Fall nur fünf Jahre Gefängnis."

Auch Rettenberger kennt aus der Begutachtung von Tätern das "Festhaltenwollen" einer Beziehung - notfalls mit Gewalt. "Es ist leider so, dass manche jemanden so sehr lieben, dass sie den Verlust nicht ertragen könnten und dann lieber schwer verletzen oder töten, um den anderen dann zumindest im Kopf immer bei sich zu haben", sagt er. Er habe mit Männern gesprochen, die ihre Partnerin schwer verletzt hätten. "Die hatten die völlig unrealistische Vorstellung, dass die Frau ihnen verzeihen und zu ihnen zurückkehren wird."

Ehe es in einer Beziehung zu schwerer oder schwerster Gewalt kommt, gibt es Warnhinweise: Etwa wenn Fürsorglichkeit in Kontrollverhalten und Eifersucht umschlägt, der Partner für soziale Isolation von Freunden und Bekannten sorgt. Dabei könne die Haltung sehr schnell "umkippen" zwischen Zuneigung und Abwertung, Normalzustand und Wut, sagt Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

Dieses Verhalten sei häufig schon sehr früh vorhanden, später steigerten sich dann Intensität und Gewalt. dpa

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