Erhebung: 5000 »arme« Kinder im Lahn-Dill-Kreis

Wetzlar (emd). Kinderarmut werde künftig eher zunehmen als zurückgehen. Diese Sorge teilte der Sozialdezernent des Lahn-Dill-Kreises, Günther Kaufmann-Ohl am Mittwochnachmittag mit den knapp 200 Besuchern der zweiten Fachtagung zum Thema »Armut von Kindern im Lahn-Dill-Kreis«.

Wetzlar (emd). Kinderarmut werde künftig eher zunehmen als zurückgehen. Diese Sorge teilte der Sozialdezernent des Lahn-Dill-Kreises, Günther Kaufmann-Ohl am Mittwochnachmittag mit den knapp 200 Besuchern der zweiten Fachtagung zum Thema »Armut von Kindern im Lahn-Dill-Kreis«. In der Kreisverwaltung am Karl-Kellner-Ring konnten sich die Teilnehmer anhand von Praxisreferaten und Ausstellungen über aktuelle und geplante Programme gegen Kinderarmut informieren. Eingeladen hatte eine Arbeitsgemeinschaft aus Vertretern der Liga der freien Wohlfahrtspflege, der örtlichen Sozialhilfeträger und der Jugendhilfeträger der Stadt Wetzlar und des Lahn-Dill-Kreises.

Derzeit gehe man für den Bereich des Lahn-Dill-Kreises von rund 5000 »armen« Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren aus, erläuterte Kaufmann-Ohl. Dabei beziehe sich der Begriff »arm« auf Kinder »im Hartz IV-Bezug«. In Zahlen ausgedrückt bedeute dies, dass ein Kind oder ein Jugendlicher mit 60 Prozent des Betrages für erwachsene Hilfsempfänger - 285 Euro im Monat - auskommen müsse. Dieser Betrag sei in keiner Weise angemessen und decke nicht die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder, allen voran der Schüler. Als Beispiel nannte Kaufmann-Ohl die Kosten für ein warmes Mittagessen in der Schule oder für die vor allem in den höheren Jahrgängen anspruchsvollen Klassenfahrten.

Kinder aus sozial schwachen Familien würden hier benachteiligt und ausgegrenzt obwohl gerade sie die Integration in den Klassenverband besonders nötig hätten. Es gehe aber nicht nur um Materielles sondern auch um den Bildungsnotstand armer Kinder und deren soziale und gesundheitliche Vernachlässigung.

Vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Krise rechne der Lahn-Dill-Kreis mit steigender Armut unter Kindern und Jugendlichen. Wetzlar habe einen hohen Anteil an Industrie, Zulieferern und mittelständischen Unternehmen, die Kurzarbeit angekündigt haben. Es gelte, der Not in den Familien mit präventiven Förderprogrammen zu begegnen. Der Lahn-Dill-Kreis sei »gut vernetzt«, so der Sozialdezernent. Private Träger arbeiteten Hand in Hand mit den öffentlichen Stellen der Stadt Wetzlar und des Kreises. Die Fachtagung mit ihren Vorträgen und Ausstellungen sei ein »lebendiges Beispiel« dafür. Sie solle »das Thema Kinderarmut wach halten, das Netzwerk mobilisieren und Möglichkeiten der Hilfe weiter tragen«.

Der Kreis habe zu Beginn des Jahres 2009 einen Fonds über 200 000 Euro aufgelegt, der zum Beispiel ein Frühstück an den Schulen unterstütze, bei den Kosten für Klassenfahrten einspringe oder außerschulische Betreuungsangebote finanziere. Dies reiche jedoch nicht aus, so Kaufmann-Ohl. Im Bereich Gesundheit gebe es ebenso Defizite, da die Krankenkassen sich für arme Kinder nicht zuständig fühlten. Hier seien öffentliche Stellen und freie Träger gefragt.

Der Fachtagung mangelte es nicht an Beispielen der praktischen Hilfe. So stellte Marie-Luise Lenz-Graf, Gesundheitsexpertin des Lahn-Dill-Kreises, das Modellprojekt »Fitte Früchtchen« an Kindertagestätten und Grundschulen vor. Die Jungendhilfeplanerein der Stadt Wetzlar, Elke Eichler, erläuterte das ab April im Stadtteil Niedergirmes geplante dreijährige Projekt »gemeinsam unterwegs«, ein »System der Früherkennung für Hilfsbedarf in Familien«. Ebenso neu ist der geplante Einsatz einer »Familienhebamme«, die sich »zwischen Kontrolle und Prävention« um junge Eltern kümmern soll.

Bereits erfolgreich arbeiteten die integrativen Sprachförderprogramme »HIPPY« und »VIP«, eine gemeinschaftliche Initiative der Awo, der Caritas und des DRK, die Eltern von Vorschulkindern in die Sprachentwicklung ihrer Sprösslinge einbeziehen und damit möglicher Probleme im Schulalter vorbeugen. Die Tagungsteilnehmer konnten sich zudem über das Kindersprachscreening »Kiss«, eine Spracherfassung in Kindertragestätten, das Beratungsangebot für junge Familien zum Thema »Das Baby verstehen«, die Suchtprävention »Faustlos« und »das kleine ich bin ich« an Grundschulen, sowie über Sportangebote und »Vorlesen in Familien« informieren.

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